Stasispitzel : In Teilen bekannt

Durch einen Zufallsfund wurde aufgedeckt, dass der Todesschütze des Studenten Ohnesorg, der Westberliner Polizist Kurras, Stasispitzel war. Was weiß man bisher über die West-IM, und mit welchen Enthüllungen ist noch zu rechnen?

Matthias Schlegel
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Foto: dpa, Montage: Lobers

In den Millionen von Stasiakten können durchaus noch spektakuläre Fälle aus der Altbundesrepublik verborgen sein. Immerhin füllt die Hinterlassenschaft des DDR-Geheimdienstes Regale auf einer Länge von 180 Kilometern. Dafür scheint auch zu sprechen, dass die hochbrisanten Enthüllungen zu Karl-Heinz Kurras nur ein Zufallsfund waren.

Als im Jahr 2000 die sogenannten Rosenholz-Dateien nach beträchtlichen diplomatischen Bemühungen von den USA an Deutschland übergeben worden waren, lag eine ziemlich unübersichtliche, umfangreiche Dokumentation der Auslandsspionage der Stasi vor. Doch als die auf 381 CD-ROM erfassten Daten nach langen innenpolitischen Debatten schließlich im März 2003 der Stasiunterlagenbehörde zur Verfügung gestellt wurden, machte sich Ernüchterung breit.

Bei näherem Hinsehen verzeichnete das Konvolut aus Personenkarteien, Formblättern und Statistikbögen eben nicht die erhoffte glasklare Übersicht über das im Westen tätige Agentennetz. Vielmehr offenbarte sich, dass dort alle Personen geführt wurden, die irgendwie für die Stasi von Interesse waren: als politisch relevante Zielpersonen, als mögliche Quellen, als potenzielle Mitarbeiter. Das alles garniert mit Mehrfachnennungen, Ungenauigkeiten und falschen Schreibweisen. Erst indem aufwendige Querverweise verfolgt wurden, ließ sich hinreichend verlässlich ermitteln, ob eine der dort verzeichneten knapp 280 000 Personen nur „Betroffener“ oder doch „Täter“ war.

Die von der Birthler-Behörde eingesetzte fünfköpfige Projektgruppe, die „Rosenholz“ auswerten sollte, brauchte dafür wegen der schwierigen Quellenlage länger als ursprünglich geplant. Das brachte die gesamte Behörde zwischenzeitlich in den Verdacht, aus politischen Gründen das Thema Westarbeit der Stasi bewusst zu vernachlässigen.

Als im Sommer 2006 ein Zwischenergebnis der Projektgruppe in die Medien gelangte, war die Aufregung groß. Exemplarisch hatte die Projektgruppe die Erkenntnisse der Stasi über die Abgeordneten der 6. Legislaturperiode des Bundestages beleuchtet. Weil 43 Parlamentarier auf Vorgangskarteien den Vermerk „IMA“ erhalten hatten, wurde in den Medien daraus schnell geschlussfolgert, die Stasi habe in Fraktionsstärke im Bundestag gesessen. Das war, wegen der breit gefächerten Erfassungsmethodik der Stasi, Unsinn. Am Ende reduzierte sich ein – nicht in jedem Fall beweisbarer – IM-Verdacht auf fünf Abgeordnete.

Ohnehin hatten Bundesnachrichtendienst und Ermittlungsbehörden schon Anfang der 90er Jahre vom US-Geheimdienst CIA Einblick in die Rosenholz- Unterlagen erhalten. Auf der Grundlage dieser und anderer damals zugänglicher Quellen war bis Ende der 90er Jahre gegen weit mehr als 7000 Personen aus beiden Teilen Deutschlands wegen geheimdienstlicher Spionage gegen die Bundesrepublik ermittelt worden. Darunter waren auch rund 3000 Bürger Westdeutschlands und Westberlins. Etwa 560 dieser West-IM wurden verurteilt, nur 64 mussten eine Haftstrafe antreten. Weil das Bundesverfassungsgericht entschieden hatte, dass DDR-Bürger, die in der Bundesrepublik spioniert hatten, besonders milde zu beurteilen seien, endeten die 4000 Ermittlungsverfahren gegen Ostdeutsche nur in 23 Fällen mit einer Verurteilung.

