Zeitung Heute : Sponsoren füllen Kassen und Koffer der Kicker

BERLIN. .120 sperrige Koffer aus Metall und 150 vollgepackte Pappkartons verließen vor einigen Tagen das fränkische Herzogen-aurach in Richtung Nizza.Die Fracht: 60 Fußbälle in den Farben der Tricolore, 440 Trikots in grün und weiß sowie 150 sogenannte Sets, bestehend aus Trainingsanzügen, Shirts und Hosen mit den weltbekannten drei Streifen.Neue Ware - zum Teil eigens für die Fußballweltmeisterschaft entwickelt.Als einer der Sponsoren des Deutschen Fußballbundes nimmt Adidas seine Verantwortung für Aussehen und Wohlbefinden der deutschen Kicker ernst.Damit nicht genug: 12 000 Schiedsrichter und Helfer werden zusätzlich mit Shirts und Shorts im Drei-Streifen-Look ausgestattet.Schließlich will Adidas seine Position als Nummer eins der Fußballausstatter gegen den ambitionierten Herausforderer und Weltmarktführer bei Sportartikeln, Nike, verteidigen."Die beste Ausrüstung für eines der besten Teams der Welt", lautet die Mission, mit der Adidas in Frankreich antritt.

Die Zusammenarbeit zwischen dem Herzogenauracher Sportartikelhersteller und dem Kicker-Bund hat Tradition.Schon 1954 hat Firmengründer Adi Dassler in der Halbzeit eigenhändig die Fußballschuhe der deutschen Shooting-Stars überprüft.Der jetzige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfuß wird zwar nicht an den Spielerfüßen herumdoktern, beim Auftaktspiel heute abend ist er aber auf jeden Fall dabei.So familiär wie vor 44 Jahren ist der Umgang zwischen Spielern und Förderern längst nicht mehr.Schließlich ist Fußball-Sponsoring mittlerweile Big Business.200 Mrd.Dollar, schätzt der Weltverband Fifa, werden inzwischen mit dem Großereignis Fußball umgesetzt.Eine Mrd.DM dürfte als Erlös der WM übrig bleiben.

Adidas ist nicht das einzige Unternehmen, das von den Fußballträumen großer und kleiner Jungs und Mädchen profitieren will und dafür Kasse und Koffer der Kicker füllt.Weitere Sponsoren des DFB sind: Mercedes Benz, die Deutsche Telekom, die Coca-Cola GmbH, die Bitburger Brauerei, Panasonic Deutschland, die Lufthansa, Exnorm Haus, Bahlsen und 3M Medica.Im DFB-Ernährungspool sammeln sich Firmen wie Langnese-Iglo und Ferrero.Über die genaue Höhe der Finanz- und Sachleistungen herrscht offiziell Stillschweigen.Experten schätzen allerdings, daß rund zwölf Mill.DM an den Deutschen Fußballbund fließen.Die Spieler werden nach einem Verteilungsschlüssel an den Einnahmen beteiligt.Hauptsponsor des DFB ist seit 1990 Mercedes-Benz.Der Stuttgarter Automobilkonzern zahlt bis zum Jahr 2002 geschätzte sechs Mill.DM in die DFB-Kasse und darf dafür auf Freizeit-Trikots und Trainingsanzügen der Nationalmannschaft werben.Das Engagement des Elektronikriesen Panasonic beziffern Kenner auf eine bis zwei Mill.DM.

Wofür das ganze? 37 Milliarden Zuschauer aus aller Welt werden die 64 Spiele vor den Fernsehern verfolgen.Das ist doppelt so viel wie bei den Olympischen Sommerspielen vor zwei Jahren.Allein das Finale wird voraussichtlich 1,7 Milliarden Fans an die Schirme locken.

"Das größte Medienereignis, das die Welt bisher erlebt hat", hofft Uwe Andresen, Marketing-Chef der Bitburger Brauerei.Fast alle Hersteller versprechen sich von der Nennung ihres Namens im Zusammenhang mit den Kickern einen Imagegewinn.Für die Förderer der deutschen Elf gilt: Wenn die Mannschaft das Endspiel erreicht, wird der gute Ruf potenziert.Sollte sie - wie 1994 - die Meisterschaft vorzeitig beenden müssen, gilt: "Dabei sein ist alles."

Bei keinem anderem Sportereignis fiebern Frauen und Männer, jung und alt, so einig mit ihrem Team.Für Daimler-Benz entspricht die Vielfalt der Zuschauer der potentiellen Kundenstruktur."Mit Fußball erreichen wir den Fahrer von Nutzfahrzeugen genauso wie die S-Klasse-Fahrerin", sagt Sprecherin Claudia Merzbach.Das macht die WM zum idealen Werbeereignis.Panasonic hat für seine High-Tech Geräte und Rasierer eher den klassischen Fußball-Fan im Visier: Männlich, zwischen 14 und 39 Jahre alt und kaufkräftig, erklärt Panasonic-Sprecher Christian Sommer.

Bei den Produkten ist der Bezug zum Sport eher nebensächlich: Autos, Softdrinks, Rasierer und Notebooks sollen durch die Partnerschaft ein sportliches Image erhalten.Die Bitburger Brauerei, die 1997 geschätzte 26 Mill.DM für Sponsoring ausgab, ist sogar einer der Partner des DFB.Einen Widerspruch zur vom DFB unterstützten Kampagne "Keine Macht den Drogen" sieht Dietmar Henle, Sprecher der Bitburger Brauerei aus der Eifel, nicht.Schließlich beziehe sich der Sponsorvertrag nur auf das alkoholfreie Bitburger Drive.Ob die Zuschauer tatsächlich auf das Bleifreie umsteigen, sei dahingestellt.Dem Markennamen werden sie sich jedenfalls nicht entziehen können.Bis zum Finale am 12.Juli wird der 37 Sekunden lange Werbe-Spot der Brauerei vor und nach den Spielen ganze 256 Mal laufen.Das sind mehr als 2,5 Stunden alkoholfreie Bierseligkeit.Nur wer sich ganz auf die Spieler konzentriert und selbst die Bandenwerbung vor dem geistigen Auge ausblendet, wird dem Werbegroßangriff entkommen.Denn auf den Trikots der Nationalelf ist Werbung laut DFB-Richtlinien nicht erlaubt.

Das Engagement der finanzkräftigen Förderer ist vielfältig: Panasonic rüstet beispielsweise das Pressezentrum für die WM mit Kommunikationselektronik aus."Da können wir unsere Produkte unter extremen Bedingungen prüfen", erklärt Sprecher Christian Sommer den willkommenen Nebeneffekt der Produktschau am Rande der Stadien.Die Lufthansa stellt Flugtickets zur Verfügung.Coca-Cola arbeitet seit 25 Jahren mit dem DFB zusammen und richtet ihre WM-Kampagne mit Gewinnspielen und einer sogenannten Fan-Tour in erster Linie an die Fußball-Begeisterten.Die Deutsche Telekom hat vor allem die Jugendarbeit im Blick.Mercedes-Benz stellt neben einer ganzen Reihe von Förderleistungen den Mannschaftsbus für die Sportler.Noch sei unklar, ob Bertis Jungs mit dem Sternenfahrzeug bis ans Stadion gekarrt werden, heißt es aus der Stuttgarter Zentrale, da General Motors einen Exklusiv-Vertrag für die Produktklasse "Autos" bei der WM hat.Bis zum ersten Spiel der deutschen Nationalkicker wird diese Frage sicher geklärt sein.SIGRUN SCHUBERT

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