Zeitung Heute : Starke Posen, gekontert mit intelligenten Possen

MARKO MARTIN

Mit den Romanen von Detlev Meyer ist ein Dichter namens Dorn in die Gegenwartsliteratur hereinpromeniert, der sein Schwulsein nicht erklärtWas ist Camp? Ein lebensgefährliches Wagnis, bei dem man riskiert, des Nachts von tobsüchtigem Jungvolk totgeschlagen zu werden? Nein, das ist eher Camping - in Mecklenburg-Vopo oder an Brandenburgs Seen.Camp hingegen ist etwas genuin Großstädtisches, eine fragile Balance zwischen Tragik und heilsamem Gelächter, ein gewitzt melancholisches Puzzlespiel mit den Atomen unserer Existenz.Einer seiner Meister ist der Schriftsteller Detlev Meyer, ein lyrischer Camper von hohen Graden: "An der Bar ein Junge / der aussieht als hätte ihn / Botticelli erdacht nach / Zeichenstudien in SO 36 / Er hat Arbeiterhände / wie aus einem Defa-Film / und das Profil / der Präraffaeliten // Außen fast Florenz / aber innen nur Kreuzberg / denkt neidisch sein Nachbar / der außen sehr Hannover / aber innen - ganz Hellas ist." Ist das nun schwul? "Ach Gott, nein, es ist urban", entgegnet Detlev Meyer, und so, wie er das sagt, ist es zumindest beides.Sicher, Oscar Wilde ist für ihn "allemal interessanter als Ludwig Ganghofer", aber ein Schwulen-Autor fürs Milieu will Meyer deswegen nicht sein.Eher ist der freundlich-distanzierte Herr mit dem silbergrauen Haar ein Zeitgenosse, der starke Posen mit intelligenten Possen zu kontern weiß: "In Berlins Lederkneipen / habe ich Hausverbot / nur weil ich betrunken / gerufen habe: Ihr habt / nichts zu verlieren / als eure Ketten." Nicht alle Kritiker konnten mit dieser Form des Humors etwas anfangen, korrespondiert dieser doch sträflich wenig mit jenen metaphorisch aufgeladenen Dunkelheiten, wie man sie bei Pasolini oder Genet zu goutieren weiß.Bei Meyer liest sich das anders: "Romanistik-Studenten /Übersetzen am Westhafen / Genet und verdächtigen / barfüßige Binnenschiffer / erregender õVerbrechen." Überhaupt Verbrechen: "Ich mag natürlich auch Knaben", sagt Meyer, "aber ich träume nicht davon, sie zu meucheln und aufzuschlitzen, wie es etwa Josef Winkler in seiner Prosa tut." Wahrscheinlich hängt Meyers Gelassenheit mit seinem Geburtsort zusammen, erblickte er doch 1950 in Berlin das Licht der Welt."Die Stadt war für mich nie Ikone oder Moloch, sondern stets der völlig normale Lebensraum, in dem ich mich wohlfühle." Ein Glückskind: tolerante Eltern und ein Umfeld, in dem sich gut fröhlich sein ließ - West-Berlin in den frühen Siebzigern. Da nach deutscher Maßgabe Literatur nun aber vor allem zu Tinte gewordener Leidensdruck sein sollte, hätte Detlev Meyer eigentlich nie Schriftsteller werden können.Doch dann erscheint 1985 in der renommierten "Eremitenpresse" die Erzählung "Im Dampfbad greift nach mir ein Engel", nach deren Lektüre sogar der "Zeit"-Rezensent "beglückt, bestrickt, benommen" ist.Was war geschehen? Ein Mann namens Dorn war in die Gegenwartsliteratur hereinpromeniert, der sein Schwulsein nicht erklärte, sondern lebte. Die Leser riefen Bravo, der Fischer Verlag kaufte das Buch für sein Pogramm, während die Gralshüter der Kritik ins Grübeln kamen: Detlev Meyer - Bruder Leichtfuß oder "blendender Stilist und Wortspieler" (FAZ)? Immerhin erschienen seine geistreichen Bücher in einer Auflage von jeweils zehntausend Exemplaren. Aber auch da lauerte die Einengung."Ich bin nicht das schwule Freudenhaus der Literatur", sagt Meyer und verweist auf die weitere Entwicklung seines Protagonisten Detlev Dorn, der Ende der achtziger Jahre den Einbruch von Aids in sein Leben wahrnehmen muß."Ein letzter Dank den Leichtathleten" heißt die Erzählung, die zum Abgesang auf eine zu Ende gegangene Epoche wird.Aber selbst hier unterminiert der Wortwitz das Lamento."Wo lauert der Tod?" heißt es trotzig."Im Joy, wo vor Freude die schönen Götter funken, im Night Shift, wo die Nacht Arbeit bedeutet, im Secret, sprich es bitte nicht Sekret aus, im Take Five, und mich, dann sind wir Sieben; dort soll der Tod lauern? Nein, dort lauert er nicht ...Die Felder vor den Toren der Städte erntet er ab, in den Down-town-Bars hat er Hausverbot." Hat er das wirklich? Detlev Meyer beantwortet die Frage auf seine Weise."Natürlich ändert sich mit den Jahren auch die Art des Schreibens.Man glaubt nicht mehr beweisen zu müssen, wie geistreich man ist, reduziert die Champagner-Aufgeregtheiten, verwendet weniger schicke Ornamente."
Im dritten Band seiner "Biographie der Bestürzung" - erschienen im Hamburger Verlag MännerSchwarmSkript - haben dann die Abenteuer des Herrn Dorn ihren Abschluß gefunden; Meyer aber, weit entfernt, Autobiographisches strikt 1:1 in Prosa umzumünzen, schreibt weiter; Radiotexte, Gedichte, Rezensionen."Das ist der Vorteil", sagt er augenzwinkernd, "wenn man nicht nur von sich selbst erzählt; man ist dann viel freier auch gegenüber seinen eigenen Helden." Womit simple Authentizitätserwartungen ein weiteres Mal enttäuscht sein dürften.Wie hieß es doch gleich in seinen "New Yorker Notizen"? "Germans freut sich ein Typ / der mich am th erkennt / are supposed to be good sadists // Very antworte ich / und reise vorzeitig ab."MARKO MARTIN Detlev Meyer liest heute um 19.30 Uhr im Willy-Brandt-Haus/Putz & Detering Buchhandlung aus seiner "Biographie der Bestürzung".

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