Setzt man diese von Georg Herbstritt in seinem Buch „Bundesbürger im Dienst der DDR-Spionage“ verwendeten Zahlen ins Verhältnis zu der geschätzten Zahl der West-IM, dann scheint nur eine relativ schmale Grauzone übrig zu bleiben. So spricht er davon, dass die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), die Abwehrdiensteinheiten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) sowie die „Verwaltung Aufklärung“ des DDR-Militärs Ende der 80er Jahre mindestens 3000 West-IM in der Bundesrepublik führte. Diese Zahl markiere eine Untergrenze, die Obergrenze sei bei etwa 4000 anzusetzen. Herbstritt wie auch der Leiter der Projektgruppe „Rosenholz“, Helmut Müller-Enbergs, verwiesen zwischenzeitlich im Raume stehende West-IM-Zahlen von bis zu 50 000 ins Reich der Fantasie. Müller-Enbergs schätzt, dass die Gesamtzahl der über die Jahre allein für die HVA tätigen IM etwa 6000 beträgt.

Nun kann aber theoretisch jeder einzelne der noch nicht erkannten West-IM ein besonders brisanter Fall sein. So räumt auch Müller-Enbergs in seinem Abschlussbericht zu „Rosenholz – eine Quellenkritik“ ein, dass eine wissenschaftlich fundierte Gesamtdarstellung zur West- Arbeit der Stasi noch nicht vorliege. Zwar wisse man mittlerweile viel über die Struktur und den sozialwissenschaftlichen Hintergrund der West-IM-Szene. „Es fehlen dennoch zeitgeschichtliche Untersuchungen, die insbesondere die Einflussversuche des MfS auf die einzelnen Parteien analysieren“, sagt Müller-Enbergs. Auch sei die bisherige Forschung zur Spionage in der Wirtschaft, mit der zwei von fünf Agenten beschäftigt gewesen seien, unbefriedigend.

Aufsehen erregende Schübe bei der systematischen Aufarbeitung der Aktivitäten der Stasi im Westen – wie es sie beispielsweise nach der Flucht des HVA-Oberleutnants Werner Stiller im Jahr 1979 in die Bundesrepublik oder nach der Öffnung der Stasiakten Anfang der 90er Jahre gab – sind wohl in Zukunft nicht mehr zu erwarten. Spektakuläre Enthüllungen im Einzelfall wohl schon. Denn obwohl ein Großteil der gesamten Stasiakten im Sinne der archivalischen Systematik bereits erschlossen ist, ist nur ein Bruchteil davon auch inhaltlich tiefgründig aufgearbeitet.

Im Übrigen warten noch knapp 16 000 Säcke mit zerrissenen Stasiunterlagen darauf, rekonstruiert zu werden. Aus den wenigen, bislang mühsam von Hand zusammengesetzten Akten ist bereits deutlich geworden, dass darunter brisantes Material ist. Handelte es sich doch zum einen um Vorgänge, die wegen ihrer besonderen Wichtigkeit sozusagen „in Reichweite“ ihrer Bearbeiter lagen. Zum anderen waren es ganz aktuelle Fälle, die möglicherweise weitere interessante Aufschlüsse über die Abläufe in den letzten Wochen und Monaten des Jahres 1989 zu geben vermögen.

Doch wichtiger als die Hoffnung auf weitere spektakuläre Enthüllungen wäre sicherlich, dass sich im Osten wie im Westen die Erkenntnis durchsetzt: Die Akten des DDR-Geheimdienstes bieten eine einmalige Chance, die engen Verquickungen beider Teile Deutschlands, die aus Anziehung und Abstoßung gleichermaßen bestanden, für die gemeinsame Geschichte nutzbar zu machen. Im Fall Kurras geschieht das bereits.

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