Zeitung Heute : Staubtrocken, aber höchst lebendig

WOLFGANG KORN

Die Negev-Wüste in Israel erschließt sich dem Wanderer am besten / Kletterpfade und KraterVON WOLFGANG KORN

Sanddünen, nackter Fels und Wadis erwarten die meisten Besucher.Stattdessen wollen die Plantagen mit Orangenbäumen, Baumwoll- und Getreidefeldern nicht enden.Glaubt man der Karte, führt die Straße von Tel Aviv nach Beersheba längst durch Wüstengebiet.Mit neuestem Know-how jedoch trotzen die Israelis der Negev-Wüste, die fast die gesamte südliche Hälfte des Landes einnimmt, immer mehr fruchtbaren Boden ab. "Treibt die Wüste in die Wüste" - so lautete das Motto des israelischen Staatsgründers Ben Gurion.Zudem haben Siedler und freiwillige Helfer seit 1948 zehn Prozent der gesamten Landesfläche aufgeforstet.Diese Leistung hat allerdings ihren Preis, erklärt Dror Friedman von der israelischen Naturschutzorganisation: "Das Ökosystem Wüste ist viel empfindlicher als man denkt.Robuste Pflanzen, die nicht hierhergehören, können es leicht zerstören." So werden einmalige Wüstenareale unter Schutz gestellt.Ein Netz von Naturparks durchzieht heute die Negev-Wüste. Als letzte Einkaufsmöglichkeit vor der weiten Ödnis dient die Pionierstadt Beersheba.Wer hier Wüstenromantik erwartet, wird enttäuscht.Im großen, mit getönten Glasfronten verkleideten Shopping-Center sind alle westlichen Kosumgüter erhältlich.Liefen nicht überall Soldaten und mit Maschinenpistolen bewaffnete Siedler herum, könnte man sich irgendwo in Europa oder den USA wähnen. Beersheba - das ist die mehr oder weniger gelungene Transplantation einer westlichen Großstadt in die Wüste.Um dieses seiner Umgebung völlig fremde Gewebe am Leben zu erhalten, sind ständige Infusionen notwendig: Unmengen an Wasser werden aus größter Tiefe gepumpt, damit die vielen Grünanlagen und Vorgärten dreimal täglich gewässert werden können.Und den großen Energiebedarf decken die Israelis, indem sie in riesigen Kraftwerkanlagen, weiter westlich in Ashdod, Öl verbrennen.Die Rauchschwaden legen sich über den gesamten Küstenstrich. Beersheba hat jedoch noch ein zweites Gesicht: jeden Donnerstag bieten Beduinen auf einem großen Markt am Stadtrand feil, was Steppe, Wüste und Tierzucht hergeben.Ihre Zelte und Bretterbuden stehen entlang der Ausfallstraße Richtung Süden, gleich dahinter kündigt sich die Wüste an.Es beginnt eine Steppenlandschaft mit vereinzelten Ginsterbüschen und Tamarisken.Ganz allmählich werden die ursprünglichen Bewohner dieser Landschaft aus ihrem Lebensraum verdrängt und in ihrer Lebensweise beschnitten.Um die Steppe vor dem Kahlfraß durch Ziegen- und Schafherden zu schützen, teilen staatliche Stellen den Beduinen jeweils für zwei Wochen Weideabschnitte zu.Ob sich die Ziegen daran halten? Negev, ein hebräisches Wort, bedeutet "ausgetrocknet".Während im Norden noch bis zu 25 Zentimeter Niederschlag jährlich fallen, herrscht im Süden bei Eilat fast vollkommene Trockenheit.Trotzdem ist die Wüste weder öde noch tot, sondern vielgestaltig und höchst lebendig.Von einem kleinen Schotterparkplatz in der Nähe des Kibbuz Sde Boker folgen wir einem Wanderweg nach Ein Avdat.Im späten Frühjahr blüht es hier an allen Ecken und Enden: Wüstenlöwenzahn, Morgenstern, an feuchten, schattigen Hängen wachsen sogar Mohnblumen.Und das, obwohl die Sonne mit ganzer Kraft brennt.Steinböcke sind zu beobachten, die sich bei ihren Rivalenkämpfen auf den Steilhängen nicht stören lassen.Der seltene Ägyptische Adler gibt sich scheu, ergreift vor Menschen die Flucht.Nach zwei Stunden Wanderung erreichen wir den Eingang des Naturparks Ein Avdat.Andere machen es sich einfacher und fahren mit Bussen und ihren Autos auf einer asphaltierten Straße vor. Die wahre Bedeutung der Wüste erfährt aber, wer sie sich erläuft.Denn der eigentliche Zauber einer Oase erschließt sich nur demjenigen, der zuvor einige Stunden in der Sonne gedorrt hat.Wie Glockenspiel klingt dann das Plätschern des Avdat-Baches, der durch die Mitte