Zeitung Heute : Sprengen oder schützen?

JÜRGEN TIETZ

Debatte über die Zukunft des Berliner OlympiageländesVON JÜRGEN TIETZAbreißen und neu bauen? Entkernen, wie im Fall des Olympiastadions von Barcelona? Oder lieber als Ruine verfallen lassen wie das Colosseum in Rom? Keine dieser derzeit in der Öffentlichkeit diskutierten Lösungen für den Umgang mit dem Berliner Olympiastadion und dem Reichssportfeld erscheint Denkmalpflegern und Kunsthistorikern akzeptabel.Bei einem Kolloquium über Geschichte und Bedeutung des Berliner Olympiageländes, das Wolfgang Wolters am Fachbereich Kunstwissenschaft der TU-Berlin veranstaltete, ergriffen die Referenten die Chance, den Umgang mit dem "unbequemen Denkmal" und seiner komplexen Geschichte als Herausforderung für das eigene Fach, aber auch für die Öffentlichkeit zu begreifen. Bernd Nicolai (TU-Berlin) verwies darauf, daß es sich bei der Anlage um ein Denkmal von europäischem Rang handle.Dem Olympiastadion, das Werner March anstelle der Grunewald-Rennbahn (1909) und des "Deutschen Stadions" seines Vaters Otto March (1912/13) für die Olympischen Spiele 1936 errichtete, komme eine herausragende Bedeutung als funktionalem Stadionbau zu, der am Beginn der Entwicklung des weltweiten Massensports stehe. Erschienen in der bisherigen Diskussion um die Stadionsanierung die Freiflächen des Deutschen Sportforums, das Werner March seit 1926 plante, oder das Maifeld als beliebige Disponiermasse, die anderen Nutzungen wie einer Wohnbebauung oder einem Stadionneubau zugeführt werden könnten, so verdeutlichte der Vortrag der Gartendenkmalpflegerin Petra Hübinger den hohen Denkmalwert des gesamten Areals. Das ausgeklügelte System von Sichtachsen und räumlichen Bezügen bildet bis heute eine entscheidende Grundlage für das Verständnis des Ensembles.Neben der wichtigen Ost-West-Achse, die vom Olympischem Platz durch das Stadion und das Marathontor zum Glockenturm führt, entstand auch auf dem Gelände des Sportforums eine differenzierte Platzabfolge mit Achsenbezügen, die eine hohe Funktionalität und eine für die NS-Ideologie charakteristische Inszenierung von Natur und Bauwerk vereinte.Teil dieser Inszenierung war die "germanisierende" Bepflanzung des Terrains mit Eichen und Kiefern durch Wiepking-Jürgensmann.Der unermüdlichen Pflege des Sportforums durch die britische Schutzmacht, die bis 1994 hier ihr Berliner Hauptquartier hatte, ist der weitgehende Erhalt der originalen Substanz sowohl im Bereich der Bauten als auch der Freiraumanlagen zu verdanken.Die mangelnde Pflege der letzten Jahre führte aber bereits zu Verfallserscheinungen.Es könnte die absurde Situation entstehen, daß das von den Briten vierzig Jahre lang gehegte Denkmal durch Desinteresse binnen kurzem zerstört wird. Eindrücklich wies Norbert Huse (TU-München) auf die Vermischung von Sportlertum, Heldenkult und Opfertod auf dem Olympiagelände hin.Diese fatale Mischung zeigt sich in der Anlage der in den 60er Jahren zusammen mit dem Glockenturm rekonstruierten (!) Langemarck-Gedenkhalle und dem vorgelagerten Maifeld, das auf Befehl Hitlers in das Olympiagelände eingefügt wurde.1936 diente das riesige Aufmarschgelände des Maifeldes, das 150 000 Personen Raum bietet, für die Aufführung eines von Carl Diem verfaßten Festspiels über "Heldenkampf und Totenklage", während die Machthaber des Dritten Reiches bereits den Weltkrieg planten, der Millionen Opfer fordern sollte. Daß auch die Geschichte des Olympiageländes nach 1945 Teil seines Denkmalwertes sei, hob Landeskonservator Jörg Haspel hervor, der den konservatorischen Umgang mit dem Areal skizzierte.Diese vielschichtige Bedeutung des Denkmals Olympiagelände als NS-Kultstätte, Monumentalarchitektur, Denkmal der Sportgeschichte sowie als Zeugnis der Berliner Nachkriegszeit betonte auch der Vorsitzende des Berliner Denkmalrates, Adrian von Buttlar (Universität Kiel).Sowohl die historische Bedeutung als auch die Qualitäten von Stadion und Reichssportfeld sind für den Denkmalrat Gründe, Erhalt und Sanierung der Anlage zu fordern.Die adäquate Nutzung des Sportgeländes stelle die erfahrungsgemäß beste Option für das Denkmal dar.Um zu verhindern, daß dieSportstätte überflüssig und von der Abrißbirne bedroht wird, wurde ein Stadionneubau allgemein abgelehnt.Die Voraussetzung für eine weitere Nutzung des Olympiastadions ist aber dessen Sanierung. Daß bei einer Sanierung eine angemessene Wahrung von originaler Bausubstanz möglich ist, verdeutlichte der Vortrag von Reinhard Kubens von der Planungsgemeinschaft Deyle und Bung.Eine abschnittweise Sanierung des Bauwerks sei möglich, so daß der Spielbetrieb im Stadion aufrechterhalten werden könne.Um die für die Sanierung laut Kubens notwendigen 415 Millionen DM aufzubringen, brachte von Buttlar die Gründung einer Stiftung als Sanierungsträger ins Gespräch, in der die Interessen aller Beteiligten gebündelt werden könnten.

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