Zeitung Heute : Starke Autobranche

ALFONS FRESE

Bislang drehte sich das europäische Fusionskarussel vor allem im Banken- und Chemiesektor sowie im Medienbereich.Nun kommen die Autohersteller hinzuVON ALFONS FRESEMacht und Möglichkeiten des neuen deutschen Hoffnungsträgers sind offenbar begrenzt: Mehrmals ist der VW-Aufsichtsrat Gerhard Schröder in den vergangenen Monaten nach London geflogen, um den Verkauf von Rolls-Royce an VW einzutüten.Vergebens.Trotz eines deutlich niedrigeren Preises hat BMW die Wolfsburger ausgestochen; für rund eine Milliarde Mark ergänzen die Münchener ihre Modellpalette um die Luxusmarke.Daß die Rolls-Royce-Mutter Vickers das schätzungsweise 1,5 Milliarden schwere VW-Angebot ausschlug, spricht für den Weitblick der Briten.Denn BMW rüstet die Luxuskarossen bereits mit Motoren aus, und das Gemeinschaftsunternehmen BMW Rolls-Royce baut im brandenburgischen Dahlewitz Flugzeugtriebwerke.Ein Verkauf an VW hätte nur Sand ins Getriebe der bisherigen Partnerschaften gebracht.Im übrigen: Passen die handgearbeiteten Limousinen aus dem englischen Crewe zum Volkswagen-Image, oder ist der teure Übernahmeversuch nur Ausdruck der sehr weitreichenden persönlichen Ambitionen des VW-Chefs Ferdinand Piëch? Für die deutschen Autohersteller insgesamt ist die Übernahme jedenfalls ein Ausweis ihrer Stärke.Kaum eine andere Branche füllt den Begriff "Globalisierung" so mit Leben wie die Autobauer aus Stuttgart, Wolfsburg und Müchnen, Köln und Rüsselsheim.Für mehr als 70 Milliarden DM werden pro Jahr Autos aus Deutschland exportiert; auf dem amerikanischen Kontinent haben Mercedes, BMW und VW neue Fabriken in Betrieb genommen; VW steht an der Spitze der Märkte in Westeuropa, Lateinamerika, China und Südafrika; BMW ist nach der Übernahme von Rover und nun Rolls-Royce sowohl mit dem Gefährt der Königin als auch mit dem Mittelklassewagen des gemeinen Mannes auf den Weltmärkten vertreten.Bei allen Herstellern tragen die Anstrengungen der vergangenen Jahre Früchte: Seit der Krise 1993/94 haben die deutschen Autobauer mehr als 60 Mrd.DM investiert und fahren heute Redordgewinne ein.Doch wie lange noch? Auf den größten Pkw-Märkten, in Westeuropa, den USA und Japan, ist die Nachfrage nahezu gesättigt.Explodierende Verkaufszahlen wie in den 70er und 80er Jahren sind Geschichte.Dennoch haben die Hersteller allein in Europa Überkapazitäten von rund 20 Prozent aufgebaut.Mit internen "Schlankheitskuren" und neuen Produktionskonzepten haben sich die heimischen Unternehmen zwar glänzend darauf eingestellt.So wurden beispielsweise im vergangenen Jahr 850 000 Autos mehr hergestellt als 1993 - und das mit 60 000 Beschäftigten weniger.Produktivitätsschübe und kürzere Entwicklungszeiten, Modellvielfalt und bessere Ausstattungen kennzeichnen die Dynamik der PS-Branche.Allein, das wird nicht reichen. Ende 1999 fallen die EU-Importbeschränkungen.Die freie Fahrt für Toyotas, Hondas und Nissans und die vermutlich bis dahin erholten Koreaner verschärfen dann den Verdrängungswettbewerb auf dem europäischen Markt.Mit der Internationalisierung von Absatz und Produktion verfolgen die deutschen Hersteller die richtige Gegenstrategie.Und dazu gehören auch weitere Kooperationen und Fusionen.VW beispielsweise wird die drei Milliarden Mark aus der jüngsten Kapitalerhöhung kaum in festverzinslichen Wertpapieren anlegen.Nach der Pleite bei Rolls-Royce können sich die Wolfsburger nun auf Volvo oder Scania für den Bereich Nutzfahrzeuge konzentrieren.Auch eine Kooperation mit Renault ist im Gespräch.In jedem Fall hat der Verkauf von Rolls-Royce eine neue Übernahmerunde eingeläutet.Bislang drehte sich das europäische Fusionskarussel vor allem im Banken- und Chemiesektor sowie im Medienbereich.Nun kommen die Autohersteller hinzu.

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