Zeitung Heute : Stammzellen-Import: Warum brauchen wir embryonale Stammzellen?

Markus Feldenkirchen,Bas Kast

Im Fahrstuhl, auf dem Weg nach oben: "Verzeihung, Dr. Brüstle - den finde ich doch im 6.Stock, oder?" Der Sanitäter, orange leuchtender Overall, silberfarbener Koffer, er guckt verdutzt, als hätte er die Frage nicht verstanden. "Brüstle? Äh ... welche Abteilung?" - "Institut für Neuropathologie, Stammzellen" - "6.Stock, jaja", sagt der Mann unwirsch. Dann hält der Fahrstuhl, und der Sanitäter steigt aus, hastig, wortlos. Schon seltsam, denkt man sich. Oliver Brüstle: Das ist immerhin der berühmteste Mann hier in der Uni-Klinik Bonn. Er hat bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beantragt, ein Projekt zu finanzieren, bei dem es um den Import einer höchst brisanten Ware geht: menschliche embryonale Stammzellen.

Der Aufzug öffnet sich, 6.Stock. Es ist noch früh, ruhig. Im Flur stehen zwei Riesenkühlschränke, minus 79 Grad, an den Wänden große Poster, sie zeigen die wissenschaftlichen Arbeiten des Instituts. Vorbei an Isotopenräumen und Genlabors, gelangt man ins Sekretariat von Brüstles Chef, Professor Otmar Wiestler, Direktor des Instituts. Lagebesprechung am frühen Morgen: Die Sekretärinnen, Beate Stich und Christiane Ahlemeyer, sitzen sich gegenüber, links lehnt Brüstle an der Wand, Karo-Hemd, im Hintergrund dauernd das Telefon.

"Der Bundestag beschließt am 30.Januar", sagt Brüstle, er schwäbelt, der 39-Jährige stammt aus Biberach. "Wie spät?", fragt Sekretärin Ahlemeyer, die Hand schon am Hörer. "Genau das muss ich herausfinden", sagt Brüstle, "damit wir einen Raum reservieren können für eine Stellungnahme." Sekretärin Stich seufzt. "Na gut", meint Brüstle, "wenn die Debatte zu Ende ist, ist die Luft raus." Labor ohne Mikroskope

Die Debatte. Am Mittwoch wird der Bundestag entscheiden, ob Brüstle die brisante Ware einführen darf: Ein kleines Röhrchen aus Israel, tiefgekühlt, von einer Hochschule in Haifa, darin die Stammzellen, "ein paar 100000", wie Brüstle sagt. Am Tag danach, Donnerstag, den 31.Januar um 19 Uhr, wird die DFG bekanntgeben, ob sie das Projekt finanziell unterstützt.

Das Labor von Ernst-Ludwig Winnacker kennt keine Mikroskope. Der DFG-Präsident, einst selbst führender Gentechniker im Lande, bewegt sich heute in seinem Büro in Brüstles Bonner Nachbarschaft, im Kreise des Nationalen Ethikrats, im Kanzleramt. Sein Labor ist viel zu groß, als dass man es in einen Raum zwängen könnte. Es nennt sich öffentliches Leben oder Zirkel der Macht.

Was Brüstle im kleinen Reagenzglas machen möchte, will Winnacker auf großer Bühne durchsetzen. Mächtig genug ist er inzwischen. Nicht nur als Herr über 120 Milliarden Euro an Forschungsgeldern jährlich, von denen auf das Brüstle-Projekt gerade mal rund 100000 Euro entfallen sollen.

Winnackers Gen-Kompetenz, seine weltweiten Kontakte, machen ihn zum begehrten Berater - Kanzler inklusive. Schon in den 80ern saß er in der Enquete-Kommission des Bundestags "Chancen und Risiken der Gentechnik". Heute sitzt er in des Kanzlers Nationalem Ethikrat. Der Unterschied ist nur, dass er heute mehr als nur den Expertenstatus besitzt. Winnacker ist als DFG-Präsident auch zum Lobbyisten der Forschungsfreiheit und zum Anwalt der Stammzellforschung avanciert. Ein mächtiger Mann, trotz Brummbär- Gesicht und treuseliger Augen.

