Zeitung Heute : Starke ARD-WindeRichtung Berlin

JOACHIM HUBER

Die neue Zwei-Länder-Anstalt Südwestrundfunk zeigt, daß eine ARD-Reform sehr wohl machbar ist.Das könnte auch für den Sender Freies Berlin Folgen habenVON JOACHIM HUBERWehe, wenn sich ein christdemokratischer und ein sozialdemokratischer Ministerpräsident verständigen.Dann wird die vielbeschworene ergebnisorientierte Politik gemacht.Erwin Teufel, der Baden-Württemberger, und Kurt Beck, der Rheinland-Pfälzer, sind die Taufpaten der neuen Zwei-Länder-Anstalt Südwestrundfunk, in der SDR und SWF 1998 aufgehen werden.Die Politik hat konturiert, was die fusionswilligen Intendanten ausgemalt haben.Die Fusion ist eine Fusion sui generis.Ihre Bedingungen lassen das Modell des Südwestrundfunks nicht ohne weiteres auf die Organisation der übrigen Landessender übertragen.Und doch ist im Südwesten das Exempel statuiert worden, wonach eine ARD-Reform machbar ist.Faustregeln haben Fragezeichen bekommen: stets ist behauptet worden, daß jeder Rundfunkneuordnung eine Länderneugliederung vorausgehen muß, daß sinnstiftende Landesidentität mit einer eigenen Landesrundfunkanstalt einherzugehen hat, daß ARD-Föderalismus elf Sender und keinen einzigen weniger heißen darf.Bereits im ersten Fernsehprogramm wendet sich ein Föderalismus der vielen Funkhäuser gegen die kleinen Solitäranstalten.Der SFB zum Beispiel liefert knapp vier Prozent zu.Damit kommt die Hauptstadt im ARD-Fernsehen zu ungenügender Präsenz. Der Südwestrundfunk wird solche Schwierigkeiten nicht kennen.Als zweitgrößte Anstalt im ARD-Verbund wird er die Gewichte verschieben, die Dominanz des WDR schwächen.Die Macht am Rhein, der Südwestrundfunk sowie die finanziell potenten Anstalten von MDR, NDR und BR müssen zu neuem Gleichgewicht finden.Der künftig vergrößerte Klub der reichen "Ansager" in der ARD verbreitert die Kluft zu den "armen" Sendern, wie sie im Finanzausgleich für Saarländischen Rundfunk, Radio Bremen und SFB ausgedrückt ist.Ab dem Jahr 2001 soll Schluß sein mit der Alimentenzahlung.Wer zu wem, lautet deswegen das beliebteste Gesellschaftsspiel in medienpolitischen Kreisen.Nicht jeder will jeden.NDR-Intendant Jobst Plog hat mit Blick auf Radio Bremen schon das böse Wort von der "Treuhandanstalt" in den Mund genommen und damit den bloßen Beitritt des bremischen Senders als fünftes NDR-Mitglied abgelehnt.Die "ARD-Zwerge", so ruhmbeladen sie auch sein mögen, sind bei den "Riesen" erst willkommen, sobald die fortwirkenden Altlasten von ihnen genommen sind. Der Sender Freies Berlin hat just diese Probleme.In ARD-Kreisen gilt Rundfunk-Berlin als offene Stadt.Das vorgelegte Modell "ARD-Berlin 2000" des MDR-Chefs und ARD-Vorsitzenden Udo Reiter füllt das Vakuum.Zwei Motive treiben ihn an.Dem SFB wird nicht zugetraut, im Wettbewerb der in Berlin ansässigen Sender für die ARD mithalten zu können.Das im Bau befindliche ARD-Hauptstadtstudio ist Ausdruck dieser und Ausdruck einer zweiten Sorge.Mit dem Regierungsumzug findet die Alleinherrschaft des WDR im ARD-Studio Bonn ein Ende.Der künftige "Bericht aus Berlin" soll ein ARD-Bericht sein.Für die dahinterstehende Organisation hat Reiter eine Form skizziert, die die Anstalten untereinander austariert.Das könnte den Mächtigen in der ARD sehr gefallen und den Umfang wie die Qualität der Berichterstattung über die Hauptstadt nachdrücklich befördern.Nun regelt Reiters Tableau den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für Berlin aus Berlin gleich mit. Erneut wird beim SFB auf Schwäche erkannt: ohne Millionen aus dem Finanzausgleich wird die Landesrundfunkanstalt nach 2001 chronisch unterfinanziert sein; die angestrebte Hörfunk-Kooperation mit dem ORB zeigt aktuell den Sender im schmerzhaften Spagat zwischen programmlicher Überanstrengung und pekuniärer Potenz; ab Januar 1998 wird der SFB die einzige ARD-Anstalt sein, deren drittes Fernsehprogramm nicht über Satellit verbreitet wird - ausgerechnet die Hauptstadt ohne telegene Visitenkarte! Jenseits des SFB will Udo Reiter das politische Berlin mit den Ressourcen des Senderverbunds für eine ARD-Gemeinschaftslösung gewinnen.Ein Lockvogelangebot, auf das die Hauptstadt mit einer klaren Aussage über die öffentlich-rechtlichen Programme urbi et orbi antworten muß.Das Sendergehäuse ist dabei zweitrangig.Die Aufgabe und die Chancen sind größer, als daß beides mit einer Schildwache vor dem Sender Freies Berlin bewältigt werden kann.

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