Zeitung Heute : Sprachnot

ALEXANDER BARTL

Das Lyder-Nussbücker-Trio ehrt die schlechtesten Dichter DeutschlandsALEXANDER BARTLNur die Elite aus früheren Zeiten fand Gnade und grub sich ins Bewußtsein des modernen Menschen.Je weiter die Tage zurückliegen, desto erlesener sind ihre Vertreter, in der Malerei ebenso wie in der Literatur.Dem Heer vergessener Dichter, denen fehlende Begabung die Karriere ruinierte, galt jetzt ein Abend im Theaterprobenhaus am Koppenplatz.Aber auch Stilblüten Schillers und Goethes ergänzen die bemühten Zeilen der verkannten Künstler, als hätte Prestige nichts mehr zu sagen.Bob Lyder und Frank Nussbücker durchstreifen die Mythen der Kultur gemeinsam mit dem "Geist der Zeit", der dem "ungewöhnlichen Liederabend" seinen Namen lieh und und den Finger schadenfroh auf poetische Schwachstellen legt. Verlegen grinsend heuchelt Nussbücker innere Bewegtheit bei seinem Vortrag im Rahmen der Zweiten Werkstatt-Tage der Freien Theater Berlins, die am 28.September enden.Er wünscht ein bißchen feierliche Stimmung, erteilt Lyder zackig den Einsatz wahlweise für Gitarre oder Flöte, will sogar den Szenenapplaus des Publikums steuern, aber die Texte der Lieder verderben ihm alles.Andächtig über die Stuhlreihen hinwegsehend besingt er mögliche Nebenwirkungen des Medikaments Doritricin, denn nicht allein die Vergangenheit litt an Schreibern, die die Welt nicht braucht.Ernst Moritz Arndt, der irgendwann mit Goethe Kontakt aufgenommen haben soll, strengte sich mächtig an, dieses Schicksal abzuwenden, verstieg sich dafür sogar in die Sphären des Übermenschlichen: "Gottes Gericht" schildert eine Schlacht gegen die Franzosen aus der Sicht eines glühenden deutschen Patrioten.Selten war Blutvergießen mit soviel peinlicher Schwelgerei verbunden, die den politischen Triumph unversehens zur kulturellen Niederlage macht.Bei Walther von der Vogelweide ging es schon gemäßigter zu, obwohl auch ihm, mit Verlaub, manches Minnelied mißriet. Als ahne er längst die zweifelhafte Qualität der Texte, versinkt Lyder allmählich in seinen Melodien, ergeht sich notfalls in eintönigen Akkorden, um Ablenkung zu finden.Das Publikum aber genoß den entzaubernden Blick auf die Größen der deutschen Literatur und auf jene, die es gerne werden wollten.

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