Zeitung Heute : Stadt der Kinder

Spielplätze statt Parkplätze: Stuttgarts Oberbürgermeister hat einen Plan

Rainer Woratschka[Stuttgart]

Zunächst einmal kann er sich’s politisch leisten. „Ich hab’s komfortabel, ich bin für acht Jahre wiedergewählt“, sagt Wolfgang Schuster und lächelt. Es ist ein selbstgewisses Oberbürgermeisterlächeln. Wahrscheinlich lächelt der schlaksige Schwabe genauso, wenn er kein Heimspiel hat wie an diesem Sommermorgen vor wohlwollenden Journalisten auf seiner Rathausterrasse. Sondern wenn er vor denen steht, die von seiner Idee herzlich wenig halten. Aber – wer ist schon gegen mehr Kinderfreundlichkeit?

Das Bemerkenswerte ist, dass sich der CDU-Politiker nicht mit dem Üblichen zufrieden geben will: wohlmeinende Appelle an Unternehmer, ein paar neue Tempo-30-Zonen, ein möglichst pralles Ferienprogramm. Schuster geht mit schwäbischer Gründlichkeit zu Werke. Wenn schon, dann im Superlativ: Die kinderfreundlichste Stadt Deutschlands soll Stuttgart werden, verkündet der dreifache Vater. Diesem Ziel werde er in den nächsten Jahren alles unterordnen, sogar die berühmte Sparsamkeit.

Woher dieser Ehrgeiz? Demografisch ist Stuttgart eine Großstadt wie jede andere. Viermal so viele Autos wie Kinder. Mehr als 80 Prozent der Haushalte bestehen nur aus Erwachsenen. Die Geburtenrate liegt seit den 60ern unter der Sterberate. Wenn die Migranten nicht 35 Prozent des Nachwuchses stellten, sähe es „noch trostloser“ aus, sagt der OB. Familien mit Kindern sind eine kleine Minderheit. Zu vernachlässigen. Vernachlässigt, über Jahrzehnte.

Veronika Kienzles Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen, wenn sie davon spricht. „Autoschneisen“ habe man durch die Mercedes-Stadt geschlagen, murmelt die Bezirksvorsteherin. Und dass man den Kindern den öffentlichen Raum nun „mühsam zurückerobern“ müsse. Gerade tut sie es wieder, bei einem Ortstermin mitten im Stuttgarter Talkessel, es ist mühsam genug. Ein Anwohner, braun gebrannt, kurzbehost, kommt aus seiner Erdgeschosswohnung gestürmt und beklagt sich heftig. Über den Lärm spielender Kinder. Über angeblich verkratzte Autos, zerbrochene Fensterscheiben. Dabei gäbe es was zu feiern. Fast 20 Jahre lang hat die Stadt erwogen, fünf Jahre hat eine Initiative gekämpft, nun ist die Stitzenburgstraße Sackgasse und verkehrsberuhigt. Mit Bäumen, einer Sitzecke vor der Bäckerei – aber immer noch jeder Menge parkender Autos auf den Spielflächen. Und die Anwohner sind zerstritten. Eine Gegeninitiative wettert über Kinderlärm, Parkplatzverlust und abendliche Jugendrandale. Ihr Schild „Kinder erwünscht, Spielen erlaubt“ mussten die Kinderfreunde abhängen.

„Kinderlärm ist Zukunftsmusik“, sagt der Oberbürgermeister in solchen Fällen. Er weiß ganz genau, dass sich mit dem Slogan „seniorenfreundlichste Großstadt Deutschlands“ ganz andere Beliebtheitswerte erreichen ließen. Im dicht bebauten Stuttgarter Westen haben Anwohner mit Sprengstoffanschlägen gedroht, als man ihnen drei Parkplätze für einen „bespielbaren Stadtplatz“ genommen hat. Dabei fehlen in diesem Bezirk nach städtischen Erhebungen 22000 Quadratmeter an Spielflächen.

Immerhin: Im Gemeinderat scheinen sie sich einig. Ein CDU-OB, der das traditionelle Familienbild seiner Partei für nicht zukunftstauglich erklärt, der berufstätigen Müttern Verlässlichkeit im Kinderbetreuungsangebot verspricht und dem familien- und sozialpolitischen „Gedöns“ höchste Priorität einräumt – das gefällt auch SPD und Grünen. Sozialbürgermeisterin Gabriele Müller-Trimbusch glaubt zwar, dass Schusters familienpolitischer Ehrgeiz mit der hohen Frauenquote im Stuttgarter Rat zusammenhängt. 47 Prozent der Räte seien weiblich, „das ist die Waffe, die’s bringt“. Aber der OB argumentiert auf seine Art. „Wir Schwaben denken immer auch in der Kategorie der Nützlichkeit“, sagt er. Wer die demografischen Probleme nicht offensiv angehe, habe sich wirtschaftlich auf einen „brutalen Absturz“ einzustellen. „Glauben Sie denn, dass eine Stadt, die von Hochtechnologie und Innovationsfähigkeit lebt, international mithalten kann, wenn es dort nur noch graue Köpfe gibt?“

Nein, Stuttgart will „die Jungen, die Begabten“. Um sie anzulocken und zur Familiengründung zu motivieren, hat der OB fünf Ziele formuliert: Chancengerechtigkeit bei der Bildung, genug Wohn- und Freiraum, die Förderung von Kindersicherheit und -gesundheit, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Förderung des Generationenzusammenhalts. Ziele, an denen sich jeder seiner Amtsleiter zu orientieren hat. Dass sie nicht nur Theorie sind, zeigt der Blick in den Etat. In acht Jahren stiegen die jährlichen Ausgaben für Kinder und Jugendliche von 300 auf 460 Millionen Euro.

Keine Großstadt, sagt OB Schuster, unternehme vergleichbare Anstrengungen. Beispiel Tagesbetreuung: Der Versorgungsgrad für unter Dreijährige stieg in vier Jahren mit 16,1 Prozent auf mehr als das Doppelte, der für Ganztagsplätze von Drei- bis Sechsjährigen von 22 auf 27 Prozent. Beides möchte Schuster in den nächsten Jahren nochmals verdoppeln. Und weil zwei Drittel der Berufstätigen aus der Region in die Stadt pendeln, bekommen sie im Internet mehr als 1200 Betreuungsangebote aus insgesamt 120 Umlandkommunen aufgelistet. Damit sie ihre Kinder dort abgeben können, wo es ihnen am angenehmsten ist.

Es gebe nichts Schöneres als spielende Kinder auf der Straße, sagt Stefan von Holtzbrinck. Und nichts Schlimmeres, als „wenn sie von Anwohnern und Hausmeistern niedergebügelt werden“. Weil er den Einsatz für Kinderfreundlichkeit als „Bürgerpflicht“ und das Thema als „Überlebensfrage der Gesellschaft“ begreift, steht der Stuttgarter Verleger dem OB mit einem Kuratorium zur Seite. Dass man ihn und seine 50 Mitstreiter politisch vereinnahmen könnte, fürchtet er nicht. „Das Thema gehört keiner Partei“, sagt er. Und dass er den Eindruck habe, „dass hier etwas ganz Handfestes entsteht“.

Das will Schuster jetzt ganz genau wissen. Deshalb bekam die Basler Prognos AG den Auftrag, Messgrößen für Kinderfreundlichkeit zu entwickeln und Städte daraufhin zu vergleichen.In fünf Jahren wird der Oberbürgermeister dann wissen, ob er – wissenschaftlich fundiert – mit dem Superlativ werben darf. Was er jetzt schon weiß: Geschadet haben werden seine Anstrengungen der Stadt nicht.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar