Zeitung Heute : Sprachloses Elendshäufchen

Josef Winkler: Domra.Am Ufer des Ganges.Roman.S

Josef Winkler versucht sich mit fotorealistischem SchreibenVON THOMAS KRAFT Josef Winkler: Domra.Am Ufer des Ganges.Roman.Suhrkamp Verlag.Frankfurt am Main 1996.263 Seiten.38 DMDie Szene wirkt makaber: Am Ufer des Ganges werden Leichname verbrannt oder im Fluß versenkt, in dem sich Menschen waschen und baden.Hunde knabbern an Gerippen, junge Inder verrichten ihre Notdurft neben diesen Freiluftkrematorien und zeigen lüsternen Touristen ihre Geschlechtsteile.Körper platzen auf, Kadaver säumen den Flußlauf, alles ist verkohlt und rußig, Fliegen und Aasgeier delektieren sich an Toten, und der süßliche Geruch verwesenden Fleisches vermischt sich mit den Düften des angrenzenden Straßenmarktes. Der Kärntner Josef Winkler, bekannt für sein erotomanisches Verhältnis zum Tod, ist eine Zeitlang jeden Tag von seinem Hotel in der heiligen Stadt Varanasi zum Ganges gegangen, hat dort die immer wieder gleichen Szenen rund um die Begräbnisstätten beobachtet und mit einer unglaublichen Detailversessenheit notiert. Da Winkler von diesem Aufenthalt wiederholt in der Öffentlichkeit, zuletzt beim diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt, gesprochen hat, darf man in diesem Fall getrost Erzähler und Autor gleichsetzen.Zudem eine Literarisierung des Stoffes nicht wirklich stattgefunden hat: Es ist der nahezu ungebrochene Gleichlauf aller Tage, der geschildert wird, lediglich durchsetzt mit wenigen, alptraumartigen Sequenzen, die Verbindungen zur eigenen Jugend im Bauerndorf und zu homosexuellen Begegnungen auf Bahnhöfen irgendwo in Europa herstellen. Mit der Stimme Hans Henny Jahnns, die er auf einer Tonbandcassette immer wieder hört, im Sinn - "Du sollst diese Stadt, die du nicht kennst, erforschen" - setzt der Erzähler zu einer ethnographischen Beschreibungsorgie an, die nur anfangs den Atem nimmt, irgendwann dann wie ein Tonband leerläuft und den Leser vertreibt.Fast manisch erscheint das Bemühen, jede Kleinigkeit festhalten zu wollen; der Erzähler, der mit einem Fotoapparat nach indischen Lustknaben linst, wollte wohl so etwas wie fotografisches Erzählen zelebrieren.Aber man will als Leser nach mehrmaliger Wiederholung einfach nicht mehr wissen, von welcher Beschaffenheit jedes angekokelte Holzstückchen ist, wie die Zitzen von Hündinnen und die Hinterbacken von Knaben ausschauen.Zumal sich Winklers frühere, zu Recht vielgerühmte Sprachmächtigkeit zusehends erschöpft: So sind zum Beispiel Inder fast immer "mit einem nahtlosen weißen Baumwolltuch bekleidet", "halbwüchsig", "glatzköpfig" und "bloßfüßig".Wo mit vielen Einzelteilen Atmosphäre erzeugt werden soll, erschlägt diese Beobachtungsfülle, weil sie keine erkennbare Funktion übernimmt.Man könnte die einzelnen Passagen dieses indischen Romans beliebig versetzen und austauschen, Unterschiede blieben kaum spürbar. Sicher, es ist eine für europäische Leser nach wie vor fremde Welt mit ihren archaischen Ritualen, ihrer Armut und ihren Krankheiten.Sterblichkeit ist hier alles andere als tabuisiert, wirkt als fast grotesk anmutende Natürlichkeit.In einem Land mit einer derartigen Bevölkerungsdichte und diesem Elend hat ein Menschenleben eine andere Wertigkeit.Wenn Winkler das in einem halb so langen Text vermittelt oder dem Leser längere Verschnaufpausen gewährt hätte, wäre der Roman vielleicht zu retten gewesen. So erscheinen die Anspielungen auf eigene Todesängste allzu beliebig gesetzt und die wenigen Passagen, die von den Scheiterhaufen am Ganges wegführen, zu weitmaschig gestrickt, als daß sie Spannungen erzeugen oder etwas in Gang setzen könnten.Und daß der Erzähler sich als "sprachloses Elendshäufchen" bezeichnet, war wohl auch nicht so ganz ernst gemeint.

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