Zeitung Heute : Stammzellen-Import: Lizenz zum Forschen

Bernd Ulrich

Da sitzt er nun, der ganz gewöhnliche Durchschnittsabgeordnete des Deutschen Bundestages. Wir haben diesen Menschen künstlich erschaffen und nennen ihn Klaus Kliemann. Setzen wir ihn nach hinten, in die zwölfte Reihe, dahin, wo er immer seinen Platz hat, wenn eine wichtige Debatte auf der Tagesordnung steht. Klaus Kliemann sitzt also richtig, mitten in seiner Fraktion, und zugleich sitzt er falsch.

Denn heute kennt der Bundestag keine Fraktionen mehr, er kennt nur noch Gewissen. Und wenn hier schon in Fraktionen aufgeteilt werden sollte, dann dürften es statt der fünf nur drei sein: die Nein-, die Nein-Aber- und die Ja-Fraktion. Vorsitzende wären Hermann Kues, der strenge Katholik, der strikt gegen den Import embryonaler Stammzellen ist; und Margot von Renesse, die zum Import ein großes Nein und ein ganz kleines Ja gesagt hat; schließlich Peter Hintze, der Stammzellen sogar hier in Deutschland gewinnen will.

Zum Thema Dokumentation: Die Debatte um die Stammzellen-Forschung
Stichwort: Embryonale und adulte Stammzellen
Klaus Kliemann ist nicht glücklich darüber, dass der Fraktionszwang aufgehoben ist. Fraktionszwang, das klingt zwar nach Knute, und tatsächlich schmerzt es Kliemann manchmal, so abstimmen zu müssen, wie es von oben verordnet wird. Meistens jedoch ist er dankbar für diesen Zwang, er gibt ihm Orientierung. Die könnte er heute ganz besonders brauchen. Weil das ganze Thema Kliemann überfordert. Bei seinen beiden Spezialgebieten - Südafrika, er war ein paarmal dort unten, und Deutsche Bahn - da weiß er mehr als alle anderen. Bei allem anderen weiß er nicht mehr als Du und Ich.

Natürlich, er hat sich erkundigt, hat sich schlau gemacht, ohne daraus so recht klug zu werden. Man hat ihm Professoren vorgeführt und Kardinäle, Forscher und Ärzte, computeranimierte Nieren und Patienten. Der Kanzler, den Kliemann eigentlich ganz gut findet, hat eigens einen Nationalen Ethikrat einberufen. 25 Professoren, nur um die Kliemanns dieser Welt zu überzeugen. Warum dieser Aufwand, wozu diese Bugwelle? Dabei hatte der Bundestag schon eine Enquête-Kommission zum gleichen Thema eingerichtet.

Rausgekommen ist auch nichts anderes, die eine Kommission ist knapp dagegen, die andere knapp dafür. Immerhin weiß Kliemann jetzt, woher eine Stammzelle kommt: von einem winzigkleinen Embryo nämlich, der dafür geopfert wird, dass irgendwann mal aus dieser Alleskönnerzelle ein Heilmittel wird. Obwohl es sich für Kliemann mit den Stammzellen so verhält wie mit der Abseitsregel. Man weiß es irgendwie, aber wenn man dann gefragt wird... Hoffentlich fragt keiner.

Abstimmen muss er trotzdem. Klaus Kliemann wird sich an diesem Tag entscheiden - eine Enthaltung, das wäre feige. Aber wie? Er will die Debatte abwarten. Nur den Liberalisierern wird er seine Stimme gewiss nicht geben, das steht schon mal fest. Die haben zu viel versprochen, eine ganz neue Medizin, die Befreiung von den Geißeln der Menschheit - eine Argumentation wie ein Überfall, die sich aber jetzt möglichst sanft gibt. Nur Peter Hintze, einst Generalsekretär unter Helmut Kohl, kommt bei dieser Kammerton-Debatte etwas in Fahrt. Er will im Zusammenhang mit Embryonen nicht vom Töten sprechen. Kliemann beobachtet genau, wie weit sich Hintze übers Rednerpult beugt, wenn er die Kranken ins Feld führt und die Zurückhaltung der Forscher lobt.

