Zeitung Heute : Stadt, Land, Kuß

Fesselnd: Marcos Loayzas "Escrito en el agua"Manuel (Mariano Bertolini) ist ein Computerfreak und surft zum Leidwesen seiner Eltern ständig im Internet.Daß er für ein paar Tage Buenos Aires verlassen muß, weil sein Vater Marcelo (Jorge Marrale) ihn zu einem Geschäftstermin mit aufs Land nimmt, stört ihn kaum: Strom gibt es ja auch dort.Manuel ist ein verwöhntes ("Leihst du mir dein Notebook?"), allerdings nicht verzogenes Kind aus reichem Hause; daß er keinen Wert darauf legt, mit Freunden umherzuziehen, zeugt nicht von Verhaltensstörungen, sondern von geistiger Frühreife. Der Vater arbeitet als leitender Ingenieur für eine große Baufirma, und daß sein Sohn so oft vor dem Computer sitzt, mißfällt ihm weniger als dessen soziales Engagement: Manchmal zieht Manuel mit der Kamera durch Buenos Aires und fotografiert die Verlierer der Gesellschaft.Die Landluft soll den Jungen wieder auf den rechten Weg bringen - was sie tut, allerdings nicht im Sinne des Vaters.Der Großvater, bei dem sich Marcelo und Manuel einquartieren, ist ein alter Spanienkämpfer, und von der gleichaltrigen Clara (Luciana Gonzalez Costa) wird Manuel nicht nur in die Liebe eingeführt, sie klärt ihn auch über die Machenschaften Marcelos auf, der Schadstoffe verwendet und ein Arbeiterleben auf dem Gewissen hat. Furchtbar konstruiert mag das klingen, jede Figur ihr eigenes Klischee, aber was der in Bolivien geborene, in Kuba ausgebildete Regisseur Marcos Loayza aus dem Drehbuch gemacht hat, ist ein Musterbeispiel für behutsames, geschmackssicheres Inszenieren.Mit Unterstützung seines Kameramannes Billi Behnisch gelingt es ihm, Landschaften expressiv einzusetzen, ohne sich plumper Stadt-Land-Kontraste zu bedienen, so daß Buenos Aires nicht als häßliche Industriestadt diffamiert und das Land nicht als Paradies idealisiert wird.Nebel, Regen und Sonne dienen niemals einer vordergründigen Stimmungsmache, und es zeugt von Loayzas sicherer Regiehand, daß "Escrito en el agua" trotz seines Verzichts auf Effekte, trotz der langsamen, ruhigen Erzählweise 86 Minuten lang fesselt.Umso mehr fällt ein kleiner faux pas auf: Bei Manuels erstem Mal schwenkt die Kamera von den Liebenden weg, und Regentropfen laufen am Fenster herunter.Vielleicht sind auch die beiden Jugendlichen ein bißchen zu rein, edel und vernünftig, wie aus einem Film von Eric Rohmer.Aber das sind nebensächliche Einwände gegen einen Panorama-Beitrag, der den Wettbewerb bereichert hätte. FRANK NOACK Heute 19 Uhr (Royal), morgen 13 Uhr (Atelier)

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