der tiefen Schlucht fließt.Im Laufe der Jahrtausende hat er sich durch den hellen Kreidekalk gefressen.Die steilen Wände, die er dabei freigelegt hat, bestehen aus Kalkschichten, die wie bei einem Schichtkuchen vollkommen eben übereinander liegen.Selbst im Wüstensommer bieten Höhlen und Ausbuchtungen noch kühle Schattenplätze.Die Vegetation wuchert hier üppig: Tamarisken und Weiden säumen den Pfad.Am Rande des Baches wachsen Binsen, selbst Schilf.Im klaren Wasser tummeln sich Unmengen von Kaulquappen.In nur wenigen Tagen verwandeln sie sich in Schaufelfußkröten, die sich dann in den feuchten, kühlen Schlamm eingraben und so die Trockenzeit überdauern.An den steilen Hängen hoch über den Pfaden befinden sich Höhlen, von Menschenhand geschaffen.Hierher hatten sich die ersten byzantinischen Mönche zur Meditation zurückgezogen.Wenn nicht gerade eine lärmende Gruppe durch das Tal zieht, läßt sich die stille Erhabenheit dieses Ortes gut nachempfinden. Wir erklimmen den Kletterpfad, in den sich der Wanderweg hinter einer Biegung verwandelt: Stufen sind in die Steilwand gemeißelt, eiserne Haltegriffe und eine Brüstung aus Zement, die in Form und Farbe der Umgebung angepaßt wurde, geben Halt.Oben bietet sich ein herrlicher Ausblick in die Schlucht, aber bereits wenige Meter vom Abgrund entfernt, verschwindet sie aus dem Blick und die Landschaft schließt sich wieder zu einer endlosen Hügelkette. Der Weg führt weiter zur südlich gelegenen antiken Festung Avdat.Hier an der ehemaligen Gewürzroute siedelten schon vor den Römern die Nabatäer.Archäologen haben bei ihren Ausgrabungen eine höchst effektive Wassersammelanlage rekonstruiert.Über ein Rinnensystem wird sämtliches Regenwasser von Dächern und Plätzen in riesige unterirdische Zisternen geleitet.Eine andere Bewässerungstechnik, die in der Neuzeit in Vergessenheit geraten war, haben Wissenschaftler und Landwirte im südlich angrenzenden Tal rekonstruiert: Niedrige Steinmauern ziehen sich quer durch die Trockenbetten von Wadis.Daher fließt das Wasser der seltenen, aber sehr heftigen Regenfälle nicht einfach ab, sondern wird auf die Felder umgeleitet.Gleichzeitig wird damit die Erosion verhindert.Nach Jahrhunderten der Dürre können die terrassierten Felder nun wieder bebaut werden. Am Abend Ankunft in Mitzpe Ramon ein, einer Wüstenstadt, die außer einem komfortablen Hotel und einem Observatorium nichts bietet.Die Lage allerdings ist spektakulär: der Ort liegt am Rande des Ramonkraters und bietet von einer Plattform aus eine hervorragende Aussicht auf diese 40 Kilometer lange und 12 Kilometer breite Naturerscheinung.400 bis 500 Meter fallen die Seitenwände steil ab, eine Herausforderung für Abseilakrobaten.Herzförmig breitet sich der Krater aus und erweckt mit seinen rötlich-braunen bis schwärzlichen Hügeln und Tälern den Eindruck einer Mondlandschaft.Bei näherem Hinsehen entdeckt man in den Felswänden Schichten mineralischer Gesteine in allen Regenbogenfarben: von rot über violett bis zu gelb und kupfergrün. Hinter jedem Bergrücken ändert der Krater sein Erscheinungsbild: hier scheint sein Boden mit Kieselsteinen bepflastert worden zu sein, dort sieht er aus wie eine angeschnittene Torte.Und einzelne Hänge gleichen - übersät mit Bruchstücken schwarzer Schieferplatten - Geröllhalden.So auch der Hang eines Berges in der Kratermitte, der sich als Aussichtspunkt anbietet.Während wir den engen und rutschigen Pfad hinaufklettern und die Aussicht genießen, kreisen über uns die Geier. Schon von weitem sichtbar heben sich in südlicher Richtung die rötlichen Berge des Timnaparkes von der sandsteinfarbenen Umgebung ab.Wind und Wetter haben diesen Fels zu einer bizarren Formenvielfalt erodieren lassen. Ernüchterung am Ziel Enge Schluchten, einzelne Türme, sogar Bögen aus Gestein sind so im Laufe der Jahrhunderte entstanden.Der Boden ist übersät mit türkisfarbenen Kupferoxidbrocken.Hier ließ König Salomon das Kupfer in Minen abbauen.Um das Mineral zu schmelzen, wurden bereits