Zeitung Heute : Stadt mit Aussicht

Ursula Weidenfeld

Die Deutschen favorisieren Potsdam als Kulturhauptstadt 2010, besagt eine Forsa-Umfrage . Wäre Potsdam wirklich der geeignete Kandidat?

Eine Mehrheit der Deutschen findet, dass Potsdam unter den Städten, die sich in diesem Land um den Titel der Kulturhauptstadt Europas 2010 bewerben wollen, das Rennen machen sollte. Weil Potsdam die besten Chancen habe, sich dann im internationalen Wettbewerb durchzusetzen. Und weil die Stadt einfach schön ist. Das hat das Meinungsforschungsinstitut Forsa in einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des (Potsdamer) Magazins „Cicero“ herausgefunden.

Es stimmt. Potsdam hat in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Karriere gemacht. Nicht nur, dass seit Wochen die kühne Spannbetonsilhouette eines Theaterneubaus an der Havel gefeiert wird, der die einen wahrhaftig an die Oper in Sydney erinnert – und die anderen immerhin vom Ahornblatt am Alexanderplatz reden lässt. Auch das VW-Designzentrum wird gelobt, das junge Kreative in die Stadt gebracht habe. Das Hasso-Plattner-Institut für Informationstechnologie, das Zukunftswissenschaftler lockt. Die historischen Schlösser und Gärten, die wieder zum Standardprogramm aller Berlintouristen gehören. Die Bundesgartenschau vor zwei Jahren, die die Militärübungsflächen mitten in der Stadt in einen modernen Park verwandelt hat. Und, zu guter Letzt: Ein marodes innerstädtisches Schwimmbad, das nun durch die Hand des internationalen Stararchitekten Oscar Niemeyer in etwas ganz Großartiges verwandelt werden soll. Die Welt am Sonntag bemerkte, die Vorstadt Potsdam sei schon längst „die bessere Hauptstadt“ geworden.

Nur, dass das kein Grund ist, auch der Kandidat Nummer eins für die Kulturhauptstadt zu werden. Im Gegenteil. In den vergangenen Jahren seien meist nicht die Städte ausgezeichnet worden, die schon heimliche Kulturhauptstädte sind – sondern die, die noch welche werden wollen, sagen die Skeptiker.

Und deshalb fürchten die Potsdamer nach dem Besuch der deutschen Auswahlkommission in der vergangenen Woche, dass sie trotz der großen Anstrengungen der vergangenen zehn Jahre am Ende leer ausgehen werden. Und dass stattdessen möglicherweise Görlitz oder Halle, Lübeck, Bremen, Essen oder Kassel nominiert wird. Oder Karlsruhe. Nur zweieinhalb statt der geplanten drei Stunden hat die Kommission in Potsdam zugebracht – und den Rundgang durch das historische holländische Viertel und die wiederbelebte Fußgängerzone sogar ganz geschwänzt. Das sei kein gutes Zeichen für die Entscheidung, die in den kommenden Wochen fallen soll.

Allerdings: Potenzial sieht die Landeshauptstadt Brandenburgs auch jetzt noch für sich. Die Stadt, die noch vor wenigen Jahren von führenden Nachrichtenmagazinen zu einem der verlassensten und langweilisten Flecken des Landes erklärt wurde, habe noch viel vor sich, das Zuspruch und Ermutigung verdiene: den Wiederaufbau des Stadtschlosses zum Beispiel.

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