Zeitung Heute : Spionage: Eine lange, einsame Zeit

Malte Lehming

Der mysteriöse Brief, mit dem alles begann, wurde am 4. Oktober 1985 gegen Mittag mit der normalen Post zugestellt. Damals war die Welt noch exakt in Gut und Böse getrennt. In Europa standen nukleare Mittelstreckenraketen, in Washington wetterte US-Präsident Ronald Reagan gegen das "Reich des Bösen", in Moskau war Michail Gorbatschow gerade an die Macht gekommen. Doch noch wusste keiner, welche Folgen "Glasnost" und "Perestroika" haben würden. Niemand ahnte, dass sich der Sowjetkommunismus wenige Jahre später auflösen sollte.

Auch Robert Philip Hanssen ahnte das nicht, der Spezialist für sowjetische Spionageabwehr beim US-Bundeskriminalamt FBI. Von Hanssen allerdings ging an diesem 4. Oktober ein brisanter Brief bei der Privatadresse eines KGB-Offiziers ein, der in der Nähe von Washington wohnte. Der Offizier öffnete den Brief und fand darin einen zweiten Umschlag, auf dem stand: "Nicht öffnen! Überreichen Sie das Couvert persönlich an Viktor I. Tscherkaschin!" Tscherkaschin war damals eine Art Gegen-Hanssen. Er arbeitete als Spionageabwehr-Chef an der sowjetischen Botschaft in Washington. Der Offizier tat, wie ihm geheißen.

In Tscherkaschins Ohren klang das anonyme Schreiben vielversprechend. Für 100 000 Dollar in Bar, notierte Hanssen, der sich selbst nur als "B" zu erkennen gab, könne er dem KGB einige höchst interessante Dokumente liefern. "Sie betreffen die empfindlichsten Bereiche des amerikanischen Geheimdienstes." Als Geste seines guten Willens lüftete Hanssen in demselben Brief zusätzlich die Identität von drei Doppelagenten des KGB, die für die Vereinigten Staaten spionierten. Was Hanssen nicht wusste: Alle drei waren kurz zuvor schon einmal verraten worden.

Es sollte die letzte Lieferung sein

Denn fast gleichzeitig mit Hanssen war Aldrich Ames, ein Agent des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA, 1985 zum KGB übergelaufen. Hanssen und Ames kannten sich zwar nicht. Aber weil Ames dieselben Namen genannt hatte, die Hanssen jetzt bestätigte, wurden bald darauf zwei der drei Doppelagenten vom KGB enttarnt und in der Sowjetunion hingerichtet. Der dritte sitzt bis heute im Gefängnis. Ames wurde 1994 enttarnt und verbüßt in den USA eine lebenslange Freiheitsstrafe. Auch für die Geschichtsschreibung dürften die Fälle Hanssen und Ames interessant sein: Weil der KGB sowohl die CIA als auch das FBI infiltriert hatte, blieb den Sowjets bis zur Maueröffnung und darüber hinaus offenbar kaum eine amerikanische Geheimdiensttätigkeit verborgen.

Die heimlich-unheimliche Liaison zwischen Hanssen und dem KGB, die mit zwei Toten begann, endete erst 15 Jahre später. Am Sonntag, dem 18. Februar 2001, kurz nach 20 Uhr, beobachten zehn bewaffnete FBI-Agenten, wie der Familienvater zu einem "toten Briefkasten" mit dem Kodenamen "Ellis" geht. Unter einer unscheinbaren Holzbrücke, die sich in einem abgelegenen Park im Washingtoner Vorort Vienna befindet, deponiert der 56-Jährige eine Plastiktüte mit Geheimdokumenten. Sie sind offenbar für einen russischen Kontaktmann bestimmt. Nicht weit davon entfernt, an einem zweiten "toten Briefkasten", findet ein anderes FBI-Team den vermutlichen Lohn für die Dokumente: 50 000 Dollar in Hunderter-Noten. Als Hanssen aus dem Park tritt, wird er umringt, Handschellen klicken, man liest ihm seine Rechte vor. Die Plastiktüte, die er unter der Brücke deponiert hatte, wäre wahrscheinlich seine letzte Lieferung gewesen. Ende März wollte sich Hanssen vorzeitig pensionieren lassen.

Er fühlte sich seit einiger Zeit verfolgt. In dem Brief, den die Beamten bei seiner Verhaftung sicherstellen, schreibt Hanssen an die Russen: "Liebe Freunde, ich danke Euch für Eure Untersützung in all diesen Jahren. Aber wie es scheint, muss meine Tätigkeit bald aufhören. Es wird Zeit, dass ich mich aus dem aktiven Dienst zurückziehe. Irgendetwas hat den schlafenden Tiger geweckt. Vielleicht wisst Ihr mehr darüber. Das Leben ist voller Höhen und Tiefen." Bei einer Hausdurchsuchung finden die US-Beamten einen Reisepass, einen Kontoauszug der Züricher Bank "Crédit Suisse" und andere Finanzdokumente, die vermuten lassen, dass Hanssen das Land verlassen wollte. Auf dem Rücksitz seines Autos liegen ein Buch mit dem Titel "US-Gegenspionage - Ethik und Konflikte" und eine Flasche mit russischem Wodka.

