Stauffenberg-Film : Geschichte wird gemacht

Tom Cruise darf für seinen Stauffenberg-Film nun doch im Bendlerblock drehen. Wie ist dieser Sinneswandel der deutschen Politik zu erklären?

Jan Schulz-Ojala

Noch eine Woche vergeht bis zum kalendarischen Herbstanfang, da wird auf der Berliner Bühne der Schlussakt des aufregendsten Sommertheaters gegeben: Des schrillen Thrillers darüber, ob Hollywood im Allerheiligsten der deutschen Geschichte, dem Bendlerblock, drehen darf. Die Antwort nach all dem Getöse tönt genreüblich gedämpft: Ja, es darf.

Der actionfilmgestählte Tom Cruise, der im Heldenepos „Valkyrie“ die Hauptrolle des Widerständlers Stauffenberg spielt, hat den geballten Widerstand ganzer Bundesministerien gegen die Dreherlaubnis hinweggerafft. In diskreten Gesprächen zwischen Regierungsoffiziellen und der Produktionsfirma United Artists gelang es, das eiserne Veto der Deutschen einzuschmelzen. War vor fast zwei Monaten die „Würde des Ortes“, wo am 20. Juli 1944 der historische Stauffenberg erschossen worden war, noch unvereinbar mit einem Hollywood-Filmset, wird diese zum Begriff gewordene Verteidigungslinie nun nicht gleich geräumt, sondern bloß neu interpretiert.

Es war wohl Drehbuchautor Christopher McQuarrie, der die Sache endgültig wieder flott machte. In einem Schreiben Anfang September an Verteidigungsminister Jung (dessen Berliner Dienstsitz der Bendlerblock ist), Finanzminister Steinbrück (Hausherr des Bendlerblocks), Kulturstaatsminister Neumann (Regierungsfilmmann) und Johannes Tuchel (Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand) legte er eindringlich dar, „warum ihm der historische Ort am Herzen liegt“, sagte Thomas Raabe, Sprecher des Verteidigungsministers, dem Tagesspiegel. Die Minister gaben – nach Signalen, auf die vielzitierte Würde des Ortes und „weitestgehend auf die deutschen Interessen“ Rücksicht zu nehmen – ihr Okay. Gestern nun fand eine Ortsbegehung statt, und in den nächsten Tagen wird intensiv über Details geredet.

Mit anderen Worten: Es ist eine politische, weniger eine fachliche Entscheidung. Konkret? Nun, man wird nicht gleich Bäume fällen, bloß weil 1944 auf dem Gelände noch keine standen; hier wird den Amerikanern eine gewisse Computereffektsicherheit durchaus zugetraut. Auch dürfte man etwa um den Verzicht auf Catering-Würstchenbuden oder gar Dixi-Klos ringen. Zudem steht womöglich ein Feilschen um die Zahl der Drehtage – vielleicht einer, vielleicht auch drei – ins Haus, schließlich ist die Gedenkstätte eine öffentliche Einrichtung.

Um eines allerdings scheint es gar nicht mehr zu gehen: Tom Cruises Mitgliedschaft bei Scientology – und zumindest regierungsoffiziell soll es darum ja auch nie gegangen sein. Nur: Warum wurde die „Würde des Ortes“ nicht berührt, als Jo Baier 2003 im Bendlerblock fürs Fernsehen seinen „Stauffenberg“Spielfilm drehte, und warum wird sie diesmal so heftig ins Feld geführt? Das dürfte zu den Rätseln gehören, die aus diesem stürmischen Sommer bleiben.

Die politischen Profiteure der Entscheidung hielten sich am Freitag bedeckt – ganz vorne unter denen, die den Bendlerblock nun doch zum Big-Budget-Set machen, will offenbar niemand stehen. Die Verlierer sind die Betreiber der Gedenkstätte, denen grundsätzlich unwohl bei dem Gedanken bleibt, an historischem Ort einen historischen Mord schlicht nachzuspielen. Als Gewinner darf sich Minister Neumann fühlen, dessen Filmförderfonds knapp fünf Millionen Euro in „Valkyrie“ steckte – und der sich immer über Regional- und Nationaleffekte freut, wenn man Großproduktionen herbeilocken will.

Und wie geht's weiter? Gedreht wird bis Ende Oktober. Manche Medien haben „Valkyrie“ nach Besichtigung früher Drehbuchentwürfe ein wenig voreilig zum Meisterwerk unspektakulärer Vergangenheitsdeutung hochgejazzt, die Internet Movie Database (www.imdb.com) sortiert den Film einstweilen nüchtern unter „Thriller“ ein. Zum Kinostart werden wir mehr wissen: Der nächste Sommer kommt bestimmt.

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