Die Stammzellen kleben an ihm, seit einem Jahr, da kann er versuchen, was er will. Inzwischen versucht er es gar nicht mehr. Redet über die Importfrage auch beim Neujahrsempfang seiner DFG für die Berliner Botschafter-Community. Winnacker passt ganz hervorragend in diesen Kreis, er, die Personifizierung der Forschungsfreiheit. Stets korrekt, immer diplomatisch. Vom Bundestag erwarte er jetzt eine Entscheidung, "die den Hoffnungen vieler Menschen auf künftige Linderung von Leid und Schmerz, die vielleicht einmal aus dieser Forschung erwachsen werden, ihren Raum lässt". Neben Winnacker prangt ein fetter weißer Schriftzug auf marineblauem Grund: "Change something".

Zu keinem Zeitpunkt ist die wahre Macht Winnackers so deutlich geworden wie kurz vor dem 7.Dezember. Es ging mal wieder um Brüstles Importbegehren. Schon dreimal hatte die DFG ihre Entscheidung auf Bitten der Politik verschoben. Jetzt aber sollte die Entscheidung endgültig fallen, obwohl der Bundestag die Importfrage bis dahin noch immer nicht geklärt hatte. Doch innerhalb weniger Tage wählte die halbe Berliner Polit-Prominenz die Bonner Nummer des Präsidenten: Bundestagspräsident Thierse rief bei Winnacker an, auch Friedrich Merz griff zum Hörer, SPD-Fraktionschef Struck folgte. Die Politik als Bittsteller. Aufschieben! Der Präsident gewährte, erklärte aber, die Politik habe versagt. Einer wie er darf das offenbar.

Embryonale Stammzellen gelten als medizinische Wunderkinder. Sie befinden sich im Innern eines wenige Tage alten Embryos und können sich in jeden Zelltyp entwickeln, in Haut-, Herz-, Hirnzellen. Die Forscher hoffen, die extrem wandlungsfähigen Zellen für Therapien nutzen zu können, indem sie kaputt gegangene Zellen ersetzen. Der Haken: Sticht man mit einer Pipette in den Embryo, um ihm Stammzellen zu entnehmen, kann daraus kein Mensch mehr werden - im Klartext: Der Embryo muss vernichtet werden. "Gerade in der Neurologie stehen wir vielen Erkrankungen absolut hilflos gegenüber, weil Zellen des Nervensystems, wenn sie kaputt sind, nicht nachwachsen", sagt Brüstle. Sein Büro ist klein, drei mal vier Meter, etwas düster, spartanisch eingerichtet, in den Wandregalen Leitz-Ordner, Papierstapel, auf dem Tisch ein Mikroskop. Brüstle zeigt aus dem Fenster: Da, links unten, sagt Brüstle, und zeigt auf ein Betongebäude, werde er in Zukunft seine Stammzellforschung betreiben. Der Wissenschaftler hat einen Ruf als Professor erhalten und ein eigenes Institut ins Leben gerufen.

Im Tierexperiment konnte Brüstle bereits zeigen, dass embryonale Stammzellen tatsächlich die Fähigkeit haben, kaputte Zellen zu reparieren. Multiple Sklerose, Parkinson oder Diabetes stehen ganz oben auf der Liste der Krankheiten, die man mit Stammzellen behandeln möchte. "Aber wir brauchen noch fünf bis zehn Jahre, bis wir über Tests an Patienten nachdenken können." Grundsätzlich aber glaubt Brüstle an die heilende Kraft der Stammzellen.

Nur was heißt "grundsätzlich"? Und was soll man glauben bei so viel Ungewissheit? Für die Politiker war es eine der bitteren Erkenntnisse im Laufe der Stammzell-Debatte, wie sehr sie dabei auf die Aussagen der Wissenschaft angewiesen waren. Mal tauchten euphorische Berichte über das Potenzial embryonaler Stammzellen auf, ein Forschungsquartal später setzten andere Experten wieder allein auf die ethisch unproblematischen adulten Stammzellen. Winnacker und seine DFG lieferten im Laufe der Debatte das beste Beispiel für dieses Verwirrspiel. Denn gerade Winnacker machte bei seiner Entwicklung zum mächtigen Advokaten der embryonalen Stammzelle einen Sprung. Noch Anfang des vergangenen Jahres wollte er diese nämlich nicht für die Produktion von Ersatzgewebe verwenden. Er empfahl deshalb die Nutzung adulter Stammzellen. Derselbe Winnacker präsentierte nur wenige Monate später, am 3.Mai 2001, die Aufsehen erregende Stellungnahme seiner DFG, in dem der Import embryonaler Stammzellen nun dringend gefordert wurde.

