Zeitung Heute : Steglitz, Hollywood

JAN SCHULZ-OJALA

Die Serie im Kopf: Eine Diskussion über "Filme fördern in Berlin"JAN SCHULZ-OJALAWie veranstaltet man eine schlechte Podiumsdiskussion? Paragraph eins: Jeder sagt seins.Zweitens: Man setze den Abend unter ein Motto, achte aber nicht darauf.Drittens: Man lasse das Podium noch ein wenig schwächer ausleuchten als den schon matt dämmernden Zuschauerraum.Viertens: Man lasse zwei Stunden durcheinanderreden und tue dann möglichst frisch so, als gebe es etwas zusammenzufassen. So gesehen war der 20.Kultursalon, veranstaltet von Bündnis 90/Die Grünen im Roten Salon der Volksbühne unter dem Motto "Filme fördern in Berlin", ein voller Erfolg.Der Direktor der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) Reinhard Hauff und Regisseur Wolfgang Becker sagten - ziemlich müde - ihrs.Anfänglich recht frisch gab sich der Senats-Medienbeauftragte Michael-Andreas Butz, mit radunskischem Sinn fürs Generalistische und dem Kultursenator auch physiognomisch erstaunlich verwandt; Petra Hartfeil von der Filmförderung Berlin-Brandenburg war weder frisch noch müde, sondern auf den Punkt verlautbarungspolitisch korrekt, und Moderatorin Alice Ströver war erst frisch, dann müde und zum Ende hin - siehe oben - wieder frisch. Geredet wurde über: Hollywood, Steglitz, das böse Fernsehen, das gute Fernsehen, zuwenig Geld, zuviel Geld, schlechte Drehbücher, keine Drehbücher, die BVG, mangelnde Filmerziehung in der Schule, Polizei-Abschnittsleiter,die Etats der Berliner Opernhäuser sowie das britische Klassenbewußtsein und die Disneyfizierung des Autorenfilms.Kurzum: nur sehr am Rande über Filmförderung.Vielleicht reden auch die Profis lieber über anderes als Filmförderung - jenes hochkomplizierte, über die Republik sich verzweigende, aus regionalen Beschäftigungsinteressen, cineastischen Motiven, Kinoauswertungs- und TV-Recyclingimpulsen gespeiste Subventionsregelwerk, mit dem vieles nur schwer, ohne das aber gar nichts geht im deutschen Film.Also, bücken wir uns nach den verstreuten Perlen. Zum Beispiel die kulturpessimistische Elegie des obersten Filmkunstausbilders mit filmkünstlerischer Vergangenheit, Reinhard Hauff: "Das Fernsehen hat die Führung übernommen.Da gehen die Talente hin und lassen sich vom Geld verführen.Aber da werden sie im Kopf bald seriell.Dabei haben wir hier Möglichkeiten wie in kaum einem anderen Land: Gratisausbildung, Equipment, Förderung.Warum dreht hier niemand einfach los, dreht den kleinen, schmutzigen, großartigen Film?" Oder Wolfgang Becker, der Praktiker und DFFB-Absolvent: "Diese Münchner Beziehungsklamotten, die meine Intelligenz beleidigen! Ich hasse es, meine eigenen Drehbücher zu schreiben, aber es gibt ja nix! Und erst die ganze Nerverei mit den Drehgenehmigungen in Berlin! Filmförderung? Man sollte den Filmemachern nicht dauernd Steine in den Weg legen." Und Butz zu späterer Stunde, der Schwadron eigener Sätze mit vagem Blick folgend: "Von Amerika lernen, heißt siegen lernen." Nein, das hat er nicht wörtlich so gesagt.Und auch Hauff nicht seins und auch nicht Becker.Nur Frau Hartfeil schwieg meist ziemlich präzis.Von einem "ungefähren Klima" sprach Hauff einmal im Blick auf die Kohl-Ära, in dem eben nur "ungefähre Filme" entstünden.Spannender Gedanke: aber wie ihn entwickeln, auf einer so ungefähren Diskussion? 

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