Zeitung Heute : Spitze ohne Spitze

Selbst wenn bei der WM einige Stars verletzt sind, muss dies für das Turnier kein Drama sein

Daniel Pontzen

Zahlreiche WM-Stars bangen zurzeit verletzungsbedingt um einen Spieleinsatz. Wie kann sich das auf den Verlauf des Turniers auswirken?


Zuletzt erwischte es die Franzosen. Djibril Cissé, erfolgreichster Stürmer der Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation, erlitt im letzten Vorbereitungsspiel seiner Mannschaft am Mittwoch eine der schlimmsten Verletzungen, die sich ein Fußballer zuziehen kann: Schien- und Wadenbeinbruch, das bedeutet rund sechs Monate Pause. Italien muss zumindest im Auftaktspiel auf die Stammspieler Gennaro Gattuso und Gianluca Zambrotta verzichten, für Deutschland ist wie schon 2002 Sebastian Deisler nicht dabei. Und bis zuletzt bewegte die verhärtete Wade von Michael Ballack die Fußballfans aus dem Gastgeberland – ähnlich wie zuvor die Krankengeschichte des Stürmers Wayne Rooney England zu einer Nation der Mittelfuß-Experten machte.

Dass sich die Führungsfiguren großer Mannschaften nicht ohne weiteres ersetzen lassen, zeigt die Geschichte der bisherigen Weltmeisterschaften. Auch der Glanz eines Turniers litt schon häufiger unter dem Ausfall von Starspielern. Eines der prominentesten Beispiele ist Pelé, der sowohl 1962 als auch 1966 bei mehreren Spielen verletzungsbedingt fehlte. Konnten die übermächtigen Brasilianer diesen Verlust 1962 in Chile noch kompensieren, waren sie damit vier Jahre später in England überfordert, da die meisten Mitspieler ihren Zenit selbst überschritten hatten.

Ein ähnliches Beispiel liegt erst vier Jahre zurück. Als Topstar Zinedine Zidane in Japan und Südkorea in den ersten beiden Spielen ausfiel, holte Frankreich nur einen Punkt. Als der Kapitän zum letzten Gruppenspiel gegen Dänemark ins Team zurückkehrte, konnte er seiner völlig verunsichert auftretenden Mannschaft auch keine entscheidenden Impulse mehr geben, der Turnierfavorit schied ohne ein einziges erzieltes Tor in der Vorrunde aus.

Dass es aber keineswegs immer so laufen muss, lässt sich am selben Spieler festmachen: Vier Jahre zuvor hatten die Franzosen das Fehlen ihres Chefstrategen weitaus besser verkraftet. Beim Turnier im eigenen Land stand Zidane nach einer Roten Karte im zweiten Gruppenmatch zwei Spiele lang nicht zur Verfügung. „Les Bleus“ schaffte dennoch das Weiterkommen und gewannen im Finale von Paris 3:0 gegen Brasilien – vor allem Dank zweier Tore von Rückkehrer Zidane.

Auch 2002 blieb der Ausfall einer bedeutenden Spielerpersönlichkeit folgenlos: Emerson, Kapitän des brasilianischen Teams, hatte sich bei einer Trainingseinheit spaßeshalber ins Tor gestellt, sich dabei die Schulter verrenkt, was ihn das gesamte Turnier kostete. An Brasiliens Triumph jedoch änderte der personelle Verlust nichts.

Die Attraktivität einer WM muss durch das Fehlen vermeintlicher Top-Stars ebenfalls nicht zwangsläufig beeinträchtigt werden. Oft waren es zuvor unbeachtete Spieler, die Weltturnieren ihren Stempel aufdrückten. Die WM 1990 etwa lieferte hierfür zahlreiche Beispiele: Wer hätte vor dem damaligen Eröffnungsspiel damit gerechnet, dass der 38-jährige Roger Milla oder Englands Milchgesicht Paul Gascoigne zu den schillerndsten Figuren des Turniers würden? Auch beim damaligen Gastgeber wechselte sich urplötzlich die angedachte Rollenverteilung: Während der längst als Volksheld vorgesehene Angreifer Gianluca Vialli während des gesamten Turniers weitgehend blass blieb, stürmte sich der bis dahin nur mäßig geschätzte Sizilianer Salvatore „Toto“ Schillaci mit sechs Toren in die WM-Geschichte. Übersetzt auf die heutigen Verhältnisse wäre das so, als würden nicht Lukas Podolski oder Michael Ballack den Gastgeber Richtung Berlin schießen, sondern David Odonkor. Denkbar ist das – vorausgesetzt, er bleibt unverletzt.

Foto: Mike Wolff

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