Zeitung Heute : Starkes Finnisch

Harri Koskinen ist ein Großer unter den jüngeren Designern. Der Bauernsohn liebt die Jagd und den Wald, doch seine Entwürfe sind weich und elegant. Nun will er ein Haus gestalten, das nicht wie ein Haus aussieht.

Susanne Kippenberger

Durch Helsinki kann man fast schwimmen. Die Halbinsel mit ihren vielen kleinen Inseln drumherum ist von Wasser umzingelt, der heftige Wind fegt einem an diesem Morgen den kalten Regen ins Gesicht. Keine Chance für Schirme.

Von drinnen betrachtet hat das was Gemütliches. Die großen Fenster des alten Ladenlokals lassen den Blick frei auf einen baumumstandenen See mitten in der Hauptstadt. Auf dem Tisch stehen die obligatorischen Hefeschnecken mit Hagelzucker und Zimt, das Wasser, der Kaffee. Serviert von Harri Koskinen, auf Harri Koskinen, aus Harri Koskinen.

Abgesehen von den süßen Teilchen hat der Designer so ziemlich alles gestaltet, was hier in seinem Studio steht. Die Teller, die Tassen, die Gläser und Karaffen, die Lautsprecher, die Stühle, die Lampen, die Stoffe, die Kleiderbügel, die Regale, das graue Sofa. Nur die Rentier-Felle darauf nicht. Die, erzählt Harri Koskinen und lacht, habe er sich neulich auf der Grünen Woche in Berlin gekauft. Eine spontane Form der Selbstironie.

Auf die Messe war der Finne als Botschafter von „Eat & Joy“ gereist, einer jungen Orgianisation, die Kreativität und guten Geschmack propagiert: Finnisches Essen in Verbindung mit Mode, Musik und Design. In der gleichen Funktion ist Koskinen diese Woche wieder an der Spree zu Gast, zum Auftakt des Kulturfestivals „Helsinki in Berlin“, einem Monat voller Konzerte, Filme, Partys, Diskussionen, Ausstellungen mit Kunst und Design.

Harri Koskinen isst gerne, gekocht hat er schon lange nicht mehr. Seit einem Jahr lebt er in seiner neuen Wohnung nicht weit vom Atelier; die Küche hatte er gleich rausgerissen, „die war schrecklich“, und sich mit einem Campingkocher begnügt. Erst jetzt baut der Schreiner die neue ein, genau nach seinen Plänen: „Die wird schlicht sein und massiv und praktisch und großartig.“ Aus Eiche die Schränke, aus Italien der Herd.

Koskinen war zu viel in der Welt unterwegs, um sich um die Küche zu kümmern, Paris, London, Tokio… Der 37-Jährige ist einer der gefragtesten Designer seiner Generation, hat für Issey Miyake Uhren und Flakons entworfen, für Cassina Sessel und Bänke. „Block“, eine Lampe wie ein Eisblock, steht in der Sammlung des Museum of Modern Art in New York, gerade war „Wallpaper“ im Atelier, die Zeitschrift, die den Ton in Sachen Stil angibt.

Dabei könnte Koskinen durchaus noch als Student durchgehen, hat etwas Jungenhaftes, ja, mit seinem verschmitzten schweigsamen Lächeln etwas fast Lausbübisches. Understatement gehört schon lange zur Tradition des finnischen Designs – eine Tradition, in der Koskinen sich fest verankert sieht, ja, der er dankbar ist. „Wir müssen nicht erklären, was wir tun.“ Design ist in Helsinki nicht das Sahnehäubchen, sondern Teil des Alltagslebens. Was auch eine Sache des Wetters ist. In einem Land, in dem es monatelang Winter ist, dunkel und kalt, spielt sich ein Großteil des Lebens drinnen ab, da hat man es gern schön. Auf die Frage, ob das Zuhause den Finnen wichtig ist, kann Koskinen nur lachen. Das ist so, als würde man einen Kalifornier fragen, welche Rolle die Sonne in seiner Heimat spielt. Kein Wunder auch, dass Koskinen eine ganze Reihe von Leuchten entworfen hat. Er hat es gern behaglich – aber modern und mit Witz: „cosy in grey and white“, „Gemütlich in grau und weiß“ hat er eine seiner Lampen genannt.

Sie ist, wie vieles bei Koskinen, aus Glas, ein Material, das den Designer fasziniert: „schwer und doch transparent“. 1998, nach dem Studium an der Akademie in Helsinki, bekam Koskinen eine Festanstellung als Hausdesigner in der Glasfabrik von Iittala. Ein 24-Stunden Job: Er arbeitete nämlich nicht nur für Iittala, er lebte auch in dem gleichnamigen Dorf, war im ersten Jahr sogar der einzige Designer vor Ort. Er hat es genossen: „für die Arbeit bezahlt zu werden und wahnsinnige Möglichkeiten zu haben, Dinge auszuprobieren, mit den Glasbläsern so eng zusammen zu arbeiten.“

