Zeitung Heute : Standort-Fenster

ANDREAS HOFFMANN

Die Hannover Messe zeigt es: Der Standort Deutschland kann sich sehen lassen.Doch die Deutschen müssen sich auf neue Märkte und Produkte besinnen, die Zukunftsthemen besetzenVON ANDREAS HOFFMANNDie Deutschen leben vom Ausland.Noch nie tummelten sich so viele Ausländer auf der Hannover-Messe wie in diesem Jahr, noch nie zogen so viele durch die Hallen wie zum fünfzigsten Geburtstag der weltweit größten Industriemesse.Damit beweist die Schau, die immer ein wenig den Takt der Konjunktur zeigt, wovon die deutsche Wirtschaft lebt - vom Export.Die Inlandsnachfrage liegt brach, hohe Steuern und Sozialabgaben sowie die Rekordarbeitslosigkeit lassen die Verbraucher enthaltsam werden.Die Firmen warten ab, investieren lieber jenseits der Grenze.Ganz feucht werden die Augen der Manager, wenn sie Richtung Asien blicken.Sie denken an die vielen Chinesen und Indonesier und die vielen Kühlschränke und Autos, die sie ihnen verkaufen können.Goldene Bilanzen und steigende Aktienkurse huschen vor ihren Augen vorbei.Wir wollen an dieser Stelle nicht über die Risiken nachdenken; etwa ob die Chinesen die vielen deutschen Waren überhaupt bezahlen können, und wie sinnvoll Exporte sind, wenn etwa mit Hilfe deutscher Steuergelder U-Bahnen in Shanghai fahren.Wir wollen auch nicht über die ökologischen Risiken nachdenken; wenn Millionen Indonesier im eigenen Auto fahren und weitere Fabriken Luft und Wasser verpesten, weil Umweltvorschriften fehlen.Aber die Industriestaaten können den Schwellenländern ohnehin nicht die Entwicklung vorschreiben; erst müßten sie ihre eigenen Hausaufgaben erledigen. Uns interessiert die Zukunft der Exportnation Deutschland.Was passiert, wenn die Asiaten all die deutschen Maschinen gekauft haben.Oder wenn sie die Industrieroboter und Fräsanlagen lieber selbst bauen wollen.Eines ist klar: Beim Gang ins Ausland verbleibt technologisches Know-how jenseits der Grenze.Know-how, das hier fehlt und Konkurrenten stärkt.Freilich: Für die deutschen Firmen gibt es keine Alternative.Sie müssen in den Wachstumsmärkten präsent sein, um ihre Kunden zu beliefern.Nur was liefert die Exportnation Deutschland in Zukunft? Die Hannover Messe ist auch ein Schaufenster des Standortes D.Und der kann sich trotz ständigen Klagens von Stihl, Henkel und anderen weiter sehen lassen.Die Maschinen werden leistungsfähiger, immer weniger Menschen produzieren immer mehr Waren.Aber das genügt nicht.Die deutsche Industrie lebte früher davon, daß sie besser war als das Ausland.Über innovative, hochwertige Produkte konnte sie die hohen Löhne hierzulande rechtfertigen.Nur der Vorsprung schmilzt.Malaysia, Vietnam, Südkorea liefern mittlerweile ebenfalls Qualitätsware ­ aber billiger.Die Deutschen müssen sich auf neue Märkte und Produkte besinnen und die Zukunftsthemen besetzen. Das ist beispielsweise das Thema Ressourcenwirtschaft.Also: Wie gehe ich mit knapper werdenden Energievorräten um? Wie lassen sich viele Menschen in Ballungsräumen transportieren, ohne daß die Städte kollabieren? Wie können die ökologischen Nebenwirkungen einer forcierten Industrialisierung in den Schwellenländern abgefedert werden? All das benötigt den Grips der Ingenieure, all das verspricht neue Produkte und Dienstleistungen.Noch liegen die Deutschen bei der Umwelttechnik vorn.Aber auf der Hannover-Messe klagten Recyclingfirmen über Bonner Verzögerungen bei den Umweltverordnungen.Auf diese Vorgaben ist die Branche angewiesen, um ihre teueren Investitionen zu planen und die Zukunftsmärkte zu erobern.Den globalen Wettlauf um die niedrigste Belastung mit Steuern und Abgaben können die Deutschen nicht gewinnen ­ nur verlieren.Die eigentliche Aufgabe der Wirtschaftspolitik ist es, Vorgaben für die Zukunftsmärkte zu machen.Umweltpolitik gehört dazu.

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