In den US-Medien werden seit Hanssens spektakulärer Verhaftung fast täglich neue Einzelheiten über diesen Reality-Thriller bekannt. Es heißt, es handle sich um den schlimmsten Verrat in der Geschichte des FBI. Hanssen hatte Zugang zu den geheimsten Programmen und wusste über die meisten Operationen Bescheid. Er war der Kopf des elektronischen Überwachungssystems des FBI. Während seiner 15-jährigen Tätigkeit hat er an die Sowjets, später an die Russen, 6000 Seiten Dokumente geliefert sowie zwei Dutzend Computer-Disketten.

Die jüngste Neuigkeit hat dazu geführt, dass das Moskauer Außenministerium den Stellvertreter des US-Botschafters einbestellte. Die "New York Times" hatte über einen geheimen Tunnel berichtet, dessen Existenz Hanssen an die Sowjetunion verraten haben soll. Den Geheimgang hatten US-Geheimdienste in den achtziger Jahren unter der sowjetischen Botschaft in Washington gegraben - sozusagen als Revanche, nachdem der KGB in Moskau den Neubau der amerikanischen Botschaft mit Abhörvorrichtungen versehen und zur besseren Wartung der Abhöranlagen einen Tunnel bis in den Keller der Botschaft gegraben hatte. Der Tunnel von Washington soll Hunderte von Millionen Dollar gekostet haben; er galt als eines der bestgehüteten Geheimnisse des Landes, nicht einmal Kongressmitglieder haben davon gewusst.

Bislang weiß niemand, wie groß der Schaden ist, den Hanssen angerichtet hat. Hinter verschlossenen Türen begannen in der vergangenen Woche die Senats-Anhörungen zum Fall Hanssen. Im Mai soll in Alexandria der Prozess gegen den Doppelagenten eröffnet werden. Die Anklage fußt auf einer 109-seitigen Eidesstattlichen Versicherung des FBI-Spezialagenten Stefan Pluta, der seit Oktober letzten Jahres auf Hanssen angesetzt worden war. "The United States of America versus Robert Philip Hanssen, alias B, alias Ramon Garcia, alias Jim Baker, alias G. Robertson" steht auf dem Titelblatt. Das sind die vier Namen, die Hanssen benutzt hatte.

Denn wer er war und wo er arbeitete, durften selbst die Russen nicht erfahren. Höchst professionell hütete Hanssen seine Identität. Wiederholt lehnte er es ab, sich mit einer Kontaktperson zu treffen. "Ich bin viel sicherer, wenn Sie wenig über mich wissen", schrieb er 1988 an den KGB. "Wir sind doch keine Kinder, was solche Dinge anbelangt."

Hanssen kannte alle Tricks. Im FBI-Fahndungscomputer konnte er regelmäßig überprüfen, ob er sich verdächtig gemacht hatte. Die Übergabetermine wurden konspirativ vorbereitet. Entweder musste der KGB als Verabredungs-Signal bestimmte Annoncen schalten, oder die Zeitangabe war nur mit einem vorher von Hanssen bekannt gegebenen Additionswert zu entziffern. Wenn zum Beispiel die Vorgabe "plus sechs" hieß, dann war der 20. Februar, 12 Uhr, in Wirklichkeit der 26. August, 18 Uhr.

Das FBI kam dem Maulwurf nur auf die Schliche, weil ihm im vergangenen Herbst aus Moskau das Dossier zugespielt worden war, das die Russen über "B" angelegt hatten. Alle Indizien deuteten auf Hanssen hin, der von da an rund um die Uhr überwacht wurde. Am Ende seiner Karriere war der Verräter verraten worden.

Doch je mehr über Hanssens Doppelleben bekannt wird, desto mehr Rätsel tun sich auf. Bislang hat niemand eine plausible Erklärung, warum ausgerechnet Hanssen zum KGB übergelaufen ist. In seiner Biografie lässt sich kein Anhaltspunkt dafür finden. War es das Geld, die Ideologie, das Abenteuer?

Spitzname "Totengräber"

Hanssen war in Chicago als einziges Kind eines Polizisten aufgewachsen. Er war ein Einzelgänger. Fasziniert von der Geheimdiensttätigkeit stieß er mit 29 Jahren zum FBI. Er galt als klug, manche sagen, er war brillant. Dass er trotzdem nicht bis ganz nach oben kam, lag an seiner etwas drögen, wenig sozialen Art. Weder war er lustig, noch konnte er sich mit seiner dünnen Stimme in Sitzungen Gehör verschaffen. Manchmal trug er tagelang denselben schwarzen Anzug; sein Spitzname beim FBI lautete der "Totengräber".

