Zeitung Heute : Sprache - kotzbrockenweise

GÜNTHER GRACK

Johanna Schall inszeniert Schwab: "Übergewicht, unwichtig: Unform" in der Berliner DT-BarackeVON GÜNTHER GRACK "Ein Fall von Ersprechen" hat Werner Schwab eine Komödie betitelt, die uns die Theaterstadt Berlin immer noch vorenthält.Statt dessen bekommen wir ein weiteres seiner "Fäkaliendramen" vorgesetzt: nach "Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos" und "Die Präsidentinnen" nunmehr "Übergewicht, unwichtig: Unform".Man tut dem vor drei Jahren jung verstorbenen Autor kein Unrecht, wenn man ihn beim spielerischen Wort nimmt und sein "Unform"-Stück nennt, was man seinem gesamten Werk nachsagen könnte: es ist nicht nur ein Fall von "Ersprechen", sondern auch einer zum Erbrechen.Oder, mit Schwabscher Drastik: zum Kotzen.Die Aufführung in der Baracke des Deutschen Theaters identifiziert sich mit dem Stück derart rückhaltlos, daß nach dem Höhepunkt der Handlung, einer kannibalistischen Orgie, auch die physische Reaktion nicht ausbleibt.Da hängt einem Fresser der Speichel in einem langen glibbrigen Faden zum Halse heraus, daß dem Zuschauer der Appetit vergeht auf dieses "Europäische Abendmahl", wie "Übergewicht, unwichtig: Unform" im Untertitel heißt. Der Akt von Kannibalismus, dem da in einer Gastwirtschaft ein junges Liebespaar zum Opfer fällt, stellt sich übrigens zum Happy-End als Theatercoup heraus.Das schöne Pärchen, das die Wirtin und ihre Stammgäste mit bloßen Händen zerrissen und, bis auf wenige blutige Reste, ohne Messer und Gabel verspeist haben, kehrt, als wäre nichts geschehen, in die Kneipe zurück und findet sich nun zu eben dem bereit, was es in seiner selbstgerechten Selbstverliebtheit vorher verweigert hatte: zur Kommunikation mit dem Rest der Welt. Die Mischpoke, in Bier und Schnaps ersaufend, dürfte freilich nicht jedermanns Geschmack sein: Karli, ein Schlägertyp, und Herta, seine verhärmte Frau, Fotzi, eine Exhibitionistin, die ihrem Spitznamen Ehre macht, das Ehepaar Schweindi und Hasi, das einträchtig Strampelhöschen strickt, aber keine Babys kriegt, weil Schweindi sich lieber Knaben widmet als seiner Hasi, schließlich Jürgen, ein dreitagebärtiger Intellektueller, der schon zu Beginn des Abends mit so schwerer Zunge schwafelt, daß man dem weiteren Verlauf der Gesprächsrunde nur mit Bangen entgegensehen kann.Schweindi allerdings hat das Zeug dazu, ihm Paroli zu bieten, wie zum Beispiel sein Diktum beweist: "Der Endsieg der menschlichen Vernunft steht höchstwahrscheinlich längst vor der Tür und hält die Türklinke in der siegreichen Hand." In der Formulierung solch verquer verblasener Verstiegenheiten war Werner Schwab wahrlich einsame Spitze, ein Weltmeister des "Ersprechens". Wer Lust und Laune hat, sich "dieses gottverfluchte Arschfotzenleben" (haut-)nahebringen zu lassen, ist in der DT-Baracke am rechten Ort: Johanna Schalls Inszenierung birst vor unbändiger Freude daran, dem Zuschauer das Stück vor den Latz zu knallen.Achtung, was da in den Gläsern schwappt, kann bei all der Bier- und Schnapsseligkeit schon mal in die erste Reihe spritzen! Die Aufführung (Bühnenbild und Kostüme: Stephan Fernau) ist eine Koproduktion mit der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg, die Darsteller sind Studenten des III.beziehungsweise II.Studienjahres - ihre Chance nutzend, waten sie gleichsam knietief in den Rollen.Die Regie hat sie nicht gebremst, der Autor sie posthum herausgefordert, und so geben sie der Versuchung, sich in greller Deutlichkeit zu verausgaben, mitunter allzusehr nach; auf die schmatzende Atzung an den blutroten Überresten des schönen Paares folgt eine Serie kollektiven Rülpsens, ehe Mi«sel Mati«cevi¿c, der Darsteller des Karli, auch noch sein Inneres nach außen zu würgen beginnt - Pfui Teufel! "Der Karli da, dieser Karli ist zur Zeit mein Sterbegefährte", stellt Herta ihren Lebensgefährten dem wieder zum Leben erwachenden Pärchen vor, und Friderikke-Maria Weber gelingt es in der Tat, wenigstens momentan in das putzmuntere Treiben einen ruhigeren Ton einzubringen, einen Anflug von Trauer um ein verpaßtes, verlorenes Leben.Auch Alexander Hörbe als Schweindi hat, bei aller clownesken Komik, etwas von einem armen Schwein.Das schöne Paar, gespielt von Matthias Koeberlin und Sabine Urban, läßt es an rollengemäßen Attributen nicht fehlen, versäumt indes, sein Resümee des Abends mit wünschenswerter Klarheit zu artikulieren: "Es ist eine selten geile Show, aber es übertreibt sich etwas." Ein Fall von Selbstkritik des Autors - seitens der Theaterkritik ist dem nichts hinzuzufügen. Noch einmal am 22.Juli, 21 Uhr

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