Zeitung Heute : Sport tut Hochschulen gut

An Universitäten in den USA und in Deutschland existieren unterschiedliche Sportkonzepte

Gudrun Doll-Tepper

Mit dem US-amerikanischen Hochschulsport assoziieren wir häufig zunächst Teamsportarten wie American Football, Baseball und Basketball und denken dabei vor allem an den sportlichen Wettkampf. Ergänzt wird dieses Bild durch den für uns ungewohnten school spirit und die Möglichkeit, als guter Sportler ohne eigene finanzielle Mittel, dafür aber durch Stipendien gefördert, studieren zu können. Daneben existieren aber zusätzliche, sehr unterschiedliche Angebote an Sportpraxis und -wissenschaft.

Insgesamt hat Sport an den US-amerikanischen Hochschulen einen viel höheren Stellenwert als in Deutschland. Universitäten konkurrieren um Bewerber unter anderem, indem sie mit entsprechenden Angeboten für Breiten- und Hochleistungssportler werben. In Deutschland hingegen sind vor allem Vereine und Verbände für den Breiten- und Leistungssport zuständig. Trotzdem ist der Vorschlag von Professor Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin, dem Sport an Hochschulen mehr Raum zu geben, unterstützenswert (siehe auch Artikel oben).

Erfolgreiche Teams können das Gemeinschaftsgefühl stark beeinflussen und tragen zur Identifikation mit einem Team oder einer Hochschule bei. Dabei sind allerdings die kulturellen Rahmenbedingungen und das Verhalten der Medien von Bedeutung. Der universitäre Leistungssport in den USA erfährt eine wesentlich größere Medienaufmerksamkeit als der Hochschulsport in Deutschland. Angehörige der Universitäten und die Menschen in den Universitätsstädten fühlen sich mit den Teams verbunden. Dieter Lenzen weist deswegen zu Recht auf die Identitätsbildung durch den Sport hin.

Für Sportsoziologen stellt sich aber die Frage, ob der Fähigkeit zur Entwicklung eines „Wir-Gefühls“ nicht gleichzeitig auch die Gefahr von Ausgrenzung immanent ist. Erfolgreiche männliche Sportler – American Football-, Basketball- oder Baseballspieler – sind an den Universitäten hoch angesehen. Neben der gewünschten „Produktion“ von Siegern mit den positiv assoziierten Eigenschaften wie Disziplin, Teamgeist, Wettbewerbsfähigkeit würde man unter Umständen aber auch Verlierer „produzieren“.

Die Siegerphilosophie des organisierten US-amerikanischen Sports führte an den Colleges in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zur Einstellung von Profitrainern. Das ist immer noch so, wenn auch in einer anderen finanziellen Größenordnung. Mittlerweile gerät die Erfolgsgeschichte des US-amerikanischen Hochschulsports aber ins Stocken, weil die Finanzierung teilweise gigantische Ausmaße angenommen hat. Einige Hochschulen geben knapp 50 Millionen US-Dollar jährlich für ihre Programme aus. Die Ausgaben für den Sport übersteigen dabei an den meisten Universitäten die Einnahmen durch den Sport. Dass aber gute Sportergebnisse automatisch mehr zahlungsfähige Studierende anziehen oder Ehemalige sich stärker engagieren, erweist sich nicht als grundsätzlich richtig. Daneben hat der Hochleistungssport als eine bestimmte Form des Sports weltweit negative Begleiterscheinungen, mit denen sich die Universitäten in den USA zu befassen haben.

Neben diesen negativen Aspekten zeigen zahlreiche Initiativen, dass Wissenschaft und Politik in den USA dem Sport auch eine bedeutende Rolle bei der Gestaltung des Studiums beimessen. So gibt es Colleges, an denen die Teilnahme an sportlichen Aktivitäten im Sinne eines Freizeit- und Gesundheitssports in den ersten Studienjahren noch verpflichtend ist. Darüber hinaus wird auch der positive Einfluss des Sports auf die gesellschaftliche Entwicklung anerkannt. Das „Global Center for Social Change through Women’s Leadership and Sport“ an der Kennesaw State University in Georgia ist ein Beispiel hierfür. An diesem Institut wird unter anderem erforscht, wie der Anteil von Frauen in Führungspositionen des Sports verändert werden kann, aber auch wie sich durch den Sport die Zahl der Frauen in Führungspositionen innerhalb und außerhalb des Sports erhöhen lässt.

In Deutschland gibt es ebenfalls Maßnahmen, die – gestützt durch Regierungsstellen, Hochschulen, den Deutschen Olympischen Sportbund und seine Mitgliedsorganisationen – das Potenzial des Sports als Motor für Entwicklung nutzen. Es müssen aber neben den tradierten und jungen Teildisziplinen der Sportwissenschaft weitere innovative interdisziplinäre Initiativen gefördert werden, durch die die Sportwissenschaft in Verbindung mit anderen Wissenschaftsfeldern gesellschaftlich relevante Themen erforscht. Die Chancen, die der Sport und die Sportwissenschaft für die persönliche und gesellschaftliche Entwicklung bieten, werden inzwischen von vielen erkannt; die Strukturen und die erforderlichen Partnerschaften mit Wissenschaft, Politik und Wirtschaft müssen aber deutlich optimiert werden.

Die Autorin leitet als Professorin den Arbeitsbereich Integrationspädagogik, Bewegung und Sport am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität Berlin und ist Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).

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