Zeitung Heute : Spreewald: Stock mit Eiskratzer

Claus-Dieter Steyer

Trägt das Eis? Zaghaft und Schritt für Schritt wird der glitzernde Untergrund getestet. Die Schlittschuhe bleiben vorerst noch am Ufer. Plötzlich knackt es verdächtig. Der Entschluss zum Rückzug liegt nahe. Da kommen zwei Jungs mit hohem Tempo auf Kufen angebraust und legen eine gekonnte Bremsung hin. "Angst? Mensch, wer hier einbricht, steht höchstens bis zu den Knöcheln im Wasser. Ist doch kein Beinbruch", sagt einer der Burschen kess und gibt wieder Gas. "Das ist doch das Schöne am Spreewald", ergänzt sein Begleiter.

Die Lektion hatte gesessen. Natürlich, bei der betreffenden Eisfläche handelte sich um eine große Wiese und um kein fließendes Gewässer wie in der Umgebung. Hier friert das Wasser auch viel schneller. Bei Nachttemperaturen um minus vier Grad Celsius macht der Anstieg am Tage über den Gefrierpunkt nicht viel aus.

"Ab Anfang November werden im Spreewald viele Flächen ganz gewollt unter Wasser gesetzt", erklärt eine Naturwächterin. "Das machen die Landwirte aber nicht für die Touristen, sondern aus ureigenem Interesse." Die Spree setze durch den Winterstau auf den Wiesen so genannten Schlick ab, der das Grünland wunderbar dünge. Außerdem verhindere das Wasser ein Ausfrieren der Grasnarben. Im Frühjahr verwandelten sich die flachen Gewässer in ideale Laichplätze für Hechte.

Auch die mitten auf den Wiesen etwas erhöht stehenden Heuschober hätten ihren Sinn, erzählt die Expertin. "Mit ihren flachen Kähnen holen die Bauern das geschoberte Heu in ihre Höfe. Das geht schneller und einfacher als mit Wagen oder Traktoren." Allerdings ist im Vergleich zu früheren Jahren die Zahl dieser Heuburgen beträchtlich zurückgegangen. Immer weniger Einheimische bestreiten im Spreewald ihr Einkommen noch aus der eigenen Landwirtschaft, vom Gurkenanbau einmal abgesehen. Dadurch werden viele Wiesen nicht mehr gemäht, die Landschaft verkrautet. Dazu kommt der sinkende Wasserstand durch den starken Rückgang des Braunkohleabbaus.

Doch gerade in diesen Winterwochen scheinen alle Diskussionen über die Zukunft von Brandenburgs wichtigstem Touristenziel vergessen zu sein. Eine beeindruckende Stille hat sich über viele Orte gelegt, in denen sich im Sommer die Radfahrer, Paddler und Kahntouristen tummeln. Das trifft gerade auf den Unterspreewald rund um Schlepzig zu, wo bei einer langen Wanderung auf dem dortigen Naturlehrpfad in den Buchenhain keine Menschenseele den Weg kreuzte.

Winterruhe unbekannt

Eisläufer vergnügen sich im Winter vor allem auf den Wiesen und sogar auf den Fließen zwischen Lübbenau und Lehde. Die Orte sind gut mit allen Verkehrsmitteln zu erreichen. Außerdem herrscht bei den Ausflugsgaststätten hier nicht wie in vielen anderen Regionen Winterruhe. Bei großem Andrang werden Tische und Stühle sogar wie im Juli oder August vor die Tür gestellt, um dort die Gäste zu bedienen. Schlittschuhlaufen erhitzt eben nicht nur den ganzen Körper, es macht auch hungrig.

Als eine Art Geheimtipp zu jeder Jahreszeit gilt das Gasthaus Kaupen No. 6 in Lehde. Es ist nur mit dem Kahn, mit dem Schlittschuh auf der zugefrorenen Spree oder zu Fuß auf einem gut zehnminütigen Spaziergang vom Lehder Ortseingang zu erreichen. Selbst die mehrfach im Wettbewerb um den besten Brandenburger Landgasthof siegreichen Wirtsleute können zu ihrem 1996 eröffneten Haus nicht mit dem Auto gelangen. Doch wer den Weg vorbei an Pferd, Ziege und Hund gefunden hat, wird den gastlichen Raum wohl so schnell nicht verlassen. Das alte Bauernhaus aus dem 19. Jahrhundert wärmt ein alter Kachelofen mit angeschlossener Kochmaschine. In der Backröhre und auf dem Herd brutzeln Fleisch- und Fischgerichte, die meisten mit typischen Spreewälder Rezepten. Die Hefeplinse wird am besten mit Zucker und Zimt bestellt, so wie sie auch schon früher hier zubereitet wurde.

In dieser gemütlichen Atmosphäre ergeben sich ganz zwangsläufig Tipps zum Schlittschuhlaufen im Spreewald. "Fahren Sie auf den Fließen und auf den Spreearmen möglichst nie allein und nie neben- oder kurz hintereinander", erzählt eine Frau, die sich als "Spreewälderin" vorstellt. "15 Meter sollten mindestens zwischen den Läufern liegen, damit nicht beide gleichzeitig einbrechen, sollte es dazu kommen." Vom knarrenden Geräusch unter den Schuhen sollte sich dagegen niemand beunruhigen lassen, meint die Dame. "Da biegen sich nur die einzelnen Eisschollen. Beim Nachtfrost frieren sie wieder zusammen, am Tage geben sie dann etwas nach." Die Mienen am Tisch verziehen sich. Gibt es so etwas wie Spreewald-Latein? So völlig ernst ist die Erklärung für das krachende Geräusch wohl nicht zu nehmen.

Da erscheint die gefrorene Wiese schon sicherer. Auf dem Weg dahin zeigt sich, wie einige Bauern mit dem Eis auf den Wasserläufen zurecht kommen. Sie benutzen einfach Kähne aus Eisen, statt aus Kiefernholz für ihre kurzen Strecken. Nur die Postfrau, die zwischen April und Oktober Briefe und Pakete mit einem Kahn zu den Gehöften bringt, steigt im Winter aufs Fahrrad um. "Dann würde ich schon einen Eisbrecher brauchen", meint sie lächelnd am Lehder Gasthof "Zum fröhlichen Hecht".

Im Gewimmel auf den Wiesen sind die Spreewälder meist mühelos auszumachen. Sie fahren mit an der Spitze leicht nach oben gezogenen Schlittschuhen, die eher an Gleitschuhe für Kinder erinnern. Unverzichtbares Utensil ist der Stock mit einem Eiskratzer zum Halten und Abstoßen. Die holde Weiblichkeit wurde noch vor 70 Jahren von den Männern in Schlitten übers Eis geschoben. Diese ähnelten eher kleinen Himmelbetten mit Kufen. Ein Handwerker fertigt sie heute noch in kleinerer Ausführung für Kinder oder Puppen. Spätestens beim Auftauchen eines solchen Gefährtes sind alle Ängste vor einem Brechen der Eisdecke trotz Tauwetters wie weggeblasen.

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