Zeitung Heute : Stalins Gesicht?

ECKART SCHWINGER

Andreas Delfs und das BSO mit Schostakowitschs zehnter SymphonieECKART SCHWINGERWer sich auf die "Four Sea Interludes" von Benjamin Britten im BSO-Konzert unter Andreas Delfs gefreut hatte, wird von der Programmumstellung enttäuscht gewesen sein. Hannovers junger Generalmusikdirektor, der zugleich Chefdirigent des Milwaukee Symphony Orchestra ist, hatte sie kurzerhand gegen Brittens "Simple Symphony" ausgetauscht.Nichts gegen diese kindhaft vergnügte Tanzsuite, aber sie ist nun einmal eines der bekanntesten, meistgespielten Stücke von Britten. Überraschend war hinsichtlich der sinfonisch ausgewalzten Interpretation dieses Bestsellers aller Kammerorchester vor allem die relativ große Streicherbesetzung.Variabel in der Registrierung und dezent von der musikantischen Seite bot danach Joachim Dalitz das B-Dur-Orgelkonzert op.7 Nr.1 von Händel, das nun zu diesem Britten keinen allzu reizvollen Kontrast brachte.Vielleicht trieb dabei Dalitz diesmal auch seine Dezenz zu sehr auf die Spitze. Um so faszinierender wurde schließlich die e-Moll-Sinfonie Nr.10 von Dmitri Schostakowitsch aus dem Jahr 1953 musiziert.Der dirigentisch außerordentlich kultivierte, zierliche Andreas Delfs präsentierte eine Interpretation der Zehnten, die in ihrer geistigen Geschlossenheit, Dichte und Stringenz von A bis Z fesselte.Die weiten musikalischen Prozesse des tragischen Werkes modellierte er mit einer ergreifenden Differenzierung und klugen Steigerung aus, einer scharf akzentuierten, ungemein sprechenden und bisweilen auch ganz ungewohnt noblen Klanggestaltung.Wie Delfs sogleich bei dem bald halbstündigen ersten Satz, aus dem soviel tödliches Bedrohtsein zu vernehmen ist, mit einer ganz gewaltlosen Klarheit und hintergründigen Detailzeichnung zu Werke ging, zog in den Bann.Ob nun der zur Zeit der Komposition in der damaligen UdSSR noch immer gnadenlos geächtete Schostakowitsch im zweiten Satz tatsächlich das "schreckliche Gesicht von Stalin" unmißverständlich zeichnen wollte, wie sein Sohn mitteilt, sei dahingestellt.In geißelnd grotesker Art war er von Delfs zweifellos angelegt.Das Berliner Sinfonie-Orchester trat mit geschärftem Klanggestus und durchgreifender Exaktheit in Aktion.Aber auch mit expressiv schönen Soli der Holzbläser wie des ersten Hornisten, überhaupt mit einem großartigen Klangpotential und Engagement.

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