Zeitung Heute : Stammesriten

ELFI KREIS

"Offene Gesellschaft", eine Ausstellung im Haus am KleistparkELFI KREISDie "Offene Gesellschaft" - für Kurator Peter Funken ist sie "eine Idee der sechziger und siebziger Jahre, die heute verlorengegangen zu sein scheint".Die Domäne der verlorenen Offenheit liegt für ihn potentiell in den Künsten und bei Künstlern wie Matthias Bechthold, Goi, Inge Lockemann und Thomas Rudolph.Die Vier sind eine Gruppe, doch arbeitet keiner von ihnen ausschließlich im Atelier.Gemeinsam mit einem oder mehreren Künstlerfreunden betätigen sie sich auch als Kunstvermittler. Bechthold zählt zu den Begründern der Kreuzberger Selbsthilfegalerie "Soma", Rudolph betreibt die Galerie "Peking" in der Kastanienallee, Goi regte Kunstaktionen und Ausstellungen der "Love-WG-Art-Connection" in Prenzlauer Berg an, und Lockemann organisiert Vitrinenausstellungen auf dem Alexanderplatz.Für Funken vertreten sie "das Modell einer offenen, kreativen Tätigkeit".Das Theoriegerüst, das er für seine Ausstellung zurechtzimmert, klingt angesichts des Gezeigten recht bemüht und hochtrabend. Die Installation "Omas Raum" von Goi erfordert den täglichen Einsatz von Insektenspray - wegen der Obstfliegen.Eine rosa bemalte Wassermelone als Bestandteil seines absurden, autobiographischen Schlaf- und Arbeitszimmerszenarois hat das Endstadium erreicht.Goi treibt allerhand Schabernack.So läßt er einen grellgelb gestrickten Ganzkörper-Spielanzug durch die Luft wirbeln.Dazu rührt ununterbrochen ein Besenstiel in der unter einer Tischdecke verborgenen Kiste herum, aus der infernalisch fröhlich ein Pfeifsolo dröhnt. Bechtholds graue Bildobjekte sowie Rudolphs Neuplazierung einer vorgefundenen Stellwand wirken einfalls- und belanglos.Inge Lockemanns Fotodokumentation einer Sightseeing-Aktion hat immerhin Witz.Aus dem Depot des Dahlemer Völkerkundemuseums borgte sie sich eine afrikanische Zwillingsstatue der Yoruba, packte sie in eine transparente Handtasche, setzte sie neben sich auf den Beifahrersitz ihres Autos oder stieg mit ihr in die U-Bahn.Mit ihrem stummen, hölzernen Begleiter aus Nigeria unternahm Lockemann eine Sightseeing-Tour durch Berlin.Sie zeigte ihm das afrikanische Viertel in Wedding und die Siegessäule.Die Statue saß neben dem Frühstücksteller, wurde zwischen Schokoweihnachtsmann und anderem Nippes eingebürgert.Den Fremdling machte sie heimisch.Wie er wohl die hiesigen Stammesriten fand? Haus am Kleistpark, Grunewaldstr.6-7, bis 21.September; Katalog 10 DM.

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