Zeitung Heute : Stadtluft macht frei – und sehr müde Aber wer ist so irre – und zieht aufs Land?

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Eine Freundin ist aus beruflichen Gründen nach Gütersloh gezogen, diese Irre. Die wird jetzt bestimmt jedes Wochenende hier auf der Matte stehen, völlig ausgehungert nach Leben. Denn wirklich gedeihen kann der Mensch ja schließlich nur in einer Stadt, die groß genug ist für einen Kietz mit ordentlichen Kneipen. Herzogenaurach, Gütersloh, Metzingen? Diese Dörfer, die um elf den Bürgersteig hochklappen, eignen sich doch bestenfalls als Kurort. Wenn man da zu laut atmet, starren die Leute! Nee, kommt nicht in Frage. Da kennen einen die Nachbarn und das erinnert dann doch zu schmerzhaft an das Kaff, in dem man aufgewachsen ist.

Außerdem: Ein Theater ist Grundvoraussetzung und am besten auch gleich eine Oper mit Niveau. Schließlich ist man ja kulturell interessiert. Städte ohne Universität gehen übrigens gar nicht, denn ohne Uni keine Studentenszene und ohne die keine brauchbaren Pinten, Buchläden und Autorenkinos. Schließlich will man das Geistesleben ja nicht nur im Feuilleton der Zeitung mitkriegen.

Zugegeben, laut ist es schon in den Städten und die Mieten heutzutage sind eine Frechheit. Zumal man ja eh kaum zu Hause ist, weil man entweder im Stau steht oder stundenlang einen Parkplatz suchen muss. Das mit dem Sport ist auch nicht ganz einfach in der Metropole: Im Park zu joggen, langweilt kolossal und Rennradfahren bei dem Verkehr ist echt gefährlich. Also muss es das sündhaft teure FitnessStudio sein. Irgendwie doof diese Folterkammern, aber um Reiten zu gehen oder in einem richtigen See zu schwimmen muss man hier halt ganz schön weit aufs platte Land raus fahren.

Wann der letzte Theaterbesuch war? Mal überlegen. Ach ja, kurz vor dem Abitur, irgendwas von Schiller. „Die Räuber“ – oder vielleicht war’s auch „Iphigenie“? Im Grunde genommen ist es beim Italiener gegenüber echt gemütlicher. Irgendwie landet man ja sowieso immer in denselben Lokalen, da trifft man wenigsten ein paar vertraute Gesichter. In die Oper zu gehen nach dem Büro ist jedenfalls zu anstrengend. Wer sich das nach einem hektischen Tag noch antut, ist wirklich selber schuld. Vor lauter Stress kommt man ja schon kaum noch zum Einkaufen. Wenigstens die Bücher, die kommen problemlos mit der Post von Amazon.

Merkwürdig, die Freundin im Gütersloher Exil hat man hier schon seit Monaten nicht mehr gesehen. Da es da auf dem platten Land angeblich wunderschön ist und ganz viel Platz gibt, hat sie jetzt wieder ein Pferd… und ein Rennrad. Auch eine Super-Wohnung, die enorm günstig sein soll und ganz ruhig. Übrigens gebe es da auch einen Italiener gegenüber. Und die Nachbarn zu kennen, findet sie herrlich, die haben einen Schlüssel und neulich bei einem Wasserrohrbruch das Schlimmste verhindert. Sie sagt: Immer in dieselben Kneipen und nicht in die Oper und nicht ins Theater gehen könne sie auch im tiefsten Westfalen. Diese Irre!

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