Zeitung Heute : Steigerungen

ISABEL HERZFELD

Edelmetall: Das Jeunesses-Weltblech-Orchester im KammermusiksaalISABEL HERZFELDSo richtig fetzte es erst bei den Zugaben: Da umspielt die Hornistin Gesa Maria Schott die Leierkastenmelodie des "Carnaval in Venice" mit den rasantesten Läufen, bringen schlüpfrige Posaunenglissandi und absichtsvoll falsche Töne von Tuba und Trompete das Publikum zum Kichern.Frenetischer, endloser Beifall.Sie können wirklich verflucht viel, die jungen Musiker vom Weltblech-Ensemble - eine Männerdomäne, in welche die Frauen hier zunächst zu zweit einbrechen.Als feste Gruppe haben sie sich aus dem Weltorchester der Jeunesses-Musicales herausgelöst, doch wie dieses treffen sie sich nur zweimal im Jahr zu längeren Arbeitsphasen.Da ist die funkelnde Präzision ihres Zusammenspiels, ihr Sinn für Klangfarben und dynamische Balance, die federnde, lockere Geschmeidigkeit im Geben und Nehmen der einzelnen Abläufe nicht hoch genug einzuschätzen.Zu diesem Können gesellt sich der Charme der Jugend, das Flair der internationalen Zusammensetzung, die freundliche Publikumszugewandtheit - gute Voraussetzungen, um in die Fußstapfen solcher Spitzenbands wie Canadian Brass oder des legendäre Philip Jones Brass Ensembles zu treten.Daß das Jahreskonzert im vollbesetzten Kammermusiksaal der Philharmonie nicht immer vom Hocker reißt, liegt an der manchmal flauen Stücksubstanz: "Joy of the world" von Georg Friedrich Händel krankt an einigen fragwürdigen Becken- und Glockenspielbeimischungen des Arrangements; "Triolet" von André Previn, "William and Mary" von Derek Bourgeois und das uraufgeführte "The Gospel Hall" von Chris Hazell bleiben jeweils trotz gekonnter Machart und mancher brillanten Klangeffekte doch recht unverbindliche Stilmischungen."Gut gestohlen ist halb komponiert", heißt es ja, aber eben gut und mit Geschmack, wofür sich gerade bei den Amerikanern von Joplin bis Bernstein gelungene Beispiele finden ließen.Bach-Choräle wirken natürlich in jedem Gewand, hier das flexibel ausschwingende "Jesu bleibet meine Freude" und das gefühlsintensive, mit riesigen dynamischen Steigerungen aufwartende "Ich ruf zu dir".Humperdincks "Abendsegen" besticht mit symphonisch-transparenter Fülle und vielseitiger Farbigkeit der vier Trompeten, zu welcher der Ungar Tamas Davida die weiche Gesanglichkeit, Peter Wiseman aus Australien die virtuose Schärfe beisteuert."Latinolé" von Lars Erik Gudim schließlich leitet über zum ausgelassenen, rhythmisch vielschichtigen Spaß, in dem vor allem die Posaunisten ihre Show-Qualitäten beweisen können.

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