Zeitung Heute : Stänkern macht klug

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Was haben sich viele Exegeten früher nicht geplagt, den egozentrischen Ich-Erzähler seiner Tagebücher von der zugleich in der dritten Person auftretenden Kunstfigur zu unterscheiden: den Kunstpriester vom Polemiker und den Sprachspieler vom Denker. Witold Gombrowicz, so hieß es, bestehe nur aus Rollen, Masken und Verkleidungen - und wo er selbst zwischen allen intellektuellen Winkelzügen zu finden sei, sei schwer zu sagen. 33 Jahre nach seinem Tod in Frankreich, nach einer Werkausgabe bei Hanser und dem Überleben im Taschenbuch, wirken die rasanten Tonlagenwechsel des nach Argentinien ins Exil gegangenen Polen so frisch wie eh und je. Aber vielleicht kann man Gombrowiczs Hin und Her zwischen Ironie und Ernst erst heute richtig nachvollziehen. Er war ein blitzgescheiter Stänkerer gegen alles und jeden, also konnte er auch sich selbst nicht leiden. Er stänkerte aus übertriebener Liebe, auch zu sich selbst, und wer ein paar gute Gründe sucht, die Malerei, den Existenzialismus oder den Literaturbetrieb zu hassen, wird mit dem Januarband der Anderen Bibliothek glücklich gemacht. Die Auswahl bietet nichts Neues, das Alte jedoch schön gedruckt und eingebunden und mit einem um rund zwei Drittel gekürzten Text in verdaulichem Umfang. "Je klüger, desto dümmer", lautete für ihn das Hauptproblem unserer Zeit. Wie tief das gedacht war: Hier steht es auf jeder Seite.

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