Zeitung Heute : Spuren des Lebens, Spuren des Sterbens

Auschwitz – unfassbar nah: Wie man im Fahrstuhlspiegel des eigenen Hauses eine Vorstellung davon finden kann

Robert Birnbaum

„Geschichte verblasst schnell, wenn sie nicht Teil des eigenen Erlebens war.“

Roman Herzog, 27. Januar 1996

„Unvorstellbar“ ist ein hilfloses Wort. Wem das, was geschehen ist, unvorstellbar ist, der hat kapituliert. Aber kann er anders? Sind sechs Millionen Tote vorstellbar, Ermordete? Die deutsche Sprache kennt nicht mal ein eigenes Wort, nur Lehnwörter: Holocaust, Shoah. Unvorstellbares, was die Letzten bezeugen, uralte Männer und Frauen, in den Augen versteinerte Tränen. Aber wir können doch gar nicht anders, als es uns vorzustellen. Nicht, weil wir die Kinder und die Kinder der Kinder der Generation der Täter sind. Sondern um der Toten, der Lebenden und um unser selbst willen. In jenem kaum mehr Vorstellbaren steckt die Frage, die der Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel vor fünf Jahren im Deutschen Bundestag formuliert hat: „Wo endet Menschlichkeit?“ Er war Nummer A7713 dort, wo sie endete, als keiner die Frage gestellt hat.

Ein 60. Jahrestag wird im Protokoll des offiziellen Gedenkens selten besonders vermerkt. Aber dieser 27. Januar 2005 ist ein besonderer Tag. Die Alten, die heute noch einmal zurückgekommen sind, um den Nachgeborenen zu berichten, sind die letzten der Augenzeugen. Genri Koptew zum Beispiel wird bald 80 Jahre alt. Als er am 27. Januar 1945 mit der 322. Division der Roten Armee das riesige, von Stacheldraht umzäunte Baracken-Areal in Südpolen erreichte, war er knapp 20. Hinter dem Zaun im Schnee standen Tausende. Die letzten von eineinhalb Millionen – Polen, Juden, Sinti, Roma. Menschen.

Koptew hat den Anblick seither oft beschrieben: Menschliche Wesen, nicht erkennbar ob Mann oder Frau, alt oder jung, „mit weit aufgerissenen Augen und durchsichtiger Haut“. Verstanden, wo er da hingekommen war, hat Koptew in dem Moment nicht. Begreifen kann er es bis heute nicht. „Ich habe nie verstanden, wie sich ein menschliches Hirn so etwas ausdenken konnte“, hat er vor ein paar Tagen einem Reporter daheim in Moskau gesagt. Heute ist Koptew einer von den drei russischen Veteranen, denen stellvertretend für die Befreier Polens Präsident Alexander Kwasniewski im Slowacki-Theater in Krakau den Verdienstorden seines Landes verleiht. Anatoli Schapiro, der damals sein Major war, hat nur eine Videobotschaft schicken können. „Ich möchte den Menschen in aller Welt sagen – dies darf nie wieder geschehen“, klingt die Stimme des 92-Jährigen in den Saal mit den stuckverzierten Rängen.

„Lass mein Volk leben“, die Bitte der Jüdin Esther an den König von Babylon ist das Motto der Veranstaltung. Junge aus Europa und der Welt, Überlebende und alte Soldaten, Staats- und Regierungschef hat der Europäische Jüdische Kongress eingeladen. Auch den Bundespräsidenten. Vor zehn Jahren hat Roman Herzog als erstes deutsches Staatsoberhaupt überhaupt am Gedenken teilgenommen. Dass Horst Köhler hier ist, ist schon zur Selbstverständlichkeit geworden. Dass er keine der offiziellen Reden hält, ist Selbstverständlichkeit geblieben. „Wir sind diejenigen, die dafür sorgen müssen, dass so etwas auch im eigenen Land nicht wieder hochkommt“, wird er später im Lager sagen. Und Romani Rose, der Sprecher der Sinti und Roma, wird ihm für sein Kommen danken. Aber ansonsten ist dies der Tag der Befreier und der Opfer und der letzten Überlebenden. „Wir werden jeden Tag weniger“, sagt eine der alten Frauen. Bald werden sie uns allein lassen müssen mit unserer Geschichte.

