Zeitung Heute : Stars wie wir

ISABEL HERZFELD

Westlich: Amerikanische Klaviermusik in der StaatsoperISABEL HERZFELDKeine zarten Zauberflötentöne und keine Wagner-Weihe: Es schepperte tüchtig von harten Beckenschlägen, rasenden Xylophontonleitern, Paukengedröhn.Was kann anderes als fröhlicher, chaotischer Lärm entstehen, wenn acht Pianisten und sechs Schlagzeuger zugange sind?! Da erbebte der Apollo-Saal, und die Muse wurde schamrot - angestrahlt von den vielen Scheinwerfern, welche, die Farben der amerikanischen Flagge und des Coca-Cola Enblems aufnehmend, für schummerige Saloon-Stimmung sorgten. George Antheil, dessen "Ballet mécanique" in der (gezähmten) Fassung von 1952 so furios unter der Leitung von Christoph Ulrich Meier auf die Bühne kam, war nicht der einzige Rebell der frühen amerikanischen Moderne.Der "bad boy of music" trieb allerdings seine Vorliebe für die von den Futuristen propagierte "Maschinenmusik" auf die Spitze.Aus den wilden, in ihrer Fülle das Geräusch streifenden Klängen hören wir heute die Verwandtschaft mit Strawinsky oder Bartók heraus, ohne daß sie die provokative Frische von 1925 ganz verloren hätten. Daß auch die Ragtimes des Scott Joplin die Moralisten der Jahrhundertwende in Unruhe versetzten, ist heute kaum mehr vorstellbar.Unter den Händen der Staatsopern-Pianisten klang vieles eher nach vereinfachtem Schubert oder Brahms.Drei Marimba-Virtuosen dagegen verwandelten den "Maple Leaf Rag" ganz in rhythmische Brisanz.Wie Amerikas musikalisches Erwachen von der Spannung zwischen europäischen Traditionen und der eigenen Volks- und Unterhaltungsmusik geprägt war, ließ sich mit Klavierwerken von Aaron Copland, Samuel Barber und dem erstaunlich sperrig-dissonanten John Corigliano erleben: einfache Motive gehen in vielschichtigen Überlagerungen die erstaunlichsten rhythmischen und harmonischen Mischungen ein, lassen Minimalismus oder die Zufallskunst eines John Cage durchaus als ihre logische Konsequenz erscheinen. Das kümmert sich nicht wie im ernsthaften Europa um "E" oder "U" - "Who cares?" könnte man mit George Gershwin fragen, dessen Songs in den wunderbarsten Klavierarrangements das Panorama abrunden.Und was wäre ein amerikanischer Abend ohne "Stars and Stripes forever" von John Philip Sousa, dessen Marchrhythmen die Pianisten und Staatskapellenschlagzeuger respektlos zerhacken und in Walzertakt wie für den Auftritt der Zirkuspferde überführen, sehr zur Freude des fähnleinschwenkenden Publikums.

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