Zeitung Heute : Sport lindert Schmerzen

Regelmäßige Bewegung unterstützt die Behandlung von Rheuma. Optimal sind zweieinhalb Stunden Ausdauertraining pro Woche.

Bernd Kladny
Es geht bergauf.
Es geht bergauf.Foto: blas Fotolia

„Bewegung tut Not, von der Wiege bis zum Tod.“ Dieses durch den Mediziner H.-J. Pesch geprägte Motto gilt nicht nur für gesunde Menschen, sondern auch für Kranke. Doch viele Patienten mit rheumatischen Erkrankungen meiden körperliche Aktivitäten, unter anderem aus der Angst heraus, dass sich Schmerzen im Bereich des Bewegungssystems durch Sport und Bewegung verstärken und die Gelenke geschädigt werden können. Diese Sorgen sind jedoch meistens unbegründet.

Im Gegenteil können Sport und Bewegung bei Rheumapatienten nach heutigem Kenntnisstand die Behandlung sinnvoll unterstützen. Klinische Studien belegen, dass Sport nicht nur die körperliche Fitness verbessern und damit Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen kann. Auch auf den Verlauf der rheumatischen Erkrankung selbst hat regelmäßige Aktivität einen positiven Einfluss. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass moderates Training Funktion und Lebensqualität verbessern und Schmerzen lindern kann. Auch die Zahl der befallenen Gelenke nimmt ab. Anzahl und Dauer der Klinikaufenthalte von Rheumapatienten gehen zurück, wenn sie regelmäßig Sport treiben.

Die Befürchtung, durch sportliche Aktivitäten einen Schub auszulösen, ist also bei vernünftiger Belastung unnötig. Ganz im Gegenteil kommt es durch die Besserung des Allgemeinzustandes zu einer Verringerung der Schubhäufigkeit. Treten doch Schübe auf, verlaufen diese bei trainierten Patienten häufig weniger stark als bei völlig untrainierten. Ohne Bewegung kommt es auf Dauer außerdem zu einem Verlust an Muskelkraft und Koordination. Und das bei der rheumatoiden Arthritis erhöhte Risiko für Herz- Kreislauf-Erkrankungen vergrößert sich durch eine fehlende körperliche Fitness noch mehr.

Neben den positiven Auswirkungen auf Gelenke, Knochen und Muskeln hilft körperliches Training aber auch, das Gewicht zu halten. Und es verbessert auf Dauer Schlaf, Stimmung und den allgemeinen Gesundheitszustand. All dies ist nicht nur für gesunde Menschen wichtig, sondern auch und gerade für Rheumapatienten, die häufig schon durch ihre Krankheit Einschränkungen erfahren. Hier kann Sport helfen, die allgemeine Fitness möglichst lange aufrechtzuerhalten.

Bei einer rheumatoiden Arthritis, der häufigsten entzündlich-rheumatischen Erkrankung, greift das Immunsystem körpereigenes Gewebe in den Gelenken an. Es kommt zu schmerzhaften Entzündungen, die die Beweglichkeit stark einschränken können. Ist der Prozess aktiv, bedeutet dies Schmerzen in den Gelenken, Schwellung, Rötung, eingeschränkte Beweglichkeit und Funktionsverlust. In diesem Stadium einer akuten Aktivierung oder eines akuten Schubs sollte kein Sport betrieben werden. Dennoch brauchen die Gelenke Bewegung. Sie sollten daher ohne Belastung langsam und vorsichtig im Rahmen der Schmerzgrenze durchbewegt werden. Eine Kräftigung der Muskulatur durch Anspannungsübungen (sogenanntes isometrisches Training) ist auch bei akuten Entzündungszeichen möglich und ratsam.

Grundsätzlich ist eine Rheumaerkrankung also kein Hinderungsgrund für eine sportliche Betätigung. Bei Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen sollte zu Beginn eines geplanten körperlichen Trainings allerdings eine ausführliche ärztliche Untersuchung vorgenommen werden, um die Inhalte und vor allem die Intensität festzulegen. Da sich Schmerzen heute meist gut lindern lassen und die Gelenkzerstörung durch Medikamente positiv beeinflusst werden kann, ist es den meisten Patienten möglich, ohne zusätzliche Beschwerden Sport zu treiben. Auch ein Gelenkersatz spricht nicht gegen Sport. Eine Bewegungstherapie kann die medikamentöse Behandlung also nicht ersetzen, aber durchaus sinnvoll ergänzen.

Leider ist die Bereitschaft zu körperlicher Aktivität bei vielen von Rheuma betroffenen Patienten derzeit noch gering. Vor allem ältere Männer mit niedriger Bildung und langer Krankheitsdauer sind schwer zu motivieren. Viele jüngere Menschen lassen sich dagegen nicht mehr von ihrer Krankheit davon abhalten, aktiv Sport zu treiben. Es gibt aber Grenzen. Unkontrollierte Drehbewegungen und Stoßbelastungen können Gelenke schädigen. Deshalb sollten Ballspiele und Springsportarten ebenso wie Wettkampfsport und Sportarten mit hohem Verletzungsrisiko vermieden werden. Für viele Rheumapatienten kommen ohnehin eher andere Aktivitäten infrage.

Gut geeignet sind Ausdauersportarten wie Radfahren, Schwimmen, Wassergymnastik, Wandern, Tanzen oder auch Nordic Walking. Wichtig ist, den Sport regelmäßig zu betreiben. Dafür ist es ratsam, sich eine Sportart auszusuchen, an der man Freude hat – sonst wird sie erfahrungsgemäß schnell wieder aufgegeben. Optimal für Rheumapatienten sind zweieinhalb Stunden Bewegung und Ausdauertraining pro Woche. Bernd Kladny

Der Autor ist Chefarzt der Fachabteilung für Orthopädie an der Fachklinik Herzogenaurach.

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