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Die fachliche Bandbreite wird immer größer Hunderte Berliner Firmen bilden dual aus In den Semesterferien geht es in den Betrieb Duale Studiengänge kombinieren die praktische Ausbildung mit einem Studium. Immer mehr Berufe lassen sich so lernen – die Nachfrage steigt.

Wissenschaft trifft Praxis. Im dualen Studium wechseln Phasen im Betrieb und Unterricht an der Hochschule ab – hier am Fachbereich Elektrotechnik und Feinwerktechnik an der Beuth-Hochschule in Berlin. Foto: K. Kleist-Heinrich
Wissenschaft trifft Praxis. Im dualen Studium wechseln Phasen im Betrieb und Unterricht an der Hochschule ab – hier am Fachbereich...

Studium oder Lehre? Vor dieser Entscheidung stehen viele Schulabgänger. Sollte man den akademischen theoretischen Weg einschlagen oder lieber einen Lehrmeister suchen? Inzwischen gibt es auf dem Ausbildungsmarkt einen Trend, der beide Welten verbindet: Das duale Studium ist eine Kombination aus Hochschulstudium und betrieblicher Praxis.

Der Vorteil: Die Studenten bekommen von einem Unternehmen ein monatliches Ausbildungsgehalt – auch wenn sie an der Uni sind. Außerdem haben sie beste Chance, nach bestandenen Prüfungen von ihrer Firma übernommen zu werden. Der Nachteil: Die Studienpläne sind straff organisiert – in den Semesterferien geht es in den Betrieb anstatt in den Urlaub; dafür, auch einmal über den Tellerrand zu schauen, bleibt wenig Zeit. Die meisten Studiengänge werden mit einem Bachelor abgeschlossen und dauern drei bis vier Jahre.

„In den vergangenen Jahren hat es einen richtige Run auf duale Studienplätze gegeben“, sagt Miriam Weich, Geschäftsführerin der Initiative Hochschule Dual. Die Anzahl der Studenten habe sich innerhalb von nur zwei Jahren fast verdoppelt.

Eine Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn zeigt, dass 2011 mehr als 40 000 Unternehmen so ein Kombistudium angeboten haben. Damit standen duale Studienplätze für insgesamt 61 000 Studierende zur Verfügung. Das BIBB registriert bundesweit 929 duale Studiengänge an Hochschulen und Berufsakademien – das sind 20 Prozent mehr als 2010. Laut BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser werden duale Studiengänge von den Firmen genutzt, um hoch qualifizierte Fachkräfte für den eigenen Bedarf auszubilden – Fachkräftemangel ist das Stichwort. „Die Zahlen zeigen, wie stark die Konkurrenz um die Top-Talente zugenommen hat. Unternehmen, die attraktive Ausbildungsangebote machen, haben dadurch einen Wettbewerbsvorteil“, sagt Esser.

Größter Anbieter in Berlin ist die Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR): Rund 2000 Studenten können zwischen 17 Fachrichtungen in den Bereichen Wirtschaft und Technik wählen. Es gibt sogar einen eigenen Fachbereich „Duales Studium“. Dessen Dekan, Professor Harald Gleißner, bestätigt die rege Nachfrage. Rund 480 Berliner Betriebe bilden Studenten im Verbund mit der HWR aus. Die Auswahl der Abschlüsse reicht von Steuer- und Prüfungswesen über Informatik bis Bauwirtschaftsingenieurwesen. Wer hier studiert, muss mit einem Partnerunternehmen einen Ausbildungsvertrag abschließen – dann fließt monatlich Geld.

Geißner fasst die Vorteile für die Firmen zusammen: „Sie können sich ihren Nachwuchs genau auswählen. Nach dem Studium ist der Kandidat bereits mit den Abläufen im Betrieb vertraut. Auch die Probezeit fällt weg.“ Seine Studenten beschreibt er als zielstrebig: „Sie wissen genau, was sie wollen und wie sie das erreichen können. Die meisten wenden sich direkt an die Unternehmen und schauen dann, was diese ihnen für duale Studiengänge anbieten.“ Die Übernahmequote wird mit 70 bis 100 Prozent beziffert. Meist landen die Absolventen im mittleren Management. Aber auch der Weg nach ganz oben steht offen.

Seit kurzem kann man an der HWR auch einen dualen Master in Prozess- und Projektmanagement und einen Bachelor für Logistik und Transport komplett in englischer Sprache absolvieren. Künftig will Geißner seinen Studenten noch mehr Auslandssemester anbieten. Zu den Partnerfirmen in Berlin gehören Banken und Versicherungen, genauso wie Pharmaunternehmen und Automobilzulieferer aber auch Steuer- und Anwaltskanzleien.

Im Fachbereich Informatik sind an der HWR derzeit 100 Studenten in drei Jahrgängen eingeschrieben. „Die Firmen mit denen wir kooperieren, sitzen überwiegend in Berlin und Brandenburg – eine gute Mischung aus mittleren und großen Unternehmen“, sagt Rainer Hoehne, der Leiter des Studiengangs.

Ein weiterer Trend: Die fachliche Bandbreite nimmt zu. Was früher ein klassischer Lehrberuf war, ist heute dual lernbar. „Früher waren duale Studiengänge auf Ingenieurwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften beschränkt. Heute kann man in vielen Bereichen der Technik und auch des Gesundheitswesens Angebote finden“, sagt Miriam Weich. Neu ist zum Beispiel in Bayern der duale Studiengang „Brau- und Getränketechnologie“ an der Hochschule Weihenstephan, bei dem man parallel zum Bachelor noch einen IHK-Abschluss zum Brauer und Mälzer absolviert; Start ist im kommenden Wintersemester. Und im Bereich Gesundheitswesen kann man zum Beispiel an der Evangelischen Hochschule Nürnberg ab dem nächstem Wintersemester Heilpädagogik studieren und parallel eine Ausbildung zum staatlich anerkannten Heilpädagogen machen.

Für die Studenten ist der finanzielle Aspekt des Kombimodells nicht zu unterschätzen. Schließlich ist man nicht auf staatlich Hilfen wie Bafög oder Unterstützung durch die Eltern angewiesen – und man braucht auch keinen Nebenjob. Zwar bezeichnen viele die Zeit als drei oder vier straff durchorganisierte Jahre, aber mit gutem Zeitmanagement ist auch das zu schaffen.

Schließlich ist auch das eine persönliche Weiterentwicklung, die im Job gefragt ist: Man muss lernen, Nein zu sagen, und die eigenen Kapazitäten realistisch einzuschätzen.

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