Zeitung Heute : Steinbruch Picasso

NICOLA KUHN

Strittig: Carlo Ginzburg legte eine neue Deutung für "Guernica" vorKaum ein Bild dürfte in seiner Entstehung so gut dokumentiert, kaum eines so häufig neu interpretiert worden sein wie "Guernica", Picassos Wandgemälde für den spanischen Pavillon.Die Komplexität des 1937 entstandenen Werkes mit den Ausmaßen 3,51 mal 7,52 Meter hat immer wieder Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler herausgefordert.Carlo Ginzburg, Professor für Italienische Renaissance-Studien an der University of California in Los Angeles und gegenwärtig Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg, fügte nun eine weitere Lesart hinzu.Was seinen Vortrag im Otto-Braun-Saal der Staatsbibliothek so spannend machte und zusätzlich für Publikumszuspruch gesorgt haben dürfte, war der Umstand, daß er mit seiner Kollegin Svetlana Alpers nicht nur eine interessante Gesprächspartnerin, sondern auch eine hartnäckige Opponentin seiner Thesen gleich mit aufs Podium gebracht hatte. So mochte Svetlana Alpers dem Referenten nicht darin folgen, daß Picasso womöglich von Topino-Lebruns Gemälde "Tod des Gaius Gracchus" (1798) zu seiner Komposition angeregt worden sei.Ginzburg stellte bereits selbst als fraglich dar, daß der Maler dieses Bild 1912 bei seinem Marseille-Besuch im Museum gesehen und es 25 Jahre später aus dem Gedächtnis zur Grundlage von "Guernica" gemacht haben könnte.Frappierend war jedoch seine Herleitung der sogenannten Pathosfiguren von Michelangelo über Füssli zu Topino-Lebrun und schließlich Picasso.Aber auch hier intervenierte Svetlana Alpers heftig und erklärte, daß nicht alles mit Hilfe der Lehre von Aby Warburg zusammengefügt und daraus Verbindungen abgeleitet werden könnten.Ginzburgs Erwiderung darauf geriet zum persönlichen Bekenntnis: "Es gibt eine Tendenz, die Dinge zu vereinfachen, insbesondere die Tragödien dieses Jahrhunderts, was mich zutiefst deprimiert.Vielleicht ist dies der Hintergrund für mein Paper." Wahre "Detektivarbeit", wie Svetlana Alpers es nannte, leistete Ginzburg auch bei der Erklärung für die Sonne von "Guernica" in Form einer Glühbirne.Georges Bataille hatte seinen Artikel in einer 1930 Picasso gewidmeten Ausgabe der Zeitschrift "Documents" mit dem Titel "Verfaulte Sonne" überschrieben.In diesem Text benutzte er Sonne und Glühbirne als Metaphern für akademische und moderne Malerei.Ob Picasso tatsächlich darauf anspielte, muß ungeklärt bleiben. Ebenso bleibt Spekulation, was der Akt des Malens tatsächlich für ihn bedeutete: ein Akt der Liebe, wie Carlo Ginzburg meinte, oder ein Akt des Tötens, wie Svetlana Alpers vorschlug.Zumindest darin waren sich die beiden Kunsthistoriker einig: daß ihre unterschiedlichen Sichtweisen auf "Guernica" wiederum Teil der enormen Komplexität des Gemäldes seien.NICOLA KUHN

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