Staatsbibliothek : Lichtdom für Leser

Die Staatsbibliothek Unter den Linden wird zur modernen Forschungsstätte.

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Büchertempel. Der neue Lesesaal der Staatsbibliothek Unter den Linden, wie er den Nutzern vom Frühjahr 2011 an zur Verfügung...

Es handelt sich um die seit Jahren aufwendigste Baumaßnahme in der Innenstadt. Eine Baustelle im Verborgenen, denn von den meisten Passanten unbemerkt werden im Inneren der einen ganzen Straßenblock einnehmenden Staatsbibliothek Unter den Linden bis 2013 rund 370 Millionen Euro verbaut. Bis dahin soll aus dem wilhelminischen Bücherlabyrinth, mit dem die Nutzer und Betreiber von Anbeginn nicht glücklich waren, eine moderne, reibungslos funktionierende Forschungsbibliothek werden.

Im Krieg hatte der verzweigte Bau aus den Jahren 1903–14 mit seinen sieben Innenhöfen schweren Schaden genommen. Vor allem der zentrale Lesesaal, ein in wilhelminischer Pracht schwelgender Kuppelbau, lag in Trümmern. An einen Wiederaufbau war zu DDR-Zeiten nicht zu denken, stattdessen wurden die Reste abgeräumt und vier Magazintürme aus Beton in den Hof gestellt. Zu wenig Lesesäle, fehlende Buchförderanlagen, miserable interne Betriebsabläufe, bautechnische Mängel und klimatisch prekäre Verhältnisse wurden nach der Wiedervereinigung als untragbar empfunden. Schon 1990 wurden die Generalsanierung mit kniffligen Gründungsstabilisierungen und Kellersanierungen begonnen und die Betontürme wieder abgerissen.

Den Architektenwettbewerb gewann HG Merz mit einem Entwurf, der den Dialog zwischen Historie und Moderne kultiviert. Der Hauptlesesaal hat etwa die Ausmaße der früheren Rotunde, ist aber im Grundriss nahezu quadratisch und liegt ein Geschoss höher. Auf diese Weise ließ sich die zentrale Erschließungsachse unter dem Saal hindurch bis zum nördlichen Ende des Ensembles verlängern. Ursprünglich endete der als repräsentative Protokollstrecke inszenierte Weg im „Sanktuarium“ der großen Rotunde, denn der nördliche Trakt an der Dorotheenstraße gehörte nicht mehr zur Staatsbibliothek, sondern war Bibliothek der Humboldt-Universität. Von deren Lesesaal sind nur noch Nischen mit Säulen und Pilastern an einer Wand erhalten, die von den Architekten in die moderne Raumkomposition des Rara-Lesesaals einbezogen wurden.

Die Eingangsrotunde der Universitätsbibliothek gehört zu den am besten erhaltenen historischen Bauteilen. Sie wurde samt Kuppel restauriert und erhielt über der historischen Dachkonstruktion ein schützendes neues Glasdach. Eine gläserne Hülle erhielt auch der Hauptlesesaal, die über einem massiven Sockel zu schweben scheint und vom Reichstag oder vom Fernsehturm aus als luzider, nachts von innen heraus strahlender Lichtdom zu sehen ist. Die Außenhaut besteht aus mit einem künstlerisch gestalteten Dekor nachverformten Gläsern, die innere Klimahülle aus Verbundscheiben. Die Wirkung ist mehr transluzent als transparent, denn der Ausblick auf Innenhöfe und Dachzonen ist nicht sehr attraktiv.

Im Inneren scheint der Glasdom über einem Sockel aus Büchern zu schweben. Drei Geschosse mit Regalwänden aus dunkel gebeiztem Pappelholz und Galerien ringsum umfangen einen warm gestimmten, dennoch hellen, kontemplativen Raum mit angenehmer Arbeitsatmosphäre. Die Raumschicht um den Saal bietet Platz für Forscherarbeitsplätze, „Carrels“ (kleine Arbeitszellen für größere Forschungsarbeiten) sowie für die Unterbringung umfangreicher Freihandbestände – eine wesentliche Verbesserung verglichen mit den bisherigen Zuständen.

Vielleicht hat HG Merz die Kritiken zur Eröffnung der Preußischen Staatsbibliothek 1914 gelesen: Max Osborn beklagte damals, „dass man sich nicht entschließen konnte, dem großartigen Gebilde des technischen Geistes auch seinen entsprechenden Formausdruck zu geben, sondern ihm einen konventionellen Renaissancemantel umlegte, der nicht anders wirkt denn eine mächtige Attrappe“. „Tote Repräsentationsräume“, so Karl Scheffler, ein anderer namhafter Kritiker jener Zeit, hat Merz nicht geschaffen, aber auch kein nüchternes Zweckgebäude. Es ist eine Architektur mit wohlkalkulierter, nobler Atmosphäre, dem Wohlgefühl der Nutzer verpflichtet und dem Zweck angemessen.

Dort wo Neues hinzugefügt wurde, wo die Klinkerfassaden der Höfe erneuert, wo zerstörte Bauteile ergänzt, wo neue Raumzusammenhänge geschaffen werden mussten, sind die Zutaten als heutig kenntlich. Nur sparsam wurden historische Böden, Glasfliesen oder Geländer ergänzend rekonstruiert.

Um den laufenden Betrieb der Bibliothek zu gewährleisten, wurden die Arbeiten in zwei Bauabschnitte eingeteilt. Der erste Bauabschnitt mit der Sanierung der nördlichen Magazinflügel und dem Neubau ist mittlerweile weit fortgeschritten. Zurzeit wird ein provisorischer Zugang von der Dorotheenstraße her eingerichtet.

Im Frühjahr 2011 sollen der Hauptlesesaal und der Rara-Lesesaal den Nutzern zur Verfügung stehen. Dann kann die Sanierung des Hauptflügels Unter den Linden, des Ehrenhofs und des historischen Vestibüls in Angriff genommen werden. Hundert Jahre nach ihrer Eröffnung wird die Staatsbibliothek neuerlich eröffnet werden, nicht ganz im alten Glanz, aber ehrlicher im Ausdruck und angenehmer und bequemer zu benutzen.

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