Zeitung Heute : Staubfahnen als wilkommenes Signal

ULF BOEHRINGER

Mit dem Motorad auf schier endlosen Schotterstraßen durch die Einöde Namibias VON ULF BOEHRINGER

Tieforangefarben versinkt die Sonne hinter einer vielfach gestaffelten Gebirgskette.Minuten später beginnt das Schauspiel des "zweiten Lichts": Der Himmel und die karge Umgebung verfärben sich immer mehr zu einem unwirklichen Rötlichgelb, später zu Violett.Die Naturstraße über den Gamsbergpaß verliert sich kurvenreich zwischen den Hügeln im Vordergrund. Auf ihr entfernen sich unsere Gedanken vom Hier und Jetzt: Wir sind fasziniert von einer grandiosen Natur inmitten eines riesenhaften Landes, die uns zu winzigen Statisten degradiert.Wir sind dabei, das südwestafrikanische Land mit Motorrädern zu er-fahren.Endlose Strapazen, leichtfertiges Aufs-Spiel-Setzen von Leben und Gesundheit oder ein Vergnügen angesichts von Schotterstraßen mit unglaublicher Staubentwicklung, großen Entfernungen und Temperaturen bis zu 40 Grad? All diese Faktoren lassen vermuten, daß ein solches Unterfangen nur für besonders Hartgesottene noch Reste von Vergnüglichkeit beinhalten könnte. Die Wahrheit - nach vierzehn Reisetagen immer deutlicher am eigenen Leibe verspürt - ist banal: Je staubiger die Straße, desto herrlicher der Swimmingpool.Die Straßenverhältnisse sind zwar nicht gerade einfach, aber doch selbst für Wüsten-Neulinge wie den 64jährigen Albert oder die 25jährige Brita zu bewältigen: Die stets zweispurigen "gravel pads" besitzen einen festen Untergrund mit kiesig-sandiger Auflage; wo die Reifen der Autos dieses Sand-Steingemisch fortgeschleudert haben, ist die Straße griffig, dazwischen und am Straßenrand häuft sich das weiche Material an.Das Problem der Staubfahnen lösen wir auf elegante Weise: Weil die Verkehrsdichte auf den von Tourguide Axel ausgewählten Straßen äußerst gering ist, fahren wir zumeist im Abstand von ein bis zwei Kilometern zu zweit nebeneinander.Die aufgrund der hügeligen Landschaft weithin sichtbare Staubfahne entgegenkommender Fahrzeuge macht dies so gut wie risikolos möglich.Es fällt deshalb leicht - im Tempo zwischen 80 und 100 pendelnd - nach einiger Eingewöhnungszeit ohne jegliche Verkrampfung am Lenker, sodaß die Blicke während des Fahrens immer wieder in die Landschaft schweifen können.Und glaubt bisweilen, eine Fata Morgana zu erkennen.Wie etwa Schloß Duwisib.Die wie eine Festung anmutende Wohnanlage, 1909 von dem Kolonialoffizier Hansheinrich von Wolf erbaut, überrascht den Reisenden inmitten des weiten, fast völlig baumlosen Nichts.Eine angenehme Überraschung, erscheint doch der mit Blumen und einem plätschernden Springbrunnen angelegte Innenhof nach einem Wüstenritt so wunderbar kühl.Was für Autotouristen nichts Besonderes darstellen mag, präsentiert sich Bikern als Rastplatz der Sonderklasse. Das gleiche Prädikat gebührt auch der Abfahrt vom Spreetshoogte-Paß in die tiefergelegene Wüstenregion: Während die Temperaturen auf der Hochfläche mit knapp 30 Grad noch sehr angenehm waren, steigen sie binnen weniger Minuten um etwa 10 bis 15 Grad.Im klimatisierten Auto wird das nicht einmal registriert; wir dagegen spüren die Unwirtlichkeit der Wüste sofort und direkt am eigenen Körper.Das Wort Namibia bedeutet übersetzt "Wüste" oder auch "Weites Land".Welcher der beiden Versionen man auch zuneigt, sie sind beide richtig, was am Namib-Naukluft-Park leicht erkennbar ist: Mit 50 000 Quadratkilometern Fläche ist er der viertgrößte Nationalpark der Erde und besteht fast ausschließlich aus Wüste.Wer am Abend eines heißen Fahrtages die Namib-Naukluft-Lodge auf dem Motorrad ansteuert, hat einen wirklich außergewöhnlichen Grund zur Freude: Das Wässern des strapazierten Körpers wird nach dem "Saunabad" in den natürlich viel zu warmen Fahrklamotten als nicht steigerungsfähige Wohltat registriert.Störende Gedanken über menschliche Dekadenz - Wassermangel ist eins der größten Probleme des Landes - werden verdrängt. Der nächste Erlebnis-Tag beginnt in stockdunkler Nacht: Erst einmal sind 70 Kilometer Staubstraße bis zum Eingangstor des Dünengebietes Sossusvlei zu bezwingen - fahrtechnisch mittlerweile auch in der Dunkelheit kein Problem mehr.Nach weiteren 70 Kilometern Sandpiste stoppen wir und beginnen die Wanderung zum Großen Vlei.Dieser Trockensee füllt sich nur nach heftigen Regenfällen mit Wasser.Die wenigen, vertrockneten Bäume ragen meist in den wolkenlosen Himmel, einige sind auch umgestürzt und bilden mit ihren Stämmen und Ästen skurrile Monumente der Vergänglichkeit.Zum Ausgangspunkt der Wanderung zurückgekehrt, lernen wir die Annehmlichkeit eines perfekt ausgerüsteten Begleitfahrzeuges kennen: Fahrer Faustus hat mittlerweile den Frühstückstisch gedeckt - von Orangensaft und Kaffee über Brot und Butter bis zu Eiern, Marmelade und Käse ist alles da, was einen hungrigen Magen besänftigen könnte. Namibias Tierwelt suchen und finden wir am Mount Etjo, auf dem Gelände des gleichnamigen Safariparks mit angeschlossener Lodge.Der Etoscha-Park, wo neben harmlosen Zebras und Giraffen auch Löwen und Hyänen auf freier Wildbahn leben, bleibt uns Bikern aus verständlichen Gründen leider verschlossen.

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