Nur im Ton, weniger in dem, was Hintze sagt, klingt noch etwas von der Überhitzung nach, die die Debatte vor einem Jahr bestimmte und die unserem Durchschnittsabgeordneten gleich verdächtig vorkam: Für immer jung, für immer gesund, am besten gar nicht mehr sterben - Kliemann beeindruckt das alles kaum, er kommt aus dem Ruhrgebiet. Im Übrigen, ist nicht vor ein paar Wochen erst das junge Klon-Schaf Dolly an dem typischen Altersleiden Arthritis erkrankt? Und wenn die Gentechnik so viel bringt, warum wurde dann dieser Genompapst Craig Venter von seiner eigenen Firma entlassen? Kliemann lässt das Gefühl nicht los, dass er ein bisschen verführt werden soll.

Diese Liberalisierer, die glühen ihm etwas zu sehr. Immerzu predigen sie, Deutschland dürfe sich nicht abkoppeln, wir müssen mit. Nur, wenn wir so sehr müssen, warum wird Kliemann dann überhaupt noch gefragt, pro forma? Vorgestern erst hat er den Stammzellen-Professor Brüstle im Radio gehört. Der hat gedroht, Deutschland zu verlassen, wenn der Bundestag gegen den Import embryonaler Stammzellen stimmt. Bürschlein, dachte Kliemann da bei sich, Bürschlein, nimm dich in Acht, sonst stimme ich erst recht mit Nein.

Wenn Klaus Kliemann nach seinem Gefühl ginge, dann würde er für den Nein-Antrag stimmen. Obwohl, ein bisschen seltsam ist diese Nein-Sager-Truppe auch: Katholiken, Kommunisten und Feministinnen. Was für eine Mischung. Kues, der Katholik, redet ruhig ohne jeden Eifer, ohne jede Aufregung. Nur dass bei ihm die Worte "nie" und "immer" so häufig vorkommen, irritiert Kliemann ein wenig. "Nie" stimmt nie und "immer" auch nur selten, das hat er in der Politik gelernt. Und im Leben. Und dann auch noch die Feministin von den Grünen. Monika Knoche erklärt nach einer komplizierten theoretischen Ableitung, die Kliemann nicht ganz verstanden hat: "Es gibt kein Dilemma. Es gibt keinen Konflikt." Wie nun? Was? Das kann doch wohl nicht wahr sein.

Von menschlichen Embryonen und dem Verfassungsrecht, das merkt Kliemann jetzt wieder, versteht er nicht viel, aber von Menschen. Die drei Frauen, die den Nein-Aber-Antrag eingebracht und nun ihren Auftritt haben, sind normalerweise auch nur Hinterbänklerinnen, so wie er. Die Grüne, Andrea Fischer, war zwar mal Ministerin, doch bald schon ist sie gar nicht mehr im Parlament. Auch Margot von Renesse, die Sozialdemokratin aus Bochum, wird in der nächsten Legislatur nicht mehr dabei sein. Die beiden haben hier keine Eisen mehr im Feuer, womöglich geht es ihnen nur noch um die Sache. Und auch Maria Böhmer vertritt nur eine Minderheit in der Unionsfraktion, wo die meisten klar mit Nein stimmen werden. Man wird es ihr nicht danken, dass sie sich zwischen die Stühle gesetzt hat.

Irgendwie haben sich die drei zusammengefunden, am letzten Donnerstagabend, das hat Kliemann gehört, um halb sieben, war es soweit, ein gemeinsamer Antrag mit dem Titel "Keine verbrauchende Embryonenforschung" lag da. Darin fand Kliemann einen schönen Satz: "Embryonen sind zukünftige Kinder zukünftiger Eltern." Im Laufe der Verhandlungen zwischen den Dreien war das Nein immer größer geworden und das Aber immer kleiner. Verschwunden ist es nicht.

