Zeitung Heute : Sprachen lernen mit System

Immer mehr deutsche Arbeitgeber verlangen Mehrsprachigkeit. Doch nicht jede Sprache nutzt der Karriere.

Eva Maria Buscher

Nach wenigen Stunden Sprachtraining könnte jeder den Tagesspiegel auch dann verstehen, wenn er auf Spanisch oder sogar Rumänisch erscheinen würde.

Das zumindest verspricht das E-Learning-Konzept des Romanistik-Professors Horst G. Klein vom Institut für romanische Sprachen in Frankfurt. Einzige Voraussetzung, um zu lernen, wie sich ein Text auf Italienisch, Spanisch oder Rumänisch verstehen lässt: Der Nutzer sollte bereits eine romanische Sprache sprechen. In Deutschland ist diese Transfersprache meist Französisch. Die Sprache des Nachbarn und wichtigsten Handelspartners der Bundesrepublik sprechen hierzulande rund 15 Prozent der Bevölkerung.

Ein Anteil, der den meisten Arbeitgebern nicht genügt. „Neben einem sehr guten Englisch legen die Unternehmen vor allem Wert auf die beiden anderen großen Business-Sprachen: Französisch und Spanisch“, so die Erfahrung von Johanna Dahm, Geschäftsführerin der Unternehmensberatung Skylight in Köln, die sich derzeit im Rahmen der weltweiten Studie „Aware!“ mit der Frage beschäftigt, welche Kompetenzen man mitbringen muss, um international Karriere zu machen.

Vor allem Großunternehmen lassen sich die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter etwas kosten. 100 Millionen Euro sind es pro Jahr zum Beispiel bei Bosch in Deutschland. „Die sprachliche Ausbildung unserer Mitarbeiter macht davon traditionell einen großen Teil aus. Das gilt unabhängig davon, in welchem Bereich die Mitarbeiter tätig sind, ob im kaufmännischen oder als Ingenieure“, so eine Sprecherin. Wer einen Sprachkurs des Unternehmens belegen wolle, der höre von seinem Vorgesetzten in aller Regel kein Nein.

„Eigeninitiative kommt meist gut an, vor allem, wenn man nachvollziehbar begründet, wie die Sprache dem Unternehmen nutzt“, rät auch Johanna Dahm. Gerade eine neue Fremdsprache, die der Karriere nutzen solle, müsse bewusst ausgewählt werden, so die Kulturwissenschaflerin. „Nach dem Gießkannenprinzip neue Kompetenzen zu erschließen nutzt wenig und macht den Lebenslauf nicht unbedingt attraktiver.“

Wer herausgefunden hat, ob die Wunschsprache für die jetzige oder angestrebte Position wichtig ist, muss anschließend nicht unbedingt jahrelang pauken. „Meist kommt es den Firmen gar nicht so sehr darauf an, dass die Sprache perfekt beherrscht wird“, erzählt Dahm. Oft sei es wichtiger, sich im jeweiligen kulturellen Umfeld gut bewegen zu können, sei es im Small-Talk oder Formulieren und Verstehen von E-Mails.

Das kann auch Ellen Heather, Sprecherin der Allianz für den Bereich Personal, bestätigen. In den Sprachkursen, die der Konzern anbietet, ist auch interkulturelles Training integriert. Im Kurs geht es dann beispielsweise um die Frage, wie die Teilnehmer im Gespräch mit einem Geschäftspartner aus Südamerika ein angenehmes Gesprächsklima schaffen können und sich der Kontakt später pflegen lässt. „Das ist gerade für Deutsche ein wichtiges Thema“, so Heather. „Ich habe schon oft von Kollegen aus dem Ausland, zum Beispiel aus Brasilien oder Frankreich, gehört, wie erstaunlich sie es fänden, dass die Deutschen bei Terminen sofort zum Geschäftlichen kommen.“ In vielen Ländern sei man es gewohnt, sich zuerst einmal über das Wetter, die Anreise oder die jüngsten Zeitungsschlagzeilen zu unterhalten.

Nicht nur Mitarbeiter in großen Unternehmen haben die Chance, sprachlich und kulturell über den Tellerrand zu blicken. So bieten zum Beispiel die Kulturinstitute der einzelnen Länder, vom spanischen Instituto Cervantes bis hin zum Instituto Cultural Brasileiro, gute Sprach- und Konversationskurse an, in aller Regel mit Unterricht durch Muttersprachler. Daneben organisieren die Kulturinstitute oft Lesungen, Filmvorführungen oder Sprach-Stammtische.

„Auch die Zertifikate für die Sprachkurse dieser Institute sind den Unternehmen bekannt und haben einen guten Ruf“, so Kuturwissenschaftlerin Dahm. Im einen oder anderen Fall kann es sich auch lohnen, den Arbeitgeber zu bitten, die Kosten für die Sprachkurse der Institute oder einer Sprachschule zu übernehmen. Denn auch kleinere Firmen haben zunehmend Produktionsbereiche oder zumindest geschäftliche Kontakte im Ausland und deshalb Interesse an der sprachlichen Ausbildung.

Optimal pflegen lassen sich Sprache und Erfahrung mit einem längeren Auslandsaufenthalt. Die Carl-Duisberg-Zentren beispielsweise bieten Sprachkurse in Kombination mit Praktika im Ausland an. Ab dem kommenden Jahr soll dieses Angebot wegen der großen Nachfrage um bezahlte Arbeitsangebote erweitert werden. Wer das für die eigenen Pläne passende Angebot finden möchte, kann sich in Berlin zudem auf der Sprach- und Kulturmesse Expolingua informieren. Sie findet noch bis heute Abend im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur (Friedrichstraße 176-179) statt.

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