Zeitung Heute : Start wie geplant am 1. März

Reinhart Bünger

Die von dem Privatsender RTL 2 geplante TV-Show "Big Brother" bleibt in der Kritik - und steht einen Monat vor ihrer Ausstrahlung - und wenige Monate nach der Premiere in Holland - vor einem großen finanziellen Erfolg. Am Donnerstag gab es in Gesprächen zwischen der RTL 2-Geschäftsführung und ihren Kritikern keine Annäherung. Zugleich wurde bekannt, dass das US-amerikanische Fernseh-Network CBS die Lizenzrechte der holländischen Produktionsfirma Endemol erworben hat. Rund 20 Millionen Dollar (umgerechnet rund 40 Millionen Mark) hat sich CBS die Lizenz nach US-Medienberichten kosten lassen. Zudem soll "Big Brother" noch in diesem Jahr auch in Großbritannien gezeigt werden. Endemol verkaufte seine Fernsehrechte an Channel Four: Damit werden die 24-Stunden-Beobachtungen auch in der Heimat des literarischen "Big Brother"-Erfinders George Orwell ("1984") zu sehen sein.

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) bekräftigte am Donnerstag bei einem Gespräch mit dem Geschäftsführer des Senders - Josef Andorfer - seine Kritik an der geplanten Show. Damit werde gegen den im Rundfunkstaatsvertrag gebotenen Schutz der Menschenwürde verstoßen, sagte Beck, der auch Chef der Länder-Rundfunkkommission ist. Direktor Wolfgang Thaenert, Direktor der der für die Aufsicht von RTL II zuständigen Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk (LPR) in Kassel, betonte nach LPR-Angaben vom Donnerstag gegenüber Andorfer, dass er die Show weiterhin für rechtlich bedenklich halte. "Wir haben gesagt, nach dem was wir von dem Sendeformat kennen, muss er mit einem aufsichtlichen Einschreiten rechnen", erklärte Thaenert. Gegen die umstrittene Show hatte auch Bayern protestiert. Staatskanzlei-Chef Erwin Huber (CSU) hatte den Geschäftsführer des Münchner Senders aufgefordert, das Projekt zu überdenken. Es sei zu befürchten, dass diese Show zu einer neuen Dimension an Sensationslust, Schadenfreude und Voyeurismus führe.

Bei der ab 1. März geplanten Sendungleben zehn Kandidaten für 100 Tage abgeschirmt von der Außenwelt und werden dabei ständig gefilmt. Die Sendung lief bereits in Holland; das Konzept soll weitgehend unverändert übernommen werden: Wer es am längsten in dem Wohncontainer aushält, erhält eine Belohnung von 250 000 Mark. Wie in Holland ist auch hierzulande eine Internet-Version geplant. Andorfer verwies nach Angaben der Staatskanzlei jedoch auf einige Modifikationen in der deutschen Version. Jeder der Kandidaten könne sich jederzeit in einem nicht mit Kameras versehenen Raum zurückziehen. Die Räumlichkeiten seien auch nicht von außen abgeschlossen. Zudem hatte Andorfer zugesagt, dass es in der deutschen Version der Show keine Aufnahmen von der Toiletten geben werde. Im Vorfeld der Gespräche hatte Beck insbesondere das mit der Sendung verbundene Eindringen in die Privat- und Intimsphäre als bedenklich bezeichnet. Daran ändere auch das Einverständnis der Teilnehmer nichts.

Insgesamt haben sich nach Angaben des Senders bundesweit 20 000 Interessenten gemeldet. Davon seien zur Zeit nach der Vorauswahl und Psychotests noch 32 Kandidaten übrig. "Es gibt keinen objektiven Grund, die Sendung in der geplanten Form zu verbieten", betonte Andorfer nach den Gesprächen mit Kurt Beck. "Das Grundgesetz und der Rundfunkstaatsvertrag garantieren die Meinungsfreiheit. Diese Freiheit glt auch für die Gestaltung von Unterhaltungssendungen. Eine Zensur, und ein Verbot wäre eine Zensur, darf es daher nicht geben." Im Ausland laufe die Diskussion wesentlich sachlicher. Nach dem Bekanntwerden des "Deals" mit CBS zog der Kurs der Endemol-Aktien deutlich an. In Amsterdam kostete das Papier gestern gegen 15 Uhr 30 Uhr 80 Euro, 8,35 Euro über dem Vortagesschlusskurs.

Medienexperten sehen in dem Projekt eine konsequente Weiterentwicklung einer Tendenz in den Medien, die mit Kuppel-Shows für Singles begann und ihre Fortsetzung in täglichen Talkshows fand.

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