Zeitung Heute : Sprachlos werden

Wie eine Neu-Berlinerin diese Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

Lern Sprachen, Kind, hieß es früher, das öffnet dir Tür und Tor in der ganzen Welt. Also lernte ich Englisch und fuhr nach Amerika. Ich lernte Französisch und fuhr nach Frankreich. Überall traf ich Touristen. Die meisten aus Deutschland.

Dann zog ich nach Berlin und wurde multilingualer. Ich lernte von den türkischen Kindern, die auf der Straße herumkreischten, dass „Anne“ Mama heißt, und von den Mamas, die ihren Kindern hinterherrufen, dass „Dikkat“ Achtung heißt. Der Speisekarte im italienischen Restaurant entnahm ich, dass „agnello“ Lamm heißt und „lingua“ Zunge. Und „quanto c’è da aspettare?“ so was Ähnliches wie dallidalli. Im Gyros-Lokal liegen Servietten mit Griechisch-Vokabeln: „Kalimera, kalispera“, guten Tag, guten Abend.

Dann ging ich ins Kaffee Burger in Mitte. Da war ich zwar schon häufiger, aber nur der deutschen Sprache wegen, an Sonntagen, wenn Autoren ihre Texte vortragen. Diesmal war ich an einem Sonnabend da. Zur Russendisko. Wladimir Kaminer, der Autor des gleichnamigen Buchs, legte zusammen mit DJ Gurzhy Platten auf. Schnelle, laute, russische Polka-Musik, die das Blut zum Kochen bringt, die einen Gläser an die Wand schmeißen lässt, man krabbelt auf die Tische, pfeift und stampft und schwitzt, und dann stand plötzlich einer da, der sagte auf Deutsch, er heiße Dimitri und er sei der einzige Russe in dem ganzen Laden. Lüge! Ich zeigte auf eine schöne Natascha, die auf zwei Fingern pfiff und alle Liedtexte singen konnte. Die „molodjez“ zu ihrem Kumpel sagte. Ich fragte Dimitri, was das heißt, und er sagte „Prachtkerl“. Einer im Streifenshirt zwängte sich vorbei, es war heiß im Kaffee Burger. Was heißt nass auf Russisch, Dimitri? „Mokry“, sagte er. Dimitri hatte einen Freund dabei, einen Deutschen mit ordentlichem Kurzhaarschnitt und feiner Goldrahmenbrille. Der wölbte die Brust, wenn er sprach, und tat geheimnisvoll. Ein Angeber. Angeber heißt chwastun, sagte Dimitri. Das ch muss man krächzen wie das ch bei lachen. Dimitri wurde das Nur-so-rumstehen langweilig, er wurde zutraulich. Was heißt „Hände weg!“, Dimitri? „Ruki v protsch“, sagte er und tanzte mit einer Blonden im roten Kleid weg. Do svidanija!, dachte ich beleidigt und beschloss, mich auf meine fremdsprachlichen Wurzeln, roots, zu besinnen.

Ich ging ins Kino. „8 Mile“, der Film vom Eminem. In der Zeitung stand, im Kino Babylon in Kreuzberg gebe es das Original mit Untertiteln, an der Kasse stand, nur die Lieder seien untertitelt. No problem, dachte ich und setzte mich, und der Film ging los, und ich verstand kein Wort. Alle sprachen Slang und viel zu schnell. Very depressing. Später sah ich in der Kinosendung „Muwie“ einen Ausschnitt aus der synchronisierten Fassung. Da sagte einer zu Eminem: „Hey, Alter, du machst da draußen jetzt ’ne verdammt coole Show“ oder etwas ähnlich Dämliches. Da fand ich dann wieder, dass man ja nicht immer alles verstehen muss.

Russendisko, jeden zweiten Samstag im Monat ab 21 Uhr im Kaffee Burger in der Torstraße 60, nahe U-Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz. Rechtzeitiges Erscheinen erspart stundenlanges Anstehen. Der Film „8 Mile“ läuft im Babylon, Dresdener Straße, Kreuzberg. Restaurant Casolare, Grimmstraße 30, Kreuzberg.

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