Hanssen trank nicht, spielte nicht, rauchte nicht. Er war verheiratet, hatte sechs Kinder - drei Mädchen, drei Jungen. Er wohnte in einem Reihenhaus in Vienna, einem dieser typischen betulichen Vororte von Washington, kam jeden Tag um 17 Uhr 30 von der Arbeit, mähte am Wochenende den Rasen und führte regelmäßig den Hund aus. Außerdem war er sehr katholisch. Zusammen mit seiner Frau Bernadette gehörte er der strenggläubigen Opus-Dei-Gemeinschaft an. Das Ehepaar besuchte regelmäßig die lateinische Messe. Die Kinder wurden auf religiöse Privatschulen geschickt. Opus Dei ist mit weltweit etwa 84 000 Mitgliedern eine relativ kleine Organisation. Ihre Mitglieder sind diszipliniert und ausgesprochen antikommunistisch. Auch Hanssen verabscheute den Marxismus.

Oft mokierten sich Hanssens FBI-Kollegen sogar über dessen ausgeprägten Moralismus. Auf Partys zu gehen, berge "die Versuchung, gegen Gott zu sündigen", predigte er. "Hanssen ließ uns alle spüren, dass er glaubte, ein besserer Mensch zu sein", erinnert sich ein Mitarbeiter. Wegen dieser subtilen Arroganz habe er im FBI keine echten Freunde gehabt. Aber was erklärt das? Auch der gegenwärtige FBI-Direktor Louis Freeh hat sechs Kinder und gehört zur Opus-Dei-Gemeinschaft. Er besucht sogar dieselbe Kirche, wie es Hanssen und seine Frau taten.

Ein flehender Brief

Bleibt als Motiv das Geld. FBI-Mitarbeiter verdienen nicht gerade üppig. Und bei sechs Kindern kommt einiges allein an Schulgeld zusammen. Aber 600 000 Dollar Bargeld in 15 Jahren und drei Diamanten, das ist nicht gerade viel, gemessen an dem Risiko, für ein solches Verbrechen mit dem Tode bestraft zu werden. Weitere 800 000 Dollar sollten als Sicherheit in Moskau für ihn bereit liegen. Doch das hielt Hanssen für eine "typische Geheimdienstlüge". Am 8. November 1985, also unmittelbar nach der ersten Kontaktaufnahme, warnte Hanssen sogar seine sowjetischen Geldgeber: "100 000 Dollar sollten die Obergrenze sein. Ich kann solch hohe Summen sowieso nicht ausgeben, auf die Bank bringen oder investieren, ohne mich verdächtig zu machen."

Gut sieben der 15 Jahre, von Dezember 1991 bis Anfang 1999, war der Kontakt zwischen beiden Seiten abgerissen. Jedenfalls hat das FBI aus dieser Zeit keine Briefe veröffentlicht. Offenbar hatte Hanssen Angst, enttarnt zu werden. Dann plötzlich meldet er sich im März 1999 mit einer Beschwerde zurück, die nach Panik klingt. "Ich habe alles getan, um mich für Euch aufzuopfern", schreibt er an den russischen Geheimdienst, "und Ihr erwidert das mit Schweigen." Am Ende fleht er geradezu. "Bitte sagt mir wenigstens Auf Wiedersehen. Es war schließlich eine lange Zeit, meine lieben Freunde, eine lange und einsame Zeit."

War es Einsamkeit, war es Übermut, war es Schizophrenie? Hanssen habe in seinem langweiligen Leben einen Kick gebraucht, sagt ein Psychologe. "Doppelspione zählen zu den einsamsten Menschen der Welt", sagt ein Zweiter, "wenn sie einmal angefangen haben, müssen sie immer weitermachen, um ihre Einsamkeit zu durchbrechen." Ein Dritter hält es für möglich, dass Hanssen gar keinen Widerspruch zwischen seinem Glauben und seinem Verrat empfunden hat. "Er hat einfach keine Beziehung zwischen diesen beiden Dingen hergestellt."

Das Rätsel bleibt - auch für seine 88-jährige Mutter, die er regelmäßig besuchte, sowie für seine Frau und seine sechs Kinder. Bernadette Hanssen erlitt einen Schock, als sie von der Verhaftung ihres Mannes erfuhr. Gewusst hat sie, nach FBI-Angaben, nichts von dessen Doppelleben. Diese Vermutung stützt auch einer seiner letzten Briefe, geschrieben im vergangenen November und unterzeichnet mit "Ramon". Darin weist Hanssen erneut das Angebot eines Treffens mit seinem sowjetischen Gegenüber zurück. "Wenn ich zu lange von zu Hause wegbleibe", erklärt Hanssen, "muss ich bloß unangenehme Fragen beanworten."

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