Zeitung Heute : Stehvermögen bis in die Morgenstunden

PEER HEINLEIN

Wenn die Stars endlich kommen, stehen sie schon lange da: Autogrammjäger, die wohl hartnäckigsten Berlinale-Gäste außerhalb des offiziellen Programms.Wenn sich Film-Größen aus aller Welt ansagen, ist das abendliche Gedränge am roten Teppich der Festspiele groß.Wer bei solchen Auftritten die begehrte Widmung haben möchte, hat nur in der ersten Reihe eine Chance.Doch ob sich das stundenlange Warten auf die wenigen Minuten lohnt, ist stets ungewiß.

Zu den besonders geduldigen Autogrammjägern gehört Heiko Kacserik-Maczek.Schon drei Stunden vor Beginn der Premiere sicherte der Schüler sich mit einem großen Foto bewaffnet einen Platz direkt an der Absperrung vor dem Zoo-Palast.Doch als um acht Uhr die Show nach wenigen Minuten gelaufen ist und die Stars ohne Stifte zu zücken winkend im Kino verschwunden sind, gibt er noch lange nicht auf."Ein Autogramm von Bruce Willis - das wäre schon ein großer Moment in meinem Leben." schwärmt er und macht sich auf den Weg zum "Planet Hollywood".Hier soll die Premierenparty stattfinden, hier muß Willis vorbeikommen.Während sich drinnen spät nachts das "Who is who" des Films vergnügt, warten vor der Tür die wahren Fans: Zusammen mit einem Dutzend zäher Leidensgenossen harrt auch Heiko bei Minusgraden bis sechs Uhr morgens aus.Doch auch nach 13 Stunden bleibt die Autogrammjagd erfolglos."Am Freitag kommt vielleicht Nicolas Cage, vielleicht habe ich dann mehr Glück." tröstet sich Heiko.

Ohne Fans ist niemand ein Star: Das wissen auch die Hollywood-Größen, und oft genug schreiben sie geduldig Widmungen, bis auch die letzte Bitte erfüllt ist."Natürlich lassen sie sich gerne umjubeln.Wer die Presse stehen läßt, um sich in Ruhe den Fans zu widmen, ist ein wahrer Profi.Der weiß, wer seine Filme sieht und seine nächste Gage zahlt." sagt Silke Bertram-Shalom vom Tobis-Filmverleih.Im Laufe der Jahre begegnet sie immer wieder den gleichen Unterschriftensammlern."Nach ein paar Jahren kennt man sie, viele sind Stammpublikum.Irgendwann kriegen sie dann auch Spitznamen."

Fans gehören zur Berlinale wie die Fanfare zum Vorspann.Doch irgendwann wird es auch zuviel."Die Berliner sind besonders hartnäckig", erzählt Bertram-Shalom."Daß vom Hotel aus zum Flughafen gefolgt wird, kommt vor.Aber daß nachts an die Hotelzimmer geklopft wird, habe ich in anderen Städten noch nicht erlebt." Wer wo schläft, ist zwar meist ein gut gehütetes Geheimnis, doch wahre Spürnasen lüften auch dies."Das A und O ist ein guter Kontakt zu den Rezeptionisten", weiß Bertram-Shalom.

Uwe Scholz ist eine solche Spürnase.Der 28jährige Schlosser aus Moabit füllt mit detektivischer Kleinarbeit, etwa durch Anrufe bei Presse, Hotels und Filmverleihern, seine Autogrammbücher.Er weiß, wann die Stars am Flughafen erwartet werden, wo sie absteigen, wann sie sich in welchem Hotel zu Interviews aufhalten und zu welchen Partys sie erwartet werden."Natürlich kostet das viel Mühe, alles herauszufinden.Aber das ist besser, als sich dicht gedrängt die Beine in den Bauch zu stehen und kaum eine Chance zu haben.Außerdem war ich fast immer erfolgreich", sagt er lachend und wedelt stolz mit seinem dicken Autogrammbüchlein.

Susanne Malow hingegen hat die Jagd nach der Unterschrift aufgegeben.Doch auch sie zieht es abends zu den Premieren vor den Zoo-Palast."Früher drängelte ich mich auch ganz vorne", sagt sie, "heute stehe ich hochoben." Mit dem Fotoapparat im Anschlag klettert sie auf einen Stromkasten.Ein Bild als Autogramm-Ersatz: "So weiß ich wenigstens, daß ich mein Andenken bekommen werde." Ihre Freundin steht taumelnd hinter ihr.Sie ist für das Festhalten zuständig.Klatschen und Pfeifen wird sie später natürlich auch noch.Doch erst wenn die Bilder entwickelt sind, wird sie sie seufzend herzeigen und sagen können: "Ich war dabei."

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