vor 6000 Jahren die ersten Steinöfen mit Lüftungssystemen gebaut.Einige sind erhalten geblieben. Das gesamte Areal wurde zu einem 60 Quadratkilometer großen Naturpark erschlossen.Wegen der Weitläufigkeit des Geländes sind Fahrzeuge auf den markierten Wegen zugelassen.Aber auch hier empfiehlt es sich, Bus oder Wagen stehen zu lassen und zu Fuß auf Suche zu gehen.Denn während die Ausflugstouren nur die Attraktionen - die Säulen Salomons, einen pilzähnlich geformten Stein und einen Sandsteinbogen - anfahren, lassen sich abseits dieser Wege überall eigene Entdeckungen machen.Neben Säulen und Galerien von Ornamenten glaubt man Totenmasken, Vogelköpfe mit spitzen Schnäbeln und Seeungeheuer im Gestein zu erkennen, die an die Bilder und Collagen von Max Ernst erinnern.Die günstigste Tageszeit für einen Besuch ist der späte Nachmittag, dann läßt die sinkende Sonne diese Kulisse in sattem Rot erglühen. Noch trunken von dieser Phantasielandschaft, werden wir vom Endziel unserer Fahrt, Eilat schnell ernüchtert.Die "Perle" am Roten Meer wird zur großen Enttäuschung: Das berühmte Korallenriff liegt zwischen dem Container- und dem Ölhafen eingekeilt.Und vom üppigen Sandstrand haben Hotels und Bars nur noch einen kleinen Saum übriggelassen.Die ehemalige Pioniersiedlung am Dreiländereck mit Jordanien und Ägypten hat sich längst zum "Gran Canaria" des Roten Meeres, mit garantierten 320 Sonnentagen im Jahr und steuerfreien Longdrinks, gewandelt.Wir treffen Bekannte vom Hinflug wieder.Sie sind nicht in Tel Aviv ausgestiegen, sondern gleich hierher weitergejettet: "Totes Meer und Jerusalem machen wir in einem Tag.Der Rest ist ja nur Wüste!"TIPS FÜR ISRAEL - Reisezeit: Frühjahr (März bis Mai) und Herbst (September bis November).Im Sommer wird es in der Wüste sehr heiß, im Winter kann es in den bergigen Regionen (zum Beispiel Jerusalem) recht kalt werden. - Einreise: Benötigt wird ein gültiger Reisepaß.Bundesbürger, die nach dem 1.1.1928 geboren wurden, erhalten ein Visum bei der Einreise.Vor dem Stichtag Geborene müssen das Visum vor der Reise in einem israelischen Konsulat oder in der Botschaft beantragen. - Anreise: Dreimal pro Woche fliegt die israelische Fluggesellschaft El Al von Berlin-Schönefeld nonstop nach Tel Aviv.Mit der Lufthansa geht es täglich über Frankfurt nach Israel.Im Winterhalbjahr gibt es in der Regel Charterverbindungen zwischen Berlin und Eilat. - Gesundheit: Eine Tetanus- / Polio-Impfung wird ebenso empfohlen wie ein Schutz gegen Hepatitis A. - Wüstentouren: Die Negev-Wüste ist durch eine Asphaltstraße von Beersheba nach Eilat erschlossen und kann von Tel Aviv, Jerusalem oder Eilat aus mit einem Mietwagen in Tagesausflügen erkundet werden.Intensivere Erlebnisse jedoch versprechen die geführten Touren (ein- bis fünftägig) der Israelischen Naturschutzorganisation. - Veranstalter: Israel Nature Trails, Am Sonnenberg 14, 61279 Grävenwiesbach; Telefon: 060 86 / 695, Fax: 060 86 / 284. - Unterkunft: In Jerusalem und in Eilat gibt es zahlreiche Hotels und einfache Gästehäuser, in Tel Aviv dagegen fehlen Mittelklasse-Hotels.In der Negev-Wüste kann in Beersheba und in Mitzpe Ramon (Luxushotel "Ramon Inn") übernachtet werden. - Kleidung: Leichte Kleidung für den heißen Tag, Warmes und Langärmeliges für die kalte Nacht in der Wüste.In den Städten sollte beachtet werden: Männer in Shorts werden von der arabischen Bevölkerung, Frauen in allzu freizügiger Kleidung von den orthodoxen Juden verachtet. - Literatur: Apa-Guide: "Israel"; Baedecker Allianz Reiseführer: "Israel", Karl Baedecker-Verlag Ostfildern.Beide Reiseführer werden laufend aktualisiert. Das Leben in einer israelischen Wüstensiedlung beschreibt Amos Oz eindringlich in seinem Roman "Wenn die Nacht nicht Nacht", Suhrkamp-Verlag. - Auskunft: Staatliches Israelisches Verkehrsbüro, Bettinastraße 62, 50325 Frankfurt; Hotline: 018 05 / 40 41, Telefaxnummer: 069 / 74 62 49. - Israel im Internet:

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