Woher der Wandel? Winnacker wirkte in den Wochen nach der Stellungnahme selbst ein wenig hilflos, konnte nur entgegnen, dass die Forschung sich nun mal rasend schnell weiterentwickle. Aber es gibt noch eine persönliche Erklärung für den Wandel: Winnacker ist als Politikberater für die EU-Kommission in Brüssel unterwegs, European Life Science Forum. Die Briten, die sich schon länger für die verbrauchende Embryonenforschung entschieden haben, bringen den Vorsitzenden des nationalen Behindertenverbandes mit. Winnacker hat gerade ein vorsichtiges Statement zur Stammzellforschung abgegeben, da trifft ihn die Attacke: "Sie haben offenbar gar kein Interesse an der Heilung schwerkranker Menschen! Sie sind doch kerngesund. Wir aber wollen nicht behindert bleiben." Heute beklagt sich Winnacker selbst, dass Patienten in der deutschen Debatte zu wenig gehört werden. Man solle ruhig mal einen Multiple-Sklerose-Patienten in den Bundestag holen, sagt er.

Die Stammzelldebatte hat Spuren, gar Wunden, hinterlassen bei Winnacker und Brüstle. Der Widerstand kommt aus Medien, Kirchen, Politik. Ja, hin und wieder, sagt Sekretärin Stich, gebe es schon mal böse E-rn". Brüstles Familie - er hat vier Kinder - stand zeitweise unter Polizeischutz. Bei Winnacker waren es weniger die bösen E-Mails als böse Bischöfe und Feuilletonisten, die ihm die Nähe zur Embryonenforschung als Menschenfresserei auslegten. Einen "moralblinden Forscher-Autismus" wollte die "Süddeutsche Zeitung" bei Winnacker erkannt haben. Winnacker gibt nicht gerne zu, dass ihn etwas berührt, er winkt dann ab, ach, sowas vergesse ich doch immer ganz schnell. Erst bei der zweiten Nachfrage holt er tief Luft, sagt, ja, ich habe mich geärgert. Vor allem über die Vergleiche mit dem Dritten Reich. Damals seien Hunderttausende von Menschen ermordet worden. Wer diese Vergleiche ziehe, verharmlose die Nazi-Verbrechen. Winnacker schüttelt den Kopf. "Nein. Das ist keine Form des Dialogs, das ist Terror." Die Erfahrung auf der Anklagebank der Groß-Moralisten hat den Praktiker Brüstle und den Lobbyisten Winnacker noch enger zusammengeschweißt.

Ethisch unbedenkliche Alternative

Die Zellen, mit denen Brüstle arbeiten möchte, stammen aus wenige Tage alten, punktgroßen Embryonen, die im Prozess der künstlichen Befruchtung übrig geblieben sind. "Diese Embryonen haben jahrelang tiefgekühlt in einem Schrank gelegen", sagt der Forscher. "Keiner käme je auf den Gedanken, sie noch in eine Gebärmutter einzupflanzen. Aus diesen Zellen würde nie ein Mensch entstehen." Doch Kritiker befürchten einen Dammbruch: Erlaube man den "Verbrauch" von vorhandenen, tiefgefrorenen Embryonen, stünde als nächstes die Herstellung von Embryonen zu Forschungszwecken bevor - eine Option, die sich Winnackers DFG bekanntlich offen halten will. Dabei gebe es eine ethisch unbedenkliche Alternative zu den embryonalen Stammzellen, sagt selbst Brüstle: die "adulten" Stammzellen.

In einem Laborraum im Institut für Neuropathologie, ein paar Schritte vom Sekretariat entfernt: Jan Steffel, Brüstles Doktorand, 25, selbstbewusst, weißer Kittel, zeigt auf einen Bildschirm - grün leuchtende, dicke Punkte, wie eine Tierspur im Schnee, die sich irgendwann gabelt. "Das sind adulte Stammzellen aus dem Muskel einer erwachsenen Maus", sagt Steffel, "wir haben sie in das Hirn der Ratte eingepflanzt." Stammzellen gibt es nicht nur im Embryo, sondern auch im erwachsenen Körper. Im Knochenmark, in der Haut oder im Muskel. Auch wenn unsere Herzzellen nicht nachwachsen: unsere Haut zum Beispiel tut das ununterbrochen. Mehr und mehr zeigt sich, dass auch die adulten Stammzellen sich in verschiedene Zelltypen entwickeln können - "so könnte sich eine Muskelstammzelle vielleicht auch in eine Hirnzelle verwandeln", sagt Steffel.

