Stammzellen : Die Grenzen des Nutzens

Stephan-Andreas Casdorff

Soll niemand dem anderen die Würde der Position absprechen. Soll niemand dem anderen mit der moralischen Keule kommen. Aber alle sollen erwägen, bitte, dass unter Umständen Bedenken die richtige Position bestimmen. Und die Umstände sind da – in der Stammzelldebatte.

Heute entscheidet der Bundestag, ob die geltenden strengeren Regelungen des Stammzellgesetzes gelockert werden sollen. Ob der begrenzende Stichtag zur Gewinnung neuer embryonaler Stammzelllinien ganz wegfallen oder verschoben werden soll. So fordern es Forscher von der Politik. In Deutschland darf nur an embryonalen Stammzellen geforscht werden, die vor dem 1. Januar 2002 gewonnen worden sind und aus dem Ausland stammen.

Wann ist der Mensch ein Mensch – bei der Beantwortung dieser Frage gerät Politik ins Dilemma zwischen Forschungsfreiheit und dem Schutz der Menschenwürde. Wissenschaftler versprechen sich und der Gesellschaft von embryonaler Stammzellforschung Heilungschancen bei Krankheiten. Allerdings müssen dafür Embryonen benutzt, verbraucht werden. Sie können nicht weiterleben. Darum der Stichtag: um das Dilemma zu lindern.

Warum nicht bei diesem Stichtag bleiben? Es gibt Argumente dafür, forsche Positionen zu vermeiden. Natürlich hat die Medizin, hat Forschung die Aufgabe, Krankheiten zu bekämpfen, Leid zu mindern. Doch gibt es noch keinen Beweis, dass die Nutzung neuer embryonaler Stammzellen mehr Heilungschancen böte. Es gibt keine Studie, die das belegt. Es gibt keinen seriösen Wissenschaftler, der heute sagen könnte, dass klinische Versuche in nächster oder absehbarer Zeit möglich sind.

Die Forschungsarbeiten in den zehn Jahren, die diese Debatte nun schon dauert, haben keine Fortschritte im Hinblick auf eine Therapie aufzeigen können. Weder in Deutschland noch in den Ländern weltweit, die keinen Stichtag haben oder andere Einschränkungen per Gesetz vorsehen. Die Forscher haben die Hoffnung, den Glauben, den Wunsch, doch bis heute keine Therapieansätze. Betrieben wird Grundlagenforschung. Aber sie geschieht auf der Grundlage der Tötung potenziellen menschlichen Lebens. Darum hat der Bundestag vor Jahren mit großer Mehrheit das Embryonenschutzgesetz verabschiedet; darum hat das Bundesverfassungsgericht erklärt, dass sich der Anspruch auf Würde über den Tod des Embryos hinaus auf die Stammzelle erstreckt. Die embryonale Stammzellforschung ist nicht höherwertig als dieser Schutz.

Zumal es in Deutschland und weltweit Erfolge mit einer anderen, der adulten Stammzellforschung gibt, bei Herztherapien, Leukämie, Leberkrebs. Das Argument, man benötige für neue Erkenntnisse die embryonale Stammzellforschung zum Vergleich, ist auch noch ohne Beweis. Die Bundesregierung hat jüngst auf eine Anfrage hin keine einzige Studie dazu benennen können.

Vor diesem Hintergrund bleibt damals wie heute die Frage, ob man die Forschung an menschlichen Embryonen braucht. Bei Bedenken, ob das verantwortbar, ob das ethisch vertretbar sei, sollte der Grundsatz der Zurückhaltung gelten. Heute gibt es keine unwiderlegbaren Argumente für die embryonale Stammzellforschung; es gibt keine anderen als im Jahr 2002.

Dann aber gibt es auch keinen Grund für eine Verschiebung des Stichtags. Und seien wir ehrlich: Wer ihn verschiebt, hebt ihn auf.

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