Zeitung Heute : Spür deinen Schmerz

SIMONE MAHRENHHOLZ

Hier kann man langsam zusehen, wie aus einem Anfängerwerk, dem Regiedebüt des britischen Schauspielers Tim Roth ganz langsam ein Meisterwerk wird.Es geschieht während des Films, von Szene zu Szene.Anfangs ist man noch genervt: zu lang die ersten Einstellungen, zu drastisch die verwendeten Farbfilter, während wir den Schauplatz, das ländliche Devon kennenlernen.Zu absurd die Anfangsszene, die Tilda Swinton ihr Baby während eines nächtlichen Autounfalls gebären läßt.

Naja, denkt man ganz schön starker Tobak.Aber dann kommt der Film in seine Bahn, beruhigt sich, konzentriert sich, während man in eine Familiengeschichte hineingezogen wird, die das Innerste eines Menschenverbunds als Kriegszone darstellt.Uns Zuschauern wird die Perspektive des siebzehnjährigen Tom (Freddie Cunliffe) verliehen, der vieles zum ersten Mal sieht: die karge, mächtige Landschaft, die erwachende Sexualität der älteren Schwester Jessie (Lara Belmont), die neue Mutterschaft seiner Mutter (Tilda Swinton).Frisch aus London in diese Ereignislosigkeit gezogen, hat Tom jede Hoffnung aufgegeben, daß das mit diesem Leben noch etwas wird.In diesen pubertierenden Stupor bricht ganz beiläufig ein Schock.Tom sieht durchs Fenster Vater und Schwester in einer offensichtlich sexuellen Beziehung.Als er seine Schwester, die einen Freund hat, zur Rede stellt, streitet sie erst alles ab.Doch zunehmend verwirrt sich die Familiendynamik.Tom beobachtet Schwester und Vater in einem einsamen Bunker am Kliff.Tom folgt seiner Schwester mit deren Freund und wird von beiden alleingelassen.Und der Vater (Ray Winstone) scheint nach wie vor der perfekte, liebende Familienmensch.

Sehr langsam wird schließlich die Situation eskalieren.In einer Schlüsselszene hilft Tom seiner Schwester, sich zu "spüren": indem er ein Feuerzeug an ihre nackte Brust hält, was ihr, unter Schluchzen, ihren abgespaltenen Körper zurückgibt.Das Drehbuch schrieb Alexander Stuart, nach seinem 1989 erschienenen Erstlingsroman, der den Whitbread Award schon zugesprochen bekam, als die Entscheidung wegen der schockierenden Inhalte wieder zurückgezogen wurde.Der Schock wirkt auch im Film lange nach.Tim Roth hat einen stilistisch ganz und gar englischen Film gedreht, mit Mut zum Schwerverdaulichen.Die beiden jungen Laienhauptdarsteller agieren atemberaubend.Am Ende verläßt man den Film betäubt, wie in Trance, aber ob der Dimensionen an menschlicher Wahrheit seltsam beschenkt.

Heute 14.30 Uhr (International), So 13 Uhr (Atelier am Zoo)

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