Zeitung Heute : Stein um Stein

Seit Ministerpräsident Scharon die Räumung von Siedlungen angekündigt hat, sammeln sich die Gegner. Doch sie sind in der Minderheit. Die meisten Familien werden keinen Widerstand leisten. Sie wollen Entschädigungen kassieren – oder neue Häuser in Israel.

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

WAS WIRD AUS DEN JÜDISCHEN SIEDLUNGEN?

Von Charles A. Landsmann,

Tel Aviv

Die israelischen Siedler im Gazastreifen und im nördlichen Westjordanland haben die Qual der Wahl – wenn Ariel Scharon seinen Plan der Siedlungsräumungen durchsetzt. Israels Nationaler Sicherheitsrat schlägt nämlich der Regierung vor, die Siedler wählen zu lassen zwischen einer großzügigen finanziellen Entschädigung oder einer Umsiedlung in das eigentliche Staatsgebiet innerhalb der grünen Linie.

Die Regierung will erreichen, dass die 7800 Siedler des Gazastreifens bis Ende Oktober 2005 umziehen. Vorgesehen als neue Wohnorte sind vor allem Regionen am Wüstenrand im Landessüden, also die Grenzgebiete zum Gazastreifen und Ägypten sowie die Negev-Region. Zu diesem Zweck hat die Regierung vor einiger Zeit die Gründung dutzender neuer Ortschaften nahe der grünen Linie beschlossen. Sie könnten beispielsweise die Bewohner jeder der 18 Siedlungen im Gazastreifen komplett aufzunehmen. Oder die Menschen werden in bereits bestehende Ortschaften integriert.

Mit einer derartigen Verpflanzung ganzer Siedlungen könnten erhebliche Probleme gesellschaftlicher und sozialer Art vermieden werden. Denn die Siedlungen im Gazastreifen bilden festgefügte Gemeinschaften: Bei den Siedlern des Gusch-Katif-Blocks sowie den beiden isolierten Siedlungen Kfar Drom und Netzarim handelt es sich fast ausnahmslos um ultrareligiöse Nationalisten. Nur in den drei nördlichsten Siedlungen Nisanim, Alej Sinai und Dugit wohnen nicht-religiöse Familien mit kleinem Geldbeutel.

Während sich das politische Interesse im Augenblick ganz auf die Siedlungen im Gazastreifen konzentriert, melden sich nun auch die Scharon-Kritiker in den vier zur Räumung bestimmten Siedlungen der Region Dschenin im nördlichen Westjordanland lautstark zu Wort. Sie gehören in ihren Siedlungen zu einer ideologisch standfesten Minderheit, die weiter durchhalten will. Die meisten anderen jedoch haben längst „die Schnauze voll von den unerträglichen Lebensbedingungen“ und sind weggezogen. Einige Familien wiederum warten nur noch auf die Entschädigungsregelungen, bevor sie ihre Habe auf Umzugswagen packen.

Auch die Siedlung Homesch, die 30 Familien Platz bietet, ist bereits von der Hälfte der ursprünglichen Bewohner verlassen worden. Hier wurde die Lage nur deshalb stabilisiert, weil die Siedlerführung schnell sieben religiöse Familien dorthin transferierte. Diese Neubewohner sind es nun, die Scharon am härtesten attackieren. Lange Jahre diente die älteste Siedlung in der Gegend um Dschenin als Künstlerdorf sowie als Auffangbecken für traumtänzerische Einwanderer aus der damaligen Sowjetunion.

Natürlich werden insbesondere die religiös motivierten Siedler des Gaza-Komplexes Gush Katif gegen die Räumungen erbitterten Widerstand leisten. Doch sie werden dabei wohl kaum von ihren Waffen Gebrauch machen. Schießereien zwischen israelischen Siedlern und israelischen Soldaten wird es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht geben.

Schon einmal, anlässlich des Rückzuges von der Sinai-Halbinsel Ende der 70er Jahre versuchten die dortigen Siedler und ihre nationalistischen Freunde, die Gefahr eines israelischen Bürgerkriegs zu beschwören. Nichts davon trat ein. Und ausgerechnet Ariel Scharon, seinerzeit Verteidigungsminister, trug entscheidend dazu bei, dass die damaligen gewaltsamen Räumungen der Siedlungen für die meisten Israelis heute praktisch vergessen sind. Denn Scharon brach zur gleichen Zeit den Libanonkrieg vom Zaune, der die von ihm angeordnete Zerstörung der Siedlungen in der öffentlichen Wahrnehmung völlig in den Hintergrund drängte.

Für die meisten Israelis ist ein strategischer Sinn des Gush-Katif-Siedlungsblockes, der isolierten Siedlungen Kfar Drom und Netzarim sowie des Siedlungsdreiecks im Norden des Gazastreifens nicht erkennbar. Das Argument, dass diese Siedlungen mehr Sicherheit für das eigentliche Staatsgebiet bringen, überzeugt niemanden. Umgekehrt absorbiert der Schutz der Anlagen beträchtliche militärische Energien und sehr viel Geld, was anderswo dringender gebraucht wird.

Seit der Eroberung des Gazastreifens und des Westjordanlandes 1967 hat Israel rund zwei Milliarden Euro für den Wohnungsbau in den Siedlungen ausgegeben. Hinzu kommen zusätzliche zivile Ausgaben von etwa 500 Millionen Euro. Die Militärausgaben beliefen sich insgesamt auf etwa 800 Millionen Euro.

Die Behauptung, die Siedler seien auf Druck der Regierung in den Gazastreifen oder das Westjordanland gezogen, entspricht nicht den Tatsachen. Zwar haben verschiedene rechtsnationale israelische Regierungen die Siedler mittels großzügiger Versprechen in die besetzten palästinensischen Gebiete gelockt. Doch niemand hat jemals von den Siedlern verlangt, sie müssten den Traum von einem neuen Groß-Israel („Erez Israel“) verwirklichen. Sie haben sich diesem jetzt von Scharon offiziell aufgegebenen Traum aus freien Stücken verschrieben.

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