Zeitung Heute : Spur des Bundes

Alles können die Architekten den Politikern nicht abnehmenVON GERD APPENZELLER
Der Bundestag baut um, der Bundespräsident baut an, der Bundeskanzler baut neu.Nach und nach, viel langsamer als erhofft, kehren die Verfassungsorgane an jenen Ort zurück, an dem ihre Vorgänger in der nationalsozialistischen Diktatur des demokratischen Sinngehaltes beraubt wurden.So ist der erste Spatenstich für das Kanzleramt heute über eine, dieser Geste stets innewohnende Symbolik hinaus auch ein Signal an die Bürger dieser Stadt im besonderen und des Landes im allgemeinen.Der dem Zeremoniell folgende Baubeginn unterstreicht den Willen, endlich voranzutreiben, was nicht zuletzt auch politisches Ziel des parlamentarischen Umzugsbeschlusses vom 20.Juni 1991 war - die Vollendung der deutschen Einheit in Freiheit. Daß dies und vieles, was zur Einheit gehört, von dem Moment an schneller und einfühlsamer geschehen würde, in dem Bundestag, Bundespräsident, Bundesregierung und Bundeskanzler von Berlin aus ihre Aufgaben wahrnehmen, ist in den vergangenen Jahren vor allem in den neuen Bundesländern eine geradezu sehnsüchtige Erwartung gewesen.Sie wich inzwischen, weil alles so schleppend und vieles so verschleppt ging, oft der Resignation.Dabei hat es gerade in den letzten Monaten, nach einer lange dauernden, retardierenden Phase, nicht an Zeichen der Bereitschaft gefehlt, das Machtzentrum der Republik mit der nötigen Entschlossenheit vom Rhein an die Spree zu verlegen.Wer nicht nur mit der stadttypischen Lust am Mäkeln grimmig durch die Baustellen stolpert, sieht die vielen Belege des Wandels.Berlin ist nicht länger ein unter dem Mehltau der Einkreisung verzweifelt um Lebenskraft ringendes Gemeinwesen.Berlin pulsiert.Die Stadt wirkt zwar manchmal ratlos, aber eben vor allem auch wieder rastlos, ständig in Bewegung, sichtbar im Werden begriffen. Diese Dynamik soll, so hoffen die alten und die neuen, inzwischen heimisch gewordenen Berliner, übergreifen auf die, die nun und in den Jahren bis 1999 kommen.Wie immer der erste Hausherr und seine Berater dann heißen werden, die nach dem Staatsratsgebäude als Zwischenquartier in den Schultes-Neubau einziehen werden - sie bringen ihre eigenen Erfahrungen mit aus Bonn nach Berlin.So wird sich dann die Frage, ob die von dort aus zu regierende Berliner Republik von der mit dem Namen Bonn verbundenen grundsätzlich verschieden ist, aus der jüngeren Geschichte und den handelnden Personen beantworten.Damit steht fest: Gegen die gewachsene und festverankerte Tradition des Föderalismus hätte keine zentralistische Attitüde eine Chance.Es ist ja vor allem die Sorge davor, die sich hinter dem Begriff der Berliner Republik verbirgt. Den äußeren Rahmen für die demokratische Kontinuität soll eine lichtdurchflutete, offene Architektur genau auf dem Areal bieten, das Albert Speer für das Auftrumpfen gigantischer Baumassen zum Ruhme des großdeutschen Reiches und seines Führers reserviert hatte.So steht das Neue denn in jeder Beziehung auf den Trümmern des Alten.Es ist ein republikanischer Gegenentwurf zur staatlichen und menschlichen Anmaßung, der im Spreebogen Gestalt annehmen wird.Axel Schultes, dessen Entwurf für das Kanzleramt umgesetzt wird, spricht von der "Spur des Bundes", die sich zweifach über die Spree hinwegzieht.Das ist ein angenehm leises und leichtes Wort für eine Stadtlandschaft, in der von 1933 bis 1945 die Stiefel knallten. Alles freilich können die Architekten den Politikern nicht abnehmen.Dafür, daß sich die in Berlin ihren Pflichten nachgehende Bundesregierung und das Parlament nicht in einem System von Tunneln, Absperrungen und Sonderflächen von der Bevölkerung abschotten, sind sie selbst verantwortlich.

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