Zeitung Heute : Sprengstoff am Bau

MARGARITA CHIARI

Im Konflikt der Gewerkschaft mit den in der Fachgemeinschaft Bau vereinigten mittelständischen Baubetrieben scheint die Eskalation kaum noch aufzuhalten zu sein.VON MARGARITA CHIARITag für Tag flackern nun Warnstreiks auf Berliner Baustellen auf.Im Konflikt der Gewerkschaft mit den in der Fachgemeinschaft Bau vereinigten mittelständischen Baubetrieben scheint die Eskalation kaum noch aufzuhalten zu sein.Hartnäckig fordert die Fachgemeinschaft, die vor wenigen Monaten mit großem Eklat ihre Mitgliedschaft im bundesweiten Tarifverbund aufkündigte, radikale Lohnkürzungen auf regionaler Ebene ein.Die IG Bau reagiert nicht minder stur und trommelt ihre Mitglieder bereits zur Urabstimmung zusammen.Damit droht auf Berliner Baustellen nun das, was die Tarifpartner auf Bundesebene vor wenigen Wochen gerade noch vermeiden konnten: ein Arbeitskampf.Ob er den Betrieben den ersehnten "Befreiungsschlag" bringt, muß allerdings stark bezweifelt werden. Überraschend freilich ist die Rebellion der Unternehmer nicht.Der Bauboom hat deren Hoffnungen alles andere als erfüllt.Im harschen Wettbewerb bleiben gerade die mittelständischen Betriebe zunehmend auf der Strecke.Allein im vergangenen Jahr mußte in der Region schon jeder fünfte Bauunternehmer den Gang zum Konkursrichter antreten.Mit steigender Wut haben die Betriebe vor Ort beobachtet, wie ihnen andere, die sich dem Tarifzwang entziehen, die Aufträge wegschnappen: die großen Baukonzerne, die zunehmend ausländische Subauftragnehmer mit Billigarbeitskräften heranziehen, ebenso wie die Konkurrenten aus dem Osten, von denen nur noch ein geringer Teil die Beschäftigten nach Tarif entlohnt.Da hat sich viel Sprengstoff angesammelt. Dennoch riskieren die mittelständischen Arbeitgeber viel.Ihr Aufstand läßt sich kaum auf einen regionalen Konflikt begrenzen.Die Gewerkschaft weiß nur zu genau, daß ein Nachgeben hier unweigerlich das ohnedies schon labile System des Flächentarifvertrages aus den Angeln heben würde.Die nächsten Rebellen stehen bereits in den Startlöchern.Auch in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern haben die Arbeitgeberverbände des Baugewerbes ihrem Dachverband vorsorglich die Gefolgschaft aufgekündigt, auch sie pochen auf regionale Vereinbarungen mit der Gewerkschaft.Und die übrigen warten zweifellos nur ab, ob die Berliner sich mit ihrem Vorstoß durchsetzen. Der Streit verdrängt allerdings auch, daß die Krise am Bau nicht allein eine Frage der Löhne ist.Was der Branche noch bevorsteht, ist ein Anpassungsprozeß, den andere Wirtschaftszweige, wie etwa der Maschinenbau, schon weitgehend abgeschlossen haben: die Verlagerung auf Tätigkeiten mit einer hohen Wertschöpfung, auf Beratung, Planung, Finanzierung und andere Rundum-Dienstleistungen.Die großen Baukonzerne und die kleinen Spezialisten werden diesen Prozeß leichter bewältigen.Die mittelständische Betriebe, die zu klein sind für die Aufgaben eines Generalunternehmers und zu groß oder zu wenig spezialisiert, um in einer Nische ihr Auskommen zu finden, steuern einer schwierigen Zukunft entgegen. Für Berlin eröffnet das alles andere als günstige Perspektiven.Der Druck der Baufirmen aus dem Osten, die mit deutlichen Überkapazitäten ringen, wird weiter zunehmen.Hier die Rettung in regionalen Tarifabschlüssen zu suchen, die den Wettbewerb nur weiter verzerren würden, ist ganz bestimmt der falsche Weg.Die Gewerkschaft hat mittlerweile all jenen Verbänden, die weiterhin am Flächentarif festhalten wollen, ihr Entgegenkommen signalisiert.Flexiblen Lösungen - ähnlich dem Lohnkorridor der Chemieindustrie - will sie sich im Osten nicht widersetzen, für Berlin hat sie entsprechende "Anpassungen" in Aussicht gestellt, wie auch immer sie aussehen mögen.Das käme dem "Befreiungsschlag" schon deutlich näher - auf friedlichem Weg.

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