Einsam wurde es ihm nicht. „Ich bin daran gewöhnt, isoliert zu leben.“ Koskinen ist auf dem Land aufgewachsen, bis zum nächsten Ort waren es 16 Kilometer. Allerdings: Seine Wohnung in Helsinki hat er lieber nicht aufgegeben, ist am Wochenende immer in die Stadt gefahren. Heute macht er es umgekehrt – der kleine See vor dem Atelier ist ihm doch zu klein. Am Wochenende geht er mit Freunden auf die Jagd, weniger um des Jagens willen, als um mit anderen zusammen draußen zu sein, im Wald. Auch das hat für ihn etwas mit der finnischen Tradition und Kultur zu tun. Wobei es ihm nichts ausmacht, dem Moorhuhn die Federn auszurupfen – der Sohn eines Bauern und einer Krankenschwester ist nicht mit vakuumverpackten Hühnerbrustfilets groß geworden. „Fast alles, was wir gegessen haben, haben wir oder die Nachbarn selbst produziert, wir mussten nur Salz und Zucker kaufen.“

Der Jetsetter ist ein Naturmensch durch und durch. Computer wachsen nicht auf Bäumen, hatte eine Designerin entnervt auf die Frage geantwortet, ob sie ihre Inspiration auch, wie alle finnischen Kreativen, aus der Natur beziehe. Bei Koskinen sieht das anders aus. Bei ihm haben selbst die Lautsprecher etwas Organisches. Nur rustikal sind seine Möbel und Objekte nie: In ihrer schlichten, aber immer weichen Eleganz wirken sie wie die gelungene Symbiose von Stadt und Land.

Beim Essen ist es ganz ähnlich. Koskinen mag die finnische Küche, sie hat für ihn viel gemeinsam mit dem Design, „ist sehr direkt und einfach, zehrt von der Natur, die wir haben: Beeren, Wild.“ Sein neues Lieblingsrestaurant in Helsinki, Ateljé Finne, ist ein Lokal, das moderne Küche mit einheimischen Zutaten serviert. „Seit der Eröffnung im letzten Sommer war ich bestimmt schon 50 Mal da.“ Dort wird das Essen auch auf seinem Geschirr „OMA“ serviert; bevor dieses in die Produktion ging, hat der Designer mit dem Koch gesprochen. Was diesem so daran gefällt: dass selbst die flachen Teller einen leicht gewölbten Rand haben, so dass das Gericht ins Zentrum rückt.

„OMA“ wird von Arabia hergestellt, mit Iittala und Marimekko eine der drei großen Design-Firmen im Land, für die Koskinen arbeitet; für Artek, jene Firma, die Alvar Aalto in den 30er Jahren gegründet hat und die bis heute Möbel und Objekte des großen Architekten produziert, hat er Stühle entworfen.Es sind Hersteller, die Wert auf Nachhaltigkeit legen. „Design against Throwawayism“ steht auf den Schaufenstern von Iittala. Die Gläser des Herstellers werden ebenso wie das Geschirr von Arabia nicht in Billiglohnländern, sondern im eigenen Land produziert. Teurer sind sie dadurch schon, dafür halten sie länger. Auch ästhetisch.

Koskinens Entwürfe kommen ohne modische Schnörkel aus, seine Objekte sind keine Dekorationsstücke, sondern ausgesprochen funktional, oft multifunktional. Er führt das an seinem Geschirr „OMA“ vor: Der Keramikdeckel der Glaskaraffe lässt sich als Zuckertöpfchen verwenden, oder man stellt ihn als Butterfässchen in einen hohen, mit Eis gefüllten Becher. Zwei Schälchen, kopfüber aufeinander gestellt, werden zum Teebeutelbehälter.

Nicht verschönern – verbessern will der Designer die Welt. „Schön“, bei dem Wort zuckt Koskinen zusammen.Was ihm wichtig ist: „Dinge zu entwerfen, die Sinn ergeben.“ Bloß nichts Überflüssiges. Und: „Es gibt keinen Grund, etwas kompliziert zu machen.“ Etwas Neues zu entwerfen, heißt für ihn erst mal , einen neuen Zugang zu finden, neue Kombinationsmöglichkeiten, neue Details. Er sucht so lange, bis er gefunden hat. „Ich habe gemacht, was meiner Meinung nach gemacht werden musste“, sagt er über seine neuen Stoffe für Marimekko mit abstrakten Mustern, die doch, wie er findet, einen starken Bezug zum Leben haben. „Mir gefällt die Vorstellung, dass jeder sich selbst was dabei denken kann. Dass es nicht nur eine Wahrheit gibt.“

Bei seiner neuen Lampe ist er noch nicht so weit. Auf dem Tisch steht das Modell, eine Leuchte aus gefaltetem Stahlblech, die man ebenso aufs Fensterbrett stellen wie an die Wand hängen kann. Es ist ein Prototyp, Koskinen experimentiert noch, nicht zuletzt mit den Birnen. Die Lampe will er zum ersten Mal auch selber produzieren, um alle Details selbst bestimmen zu können. Manchmal ist sie doch schwierig, die Abstimmung mit großen Firmen. „Die Hälfte des Arbeitstages vergeht heute mit Kommunikation.“

Für sein anderes neues Projekt ist kein Platz auf dem Tisch: ein ganzes Haus, mit 300 Quadratmetern, im nächsten Jahr soll es fertig sein. Es steht, wo sonst, auf dem Land und ist, wie es sich für ein finnisches Sommerhaus gehört, aus Holz. „Aber es sieht überhaupt nicht aus wie ein Haus.“

www.harrikoskinen.com. Im Rahmen des Berliner Festivals (www.helsinkissberlin.de.) werden am Freitag zwei Ausstellungen über finnisches Design eröfnet: im Internationalen Design Zentrum, Reinhardtstr. 52 (bis 4.5.) und im Showroom Create Berlin, Wallstraße 15 (bis 2.5.).

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