Zeitung Heute : Sprich mit den Händen und hör mit den Augen

REGINA KÖTHE

Olivier schaut auf die Hände und ins Gesicht der Dolmetscherin, während der Kursleiter spricht.Die Dolmetscherin übersetzt die Worte in Gebärden.Olivier antwortet, indem er seine Hände klar und präzise im Raum bewegt und die Dolmetscherin seine Gebärden in Lautsprache übersetzt.

Ob bei einer Fortbildung, auf der Bank oder im Kreißsaal, Gehörlose brauchen in vielen Situationen einen Dolmetscher, wenn sie mit Hörenden kommunizieren wollen.Beim Ablesen von den Lippen kann ein Gehörloser nur circa dreißig Prozent der Buchstaben und Worte genau erkennen, die restlichen 70 Prozent werden kombiniert und erraten.Das zeigt, warum ein Gehörloser vor allem bei juristischen und medizinischen Fragen einen Gebärdensprachdolmetscher braucht, der akkurat übersetzen kann.Und genauso braucht der hörende Arzt oder Richter einen Dolmetscher, wenn er sich mit einem Gehörlosen verständigen will.

Benötigt einer der circa 6000 Gehörlosen in Berlin einen Dolmetscher, so kann er zum Beispiel bei der "Gesellschaft zur Förderung der Gehörlosen" eine Liste der Berliner Gebärdensprachdolmetscher erhalten.Sechzehn Personen bieten ihre Dienste für Gehörlose an.Nur vor Gericht hat ein Gehörloser einen rechtlichen Anspruch auf einen qualifizierten Dolmetscher.Wer ansonsten den Dolmetscher bezahlt, muß von Fall zu Fall geklärt werden.Will der Gehörlose nicht selbst zahlen, muß er klären, ob die Krankenkasse, der Arbeitgeber oder das Sozialamt die Kosten übernehmen kann.

Wer sich einen Tag lang in Gebärdensprache übt, der spürt abends seine Hände und ist müde vom vielen Schauen auf die Bewegungen der Hände seines Gegenübers.Die Gebärdensprache ist eine visuelle und körperliche Sprache.Sie hat ihre eigene Grammatik, die nicht an der Lautsprache orientiert ist und es gibt nationale Unterschiede.Ein Franzose "gebärdet" anders als ein Deutscher, allerdings können die beiden sich schneller verständigen als Lautsprachler.

Gebärdendolmetscher brauchen gute Ohren und flinke Finger, denn sie müssen die gesprochene Sprache und die Gebärden gleichermaßen gut verstehen.Wer diese Ausbildung macht, muß nicht nur Vokabeln büffeln mit den Händen, sondern wie jeder Fremdsprachenstudent auch die Kultur der Sprachgemeinschaft kennenlernen.Den Zugang zur Gehörlosengemeinschaft zu finden, verlangt vom hörenden Studenten Geduld und Sensibilität.Denn ähnlich wie als Gast in einem fremden Land hat nicht jeder Gehörlose die Geduld und Zeit, den Sprachschüler bei seinem Lernen zu unterstützen.Schließlich ist die Gehörlosengemeinschaft und die Gebärdensprache der Ort, an dem Gehörlose ungestört, schnell, witzig und ohne "Behinderung" miteinander kommunizieren können.

Erst mit der gesellschaftlichen Anerkennung der deutschen Gebärdensprache in den letzten zwanzig Jahren hat sich das Berufsbild Gebärdensprachdolmetscher entwickeln können.Inzwischen bietet die Universität Hamburg und die Fachhochschule Magdeburg einen Diplomstudiengang zum Gebärdensprachdolmetscher an, und in Zwickau beginnt 1999 ein weiterer Studiengang.Nach Auskunft des Berufsverbandes der Gebärdensprachdolmetscher gibt es circa 350 Dolmetscher in Deutschland, von denen jedoch nur dreißig hauptberuflich arbeiten.Nach einer Schätzung des Vorsitzenden Stefan Pöhler bräuchte man jedoch 1400 Dolmetscher, wenn man jedem Gehörlosen für eine Stunde pro Monat einen Dolmetscher zur Verfügung stellen würde.

Für einen Gebärdendolmetscher ist die klare Definition seiner Rolle und Aufgabe besonders wichtig, damit es nicht zu Konflikten kommt.Ein Dolmetscher ist weder Berater noch Interessenvertreter, sondern er hat die Aufgabe, eine Kommunikation zwischen Menschen zu ermöglichen, die sich nicht verstehen.Dabei hat er sich neutral zu verhalten.So hat der Dolmetscher beispielsweise Verständnisfragen nicht zu beantworten, sondern zu übersetzen.Er braucht eine angemessene Vorbereitungszeit, sollte nicht länger als vier Stunden täglich dolmetschen und in "Doppelbesetzung" arbeiten.

"Gebärdensprachdolmetschen ist ein zukunftsträchtiger Beruf." Andrea Schulz, Mitarbeiterin am Diplomstudiengang in Hamburg, wehrt sich jedoch vor allem gegen das Klischee, daß Gebärdensprachdolmetscher ein sozialer Beruf ist.Es sei eine Sprachausbildung, die zur Kommunikation befähige.Darin unterscheide sie sich nicht von anderen Dolmetscherausbildungen.

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