Wer das Holocaust-Museum in Washington besucht, erhält als Ticket eine kleine graue Ausweiskarte mit einem Foto und einem Namen. Ein Gesicht aus den sechs Millionen. Erinnerung funktioniert nur konkret. Man muss sie aber gar nicht unbedingt nur in Krakau suchen an diesem eisigen Wintertag oder in Washington. In Berlin liegt das Vorstellbare viel näher. Jeder kann ins Zentrum für Berlinstudien in der Breiten Straße 36 gehen, im Saal mit den Mikrofilm-Lesegeräten in alten Adressbüchern die eigene Straße suchen und die eigene Hausnummer. „Rubinstein, W.“ steht da zum Beispiel für das Jahr 1933 verzeichnet.

Wo er gewohnt haben mag mit seiner Frau Johana in dem Jahrhundertwende-Mietshaus, Hausnummer 10 bis 12? In der Wohnung unten, oder nebenan? Den Fahrstuhl hat er bestimmt benutzt, den Holzkasten mit den elfenbeinernen Etagenknöpfen, Baujahr 1910. Aus dem Spiegel, der heute halb blind ist, hat ihn ein junger Mann in den besten Jahren angeschaut. Vier Jahre später fehlt der Name in der Einwohnerliste. Der Regenmantelfabrikant Alfred Friedrich Wilhelm Rubinstein, geboren 1897 in Schöneberg, ist 1935 nach Holland geflohen, 1936 weiter nach England. Das Apotheker-Ehepaar Eugen und Gertrut Lilienthal in der Nummer 13 schräg gegenüber ist geblieben. Jacob und Marie Geber sind wohl später erst dort eingezogen, frisch verheiratet, ein junges Paar.

Auschwitz. Es gibt doch ein Wort für das Unvorstellbare.

Wer sich dem Ort nähern kann ohne Angst ums Herz, der hat vielleicht keins. Auch wenn wir die Bilder ja alle kennen, die Wachtürme, den Stacheldraht, die Keramikisolatoren am Elektrozaun, die roten Ziegelbaracken, die Trümmer der Gaskammern und der Verbrennungsöfen, gesprengt im Januar 1945, der erste von vielen Versuchen der Täter, ihre Schuld zu verleugnen. Aber im Museum hängen die Pläne, penibel maßstabgenau in Tusche gezeichnet von deutschen Ingenieuren, für die Fabriken zur reibungslosen Vernichtung eines Volkes. Die Räder der Maschinerie drehten sich bis zuletzt. Noch zwei Monate nach der Befreiung von Auschwitz, am 27. März 1945, fuhr von Berlin der letzte Zug mit 117 Juden nach Theresienstadt.

Am Bahnhof Grunewald ist es still an kalten Wintertagen, und Gleis 17 ist ein totes Gleis. Was für ein Wort, hier. Zwischen den Schienen wachsen junge Birken und Erlen und Kiefern. Den Bahnsteig aber bilden Platten aus Stahl, am Kopfende jeder Platte ein paar Worte und Zahlen. Der Bahnhof Grunewald lag damals schon abseits, als an Nachmittagen die Lastwagen vorfuhren. Auch der 33. Osttransport ist verzeichnet auf einer der Platten. „3.3.1943 – 1732 Juden – Berlin-Auschwitz“. Unvorstellbar selbst noch diese Zahl. Das Apothekerpaar Lilienthal war darunter, Jacob und Marie Geber. Und Bihri, ihr Kind, drei Monate alt. Ein Säugling versteht nichts und spürt alles. Auch die Angst. „Heute zum ersten Mal die Todesnachricht zweier Frauen aus dem KZ“, hat Victor Klemperer in Dresden vier Wochen vor Bihris Geburt in seinem Tagebuch notiert. „Beide wurden von dem Frauenlager in Mecklenburg nach Auschwitz transportiert, das ein schnell arbeitendes Schlachthaus zu sein scheint.“