Es fällt Kliemann schwer zu glauben, dass daraus kein Einfallstor wird für immer neue Anforderungen der Forscher. Obwohl er es Margot von Renesse persönlich gern glauben würde. Sie tritt ans Pult. Sie hat sich heute ganz in ernstes Schwarz gekleidet ihre Hände halten sich gegenseitig fest, sonst würden sie zittern. Renesse leidet an der Parkinson-Krankheit, und das allein reicht, damit andere an diesem Tag Krankheit als Erpressungsargument nicht benutzen können. Renesse wirbt nach beiden Seiten hin.

Für die strikten Nein-Sager hat sie eine Prognose parat: Es wird auch mit einem noch so absoluten Nein nicht möglich sein zu verhindern, dass eines Tages Medikamente nach Deutschland kommen, für die zuvor Embryonen getötet wurden. Und dann würde kein Krankenhaus, "auch kein katholisches", einem Patienten die Medizin verweigern. Das kann sich Kliemann auch nur schwer vorstellen. Offenbar will Renesse lieber heute mit dem beschränkten Import von Stammzellen ein bisschen heucheln als in zehn oder zwanzig Jahren doppelt und dreifach: heute die Moralischsten beim Verbieten der Stammzellen und morgen die größten Konsumenten entsprechender Produkte.

Kliemann fühlt sich dennoch unwohl. Wenn von Renesse und Fischer nicht mehr im Parlament sind, wer wird dann den nächsten und nächsten Schritt verhindern? Er, Kliemann, bestimmt nicht.

Endlich der Abgeordnete Schröder, der wird ihm bestimmt helfen, sich zu entscheiden. Der Kanzler will, das war schon vorher bekannt, in seiner Eigenschaft als einfacher Abgeordneter für den Nein-Aber-Antrag stimmen. Obwohl seine Position doch in Wahrheit lautet: Aber-sicher. Tatsächlich redet er für Renesse, aber er argumentiert für Hintze. Schröder bekommt fast nur von der FDP Beifall. Kliemann klatscht auch nur einmal, als der Kanzler alles noch mal für diejenigen zusammenfasst, "die sich nicht täglich mit der Materie beschäftigen können oder wollen". Genau, denkt sich Kliemann, beides. Doch dann packt der Kanzler in die polemische Kiste und warnt pompös vor einem "totalen Forschungsverbot". Als er dann noch mit dem deutschen Sonderweg kommt, den es nicht geben dürfe, da hat Kliemann das Gefühl, als befände er sich mitten in der Debatte über den Anti-Terror-Krieg. Uneingeschränkte Solidarität mit den Forschern! Allmählich fällt ihm das auf die Nerven, immer nur entscheiden zu dürfen dass man nichts zu entscheiden hat, weil andere schon entschieden haben.

Soll er wirklich für den gleichen Antrag stimmen wie der Kanzler, der so offenkundig bei nächster Gelegenheit ein weiteres Tor öffnen will? Kliemann greift sich in die Jackentasche, um zu prüfen, ob seine Stimmkarten noch da sind. Ja, sind sie. Immer wieder spielt er mit den Karten, weil die Debatte länger dauert, als es neue Argumente gibt. Kliemann langweilt sich. Aber immerhin, er hat sich entschieden. Mitten in einem Abgeordnetenpulk geht er zu dem durchsichtigen Kasten, um seine Stimme abzugeben.

Dann gibt Bundestagspräsident Thierse das Ergebnis bekannt: eine Mehrheit für die Skepsis. Kliemann war also in der Mehrheit, er ist immer in der Mehrheit, denn er ist der Durchschnittsabgeordnete. Wenn nicht der Durchschnittsdeutsche. Na also, denkt er sich, und dass er erstmal nichts mehr von Stammzellen hören will.

Beim Rausgehen sieht Kliemann, wie sich die drei erfolgreichen Damen die Hand geben. Sie lächeln. Zwinkern sie einander gar zu? Warum nicht, immerhin haben sie den Kanzler vor aller Augen umgebogen. Und wer kann das in diesem Hause schon von sich sagen?

Kliemann jedenfalls nicht. Denn den haben wir selbst erzeugt. Und lassen ihn jetzt sterben. Oder dürfen wir das nicht?

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