Da adulte Stammzellen in jedem erwachsenen Körper stecken, muss kein Embryo geopfert werden, um sie zu gewinnen - warum will Brüstle dann trotzdem an beiden Stammzelltypen forschen? "Weil beide Vor- und Nachteile haben", sagt Brüstle. Adulte Stammzellen haben den Vorteil, dass sie dem Körper des Patienten selbst entnommen werden können - bei einer Transplantation bestünde keine Abstoßungsgefahr. Gegenüber embryonalen Stammzellen haben sie aber auch einen entscheidenden Nachteil: Sie sind selten, und sie lassen sich nur schlecht vermehren. Zudem weiß man bis heute nicht, wie gut sie sich in verschiedene Zelltypen verwandeln lassen.

Während Brüstle dieser Frage nachgrübelt, erklärt Winnacker in Berlin seine Beziehung zum Kanzler, der sich frühzeitig als Freund der embryonalen Stammzellforschung geoutet hatte. Es ist sehr schwer, sich diesen stets gütig dreinschauenden Winnacker als Wüterich vorzustellen.

Aber als er die "Stern"-Ausgabe vom 6.Dezember in die Hände bekam, soll er doch etwas getobt haben. "Der Kanzler-Flüsterer" hatten die Hamburger Kollegen ihr Porträt über Winnacker betitelt, weil er Schröder die Biotech-Wende für das nächste Jahrtausend in die Feder diktiert habe. Verbürgt ist indes nur, dass der Kanzler, kurz bevor er zum ersten Mal seine Warnung vor den "ideologischen Scheuklappen" in die Welt posaunte, Winnacker um "ein paar Gedanken" bat. Winnacker winkt ab. "Wie soll der Mann denn regieren, wenn er nicht mit den Leuten redet, die sich auskennen?", fragt Winnacker. "Ich bin kein ständiger Gast im Kanzleramt." Aber es gibt natürlich wichtige Telefonate zwischen Präsident und Kanzler.

Zurück im Sekretariat der Bonner Uni. Mitarbeiter gehen auf und ab, warten auf Wiestler. Nach anderthalb Stunden hat er Zeit für ein paar Journalisten-Fragen. Braucht man die Forschung an embryonalen Stammzellen wirklich? "Ja", sagt er und legt die Hände in den Nacken. Sein Gesicht ist blass, sein Haar dünn, dazu eine randlose Brille. Chronisch überarbeitet wirkt Wiestler. "Hunderte von Millionen Dollar wurden investiert, mit dem Ziel, adulte Stammzellen zu vermehren", sagt Wiestler. "Doch es klappt nicht." Dann fährt er sein Notebook hoch, und anhand einer Abbildung erklärt er, was das Fernziel der Stammzellforschung ist.

"Wir wollen verstehen, wie sich eine entwickelte Zelle, in eine Art embryonale Zelle zurückverwandeln lässt", sagt Wiestler. "Dann könnte jede unserer Zellen Quelle werden für neues Gewebe." Doch um diesen Prozess zu verstehen, brauche man die Forschung an embryonalen Stammzellen.

Sein halbes Leben hat Winnacker als Angst-Austreiber gewirkt. Winnacker weiß um die diffusen Ängste der Menschen vor der neuen Technik: Dass mit ihr Dinge gemacht werden können, die an der Substanz der Natur kratzen. Das Wort Manipulation schwebt ja immer über der Diskussion um Chancen und Risiken der Gentechnik. Akzeptanz schaffen für diese Forschung ist Winnackers Ziel. Am Mittwoch könnte er es endlich erreicht haben, wenn der Bundestag dem Import zustimmen sollte.

Brüstle und Wiestler aber denken schon weiter: "Wenn wir importieren dürfen", sagt Wiestler, "dann werden die Menschen zu Recht nach Resultaten fragen." Erste Therapieversuche aber erwartet auch er frühestens in zehn Jahren. Wie, meint er, werden die Leute dann auf die heutige Debatte zurückblicken? "Mit Kopfschütteln."

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