Schnee treibt über Birkenau. Selbst durch die Fernsehbilder kriecht die Kälte. Düstere Kohlenfeuer flackern in Stahlgestellen am Denkmal für die Toten. Entlang den Gleisen auf der Rampe brennen Lichter. In Decken gehüllt das Häuflein der Überlebenden, das blau-weiß gestreifte Dreieckstuch um den Hals, das an die Häftlingskleidung erinnert. Ein alter Mann, die Augen hinter einer dunklen Brille geschützt, hält Fotos in eine Fernsehkamera, eins nach dem anderen holt er aus einem Etui. Mutter. Vater. Bruder. Das Unvorstellbare kann man nicht abbilden wie die Banalität des Untergangs des Bösen in der Reichskanzlei. Aber Erinnerung braucht Bilder. Am schmalen Pfad von der Rampe zu den Gaskammerfabriken hängt ein Foto. Sieben, acht Frauen, vier Kinder, einige wenige aus der langen Reihe Menschen zwischen Stacheldrahtzäunen. Eine Ältere hält die Hand eines Jungen, neun, zehn Jahre wird er sein. Die kleine Wärme der Handfläche, der harte Druck der Finger, die letzte menschliche Geste wenige Minuten vor der Dunkelheit.

Zur Erinnerung genügt auch ein Klang Stahl auf Stahl, knirschend, kreischend, die Räder einer Lokomotive, eines Zuges, der bremst. Der letzte Ton aus den Lautsprechern verklingt. Kaum vorstellbar, dass einer, der diesen Klang hier schon einmal gehört hat, ihn heute erträgt. Auf dem „Friedhof ohne Gräber“ , wie ihn Wladyslaw Bartoszewski nennen wird, der Schutzhäftling Nummer 4427 gewesen ist und Polens Außenminister wurde und ein Freund der Deutschen. Da, wo nicht nur Menschen begraben liegen, sondern Leben, die nie gelebt wurden. „Was wäre aus ihnen geworden, aus dieser Million jüdischer Kinder?“, fragt Simone Veil, die Frankreichs Sozialministerin war und der die Nummer 78651 in den Arm tätowiert ist. „Wir, die letzten ehemaligen Häftlinge, haben das Recht – ja sogar die Pflicht – euch zu warnen und zu bedrängen, dass ihr dafür Sorge tragt, dass sich Leiden wie die unserer Mitgefangenen nie wieder wiederholen.“

Der Schneefall hat nachgelassen. Die Scheinwerfer bescheinen den Kantor Joseph Malowany, der Kaddish singt, das Gebet für die Toten. Sie werfen die Schatten der Überlebenden lang auf den Schnee und scheinen in die Gesichter der Jungen. An die Jugend hat sich Elie Wiesel vorhin im Slowacki-Theater gewandt. „Wenn ihr nach diesem Tag zurückkehrt und die Gleichen seid, haben wir verloren“, hat er gesagt.

„Papa“, fragt der Sohn, „haben eigentlich viele Juden das KZ überlebt?“ Nein, mein Junge. Von den 1732 Menschen des 33. Osttransports – nur 28. Das Apothekerpaar Lilienthal war nicht dabei, Jacob und Maria Geber nicht und Bihri nicht, das kleine Mädchen aus dem Haus schräg gegenüber. „Verschollen“ steht im Berliner Gedenkbuch hinter seinem Namen. Auch Alfred Friedrich Wilhelm Rubinstein ist im Buch der Toten zu finden. Von England ist er wieder nach Holland zurückgekehrt, keine Ahnung warum. Von dort haben sie ihn im Oktober 1942 nach Auschwitz geschleppt. Im Dezember steht sein Name in der Sterbeliste des Arbeitslagers Monowitz, zu Tode geschuftet und geschunden. Mehr wissen wir nicht von ihm. Aber wenn du, mein Junge, in den halb blinden Spiegel in unserem Fahrstuhl blickst, kannst du versuchen, ihn dir vorzustellen.

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