Zeitung Heute : Stalin-Gotik

JÖRG KÖNIGSDORF

Yakov Kreizberg und das Orchester der Komischen OperJÖRG KÖNIGSDORFZwei kurze, vereinzelte Hustsignale ganz am Ende dieses Konzerts in der Komischen Oper bringen es erst recht zu Bewußtsein: Mit bemerkenswerter Stille und Konzentration hatte das Publikum Yakov Kreizbergs Interpretation von Schostakowitschs fünfzehnter Sinfonie gelauscht.Fast eine Stunde ohne Handtaschengequietsche und Programmheftgeraschel bleibt der beste Beleg für die Spannung, die Kreizberg und sein Orchester auch noch in den notenkargsten Endlospassagen des zweiten Satzes aufrechterhalten konnten.Kreizbergs metronomische Strenge, die auf der Opernbühne schon manchen Sänger in Verlegenheit gebracht hat, hier sorgt sie dafür, daß trotz der durchweg langsamen Tempi kein Satz zerfällt.Beständig steht diese Musik am Rande des Versiegens, die weit disponierten Sätze sind oft bis auf dünnste Stimmgespinste ausgedünnt, und doch treibt sie fast automatisch voran.Die eingefügten "Tell"- und "Ring"-Zitate geraten hier nie zu effekthascherischen Gags, sondern betonen als ins Leere laufende Gesten nur um so stärker die spieluhrhafte Starre der von innen her zerfressenen Stalin-Gotik.Zum kongenialen Dirigenten gesellt sich ein nahezu ideales Orchester.Gerade im zweiten Satz können die Musiker in ihren nicht umsonst so freiliegenden Soli eine Beklemmung erzielen, die sich unmittelbar aus der Angespanntheit des Musizierens herleitet, verwirklichen Drahtseilakte statt bloß schön zu spielen.Diesem lähmend-faszinierenden Ereignis war Bartóks erstes Klavierkonzert vorangestellt - in seiner muskelfordernden Tastenboxerei ein krasser Gegenpol zum Schostakowitsch-Letztling.Mitsuko Uchida spielt es direkt, technisch makellos und mit sorgfältig austariertem Krafteinsatz bis in die rhythmisch dominierten Schlagpassagen hinein.Die Pianistin versagt sich jedes virtuos willkürliche Retardieren, jegliches groovige Hereingehen in einen Rhythmus, jegliches kapriziöse Aufpolieren der verspielten Binnenepisoden im Finale.

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