Zeitung Heute : Start zum 600-Tage-Rennen

Mit dem Triumph der CDU beginnt ein langer Machtkampf: Koch oder Merkel heißt die Frage – beantwortet wird sie erst 2004

Robert Birnbaum[Antje Sirleschtov],Wiesbaden[Antje Sirleschtov],A

Von Robert Birnbaum, Wiesbaden, Antje Sirleschtov

und Andrea Dernbach, Berlin

Für einen, der gerade eine absolute Mehrheit in Aussicht hat, ist Roland Koch die Zurückhaltung in Person. Um ihn herum im knackevollen CDU-Fraktionssaal im Wiesbadener Landtag tobt die Begeisterung. Der haushohe Sieger aber hat die Hände ineinander gefaltet, blickt konzentriert in das Fähnchenmeer über den Köpfen der Parteifreunde: „Das darf kein Abend für Übermut werden.“ Es gibt eine Bescheidenheit, die muss man sich erst mal leisten können.

Koch hat gewonnen, haushoch. Die Landes-SPD, verschwunden, unter 30 Prozent. Ihr Spitzenmann Gerhard Bökel gibt an diesem Abend, ehe er seinen Rücktritt verkündet, mit blassem Gesicht Interviews in stillen Ecken. Alle gucken auf Koch. Und einer stellt, endlich, die Frage, auf die alle warten. Er habe vor der Wahl gesagt, dass er für die nächsten fünf Jahre Ministerpräsident in Hessen bleiben wolle – ob es dabei bleibe? „Ich habe meinen Auftraggeber, den Wähler, gefragt, ob er meinen Vertrag um fünf Jahre verlängert“, sagt Koch. „Der Wähler hat ihn verlängert.“

Eine Antwort ist das nicht, und eben deshalb ist es eine. An diesem Abend hat ein Rennen angefangen. Ein Sechs-Tage-Rennen ist ein Klacks dagegen. Das hat Regeln und klare Abläufe, und nach einer Woche ist die Schinderei vorbei. Dieses Rennen aber wird mindestens 600 Tage dauern und sich vom Sechs-Tage-Rennen in allen wichtigen Punkten unterscheiden. Bloß in einem nicht. Nur einer kann der Erste sein.

Dass es ein Zweikampf wird, steht auch schon fest. Angela Merkel, die Partei- und Fraktionschefin, will natürlich Kanzlerkandidatin 2006 werden. Roland Koch will auf keinen Fall eine Antwort geben, die ihm das gleiche Ziel versperrt. Dass es am Sonntagabend noch einen dritten großen Sieger gibt, ändert daran nichts. Dass der freundliche Niedersachse Christian Wulff nicht nur siegen, sondern es im Lauf des Abends fast bis zur absoluten Mehrheit bringen würde, war im heimlichen Rennplan der Union lange nicht vorgesehen. Doch Wulff, will man ihm glauben, genügt die neue Rolle des Ministerpräsidenten vorerst vollkommen. „Ich hab’ gar keine Zeit, über so was nachzudenken“, sagt er auf die Frage nach bundespolitischen Ambitionen.

So oder so trübt Wulffs Sieg ein bisschen den Glanz von Kochs Sieg. Er passt nicht recht in die in den Südstaaten der Union verbreitete Theorie, nur ein kerniger Konservativer könne Mehrheiten sammeln. Es kann von Fall zu Fall eben auch ein netter Liberaler aus dem Norden. Wo andere bei gleichen Umfrageergebnissen mit kämpferischen Parolen den Saal zum Toben gebracht hätten, ermahnte Wulff noch am Donnerstag 4000 Unionisten im Hannoverschen Congress Centrum ohne jedes Pathos zu beharrlicher Sacharbeit. Und hat mit dieser Nüchternheit gegen den stärksten Gegner gewonnen, den die SPD bundesweit aufzubieten hatte.

Koch dagegen hat die Wahl nicht gegen Gerhard Bökel gewonnen, sondern gegen sich selbst. Er hat den vielen potenziellen SPD-Wählern keinen Anlass geboten, ihn schrecklich zu finden. Das gehört festgehalten, weil das eine der Fragen sein wird, an denen sich das 600-Tage-Rennen entscheidet. Koch hat starke Bataillone in der Partei. Was ihm zum klaren Favoriten fehlt, ist der Sympathiefaktor im Volk. Merkel zieht Leute an, die sonst nie und nimmer einen Gedanken daran verschwenden würden, CDU zu wählen. Dafür gilt sie vielen Parteifreunden nach wie vor als fremdes Wesen.

Das ist die Ausgangslage. Wie das Rennen ablaufen wird, dafür haben wahrscheinlich nicht mal die beiden Kontrahenten bisher einen klaren Plan. Vorerst, glauben fast alle in der Unionsspitze, werden sie sich nur freundlich belauern. Koch wird gelegentlich in zweideutigen Sätzen seine Ambition durchblicken lassen („Ich habe den Hessen nie angedroht, dass ich bis an mein Lebensende ihr Ministerpräsident bleibe.“), Merkel wird sich gelegentlich ebenso revanchieren: „Roland Koch ist Ministerpräsident in Hessen, und das wird er bleiben“, hat sie vor zwei Wochen dem Chef der französischen Konservativen, Alain Juppé, erläutert.

Und sonst? Koch wird sich als heimlicher Oppositionsführer im Bundesrat zu etablieren versuchen, als der Mann, der Vernunft für Deutschland mit Härte gegen rot-grüne Irrwege zu kombinieren versteht. Merkel wird die Aufgabe zukommen, die Partei zusammenzuhalten, ihr in der Fraktion voranzugehen. Sie wird, auch so eine knifflige Aufgabe, für die Bundespräsidenten-Wahl 2004 einen passablen Kandidaten finden müssen, denn seit Sonntag haben Union und FDP in der Bundesversammlung die Mehrheit.

An diesem Wahlabend behauptet Merkel ihre Chefinnen-Rolle, indem sie die Plätze besetzt, die einer Chefin zustehen: Während ihr Generalsekretär im Adenauer-Haus kurz nach den ersten Hochrechnungen den „Supertag“ feiert, gibt die Chefin bei Auftritten in ZDF und ARD kühl die Richtung für die künftige Zusammenarbeit mit der Regierung Schröder vor: „Dass Blockade nicht unser Konzept ist, haben wir schon gezeigt. Wir wissen um unsere Verantwortung.“ Eine halbe Stunde später ist sie schon in der überfüllten Parteizentrale, wo sie die Junge Union mit Sprechchören empfängt wie einst: „Angie, Angie!“ Dass es eigentlich sie zu feiern gilt, hat Meyer schon klargestellt, als er sie begrüßt, „unsere Vorsitzende“, die in diesem Wahlkampf von allen Führungsleuten der Union „den größten Zulauf“ gehabt habe. Und Merkel lacht, so unaufgesetzt und gelöst, als sei das wirklich ihr Sieg.

Doch seit Sonntag ist klar, dass niemand mehr Koch vom Rennen ausschließen kann. Er hat die Qualifikation hinter sich. Angela Merkel hat sie noch vor sich. Ende 2004 muss sie als Parteichefin wiedergewählt werden. In Hannover im Herbst hat sie ein formal ganz gutes Wahlergebnis bekommen. Aber gut 160 Delegierte waren einfach nicht im Saal. Das war eine Warnung. Das kann sich wiederholen. In gut 600 Tagen also wird man wissen, ob es überhaupt noch einen Endspurt gibt.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben