Zeitung Heute : Sportlichkeit statt Atemnot

Italienische Mode ist alltagstauglich. Und die Ausstellung „Coats! Max Mara“ im Kulturforum am Potsdamer Platz ist keine Werbeveranstaltung

Geht die Kultur vor die Hunde, wenn die Mode eines aktuellen Labels im Museum gezeigt wird? Nein. Es macht einen wesentlichen Unterschied, ob man das Geschäft des italienischen Modeunternehmens Max Mara am Ku’damm oder die Ausstellung „Coats! Max Mara 55 Jahre Mode aus Italien“ im Kulturforum besucht. Denn in der Ausstellung erhalten die gezeigten Kleidungsstücke eine Aura, die sie der Konsum orientierten Begehrlichkeit entheben.

Wer Mode der vergangenen 50 Jahre präsentiert, zeigt immer auch, wie die Welt sich verändert hat. Denn Mode nimmt Einflüsse aus Gesellschaft und Kultur auf, verarbeitet sie und spuckt sie als Produkt wieder aus.

So nannte das damals zehn Jahre alte Unternehmen 1965 seine junge Linie „Max Mara Pop“. Gründer und Geschäftsführer Achille Maramotti hatte erkannt, dass Teenager eine neue Zielgruppe bildeten. Seit 1969 heißt diese Kollektion „Sportmax“, ein geradezu visionärer Name, wenn man bedenkt, welche Bedeutung Sportlichkeit seither erlangt hat.

Der Untertitel „55 Jahre Mode aus Italien“ kann ruhig so allgemein verstanden und am besten noch durch das Wort „Industrie“ ergänzt werden. Denn Max Mara war eines der ersten Unternehmen in Italien, das sich der Herstellung von hochwertiger, konfektionierter Massenware widmete und so das Produkt „Made in Italy“ zum Exportschlager entwickelte. Anders als in Paris, wo die hohe Schneiderkunst schon seit Jahrhunderten zelebriert wird und Kleider Herzklopfen und Atemnot auslösen sollen, sind viele italienische Modeunternehmen bis heute dem Pragmatismus treu geblieben: Ein gutes Kleidungsstück muss eine Frau im wirklichen Leben kleiden.

Dass der Mantel im Mittelpunkt der Ausstellung steht, ist nur konsequent. Schließlich entzieht sich dieses Kleidungsstück der Schnelllebigkeit der Mode. Der Mantel ist die Hülle, die zu allem passen muss, er ist oft das teuerste Stück im Schrank. Und doch hat er etwas Nostalgisches: Gehörte er früher zu jeder guten Garderobe, wird er heute oft durch Jacken aus Kunstfasern ersetzt.

Unter den 50 Mänteln der Ausstellung sind 40 Jahre alte Mäntel, die im heutigen Straßenbild problemlos funktionieren würden. Je näher man aber der Gegenwart kommt, desto unmoderner sehen die Mäntel aus. Die Stücke aus den Achtzigern sind mit ihren breiten Schultern zu raumgreifend für unsere Zeit.

Fast die ganze Ausstellung inklusive Architektur stammt von Max Mara, immerhin dem Weltmarktführer in Frauenkleidung. Mit Lastwagen wurde das komplette Inventar samt Arbeitskräften aus Italien gebracht. Die Leiterin der Lipperheideschen Kostümbibliothek, Adelheid Rasche, möchte gar nicht wissen, wie viel das alles gekostet hat – bezahlt hat nämlich auch Max Mara. Und zwar für eine Modepräsentation, wie sie moderner kaum sein kann. Wer durch die Räume mit den historischen Bildern, Skizzen und Stoffproben, Multimedia-Animationen zu den Herstellungsschritten, Werbefilmen und -fotografien gegangen ist, versteht, wie die Modeindustrie funktioniert. Da kann man die Entstehungsweise der Ausstellung mit einbeziehen.

Der Kuratorin Adelheid Rasche vorzuwerfen, eine Werbeveranstaltung konzipiert zu haben, wäre trotzdem verfehlt. Was die Staatlichen Museen hier präsentieren, ist ein gut kuratierter Überblick über die italienische Mode der letzten 55 Jahre am Beispiel eines bestimmten Labels. Nichts wird überhöht. Man fühlt sich informiert. Mehr als fünf Monate verbrachte sie am Hauptsitz von Max Mara im norditalienischen Reggio Emilia in den Archiven. Sie sichtete Skizzen, Modefotografien und Kleidungsstücke. Adelheid Rasche ist auch Herausgeberin des hervorragenden Ausstellungskataloges.

Ein paar Häuser weiter wird in der Neuen Nationalgalerie eine Ausstellung des noch tätigen Architekten Oswald Mathias Ungers gezeigt. Könnten wir nicht auch hier verleitet werden, uns nach dem Besuch ein Haus bei Ungers zu bestellen? Eine Frage, die sicherlich nie im Feuilleton einer deutschen Zeitung gestellt werden würde, schließlich gehört Architektur zum abgesegneten Kanon der Kultur und ist somit ausstellenswert.

Bis 4. März 2007 am Kulturforum.

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