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Steinbrück : Gegen die Wand

07.01.2013 00:00 Uhrvon

Bloß nicht zu früh hatte er nominiert werden wollen, weil er befürchtete, damals, im Spätsommer vergangenen Jahres, „permanent an der Wand entlanggezogen“ zu werden, ewige Monate, bis hin zur Wahl. Kurz darauf war er’s, und seitdem wird er’s: Peer Steinbrück, Kanzlerkandidat der SPD, am Rücken schon wundgerieben. Verdienste, Nebenverdienste, Gehälter, vor allem die seinen, und Boni, auch die von Frauen, er kommt da einfach nicht weg. Und wie es aussieht, können das viele nicht mehr mit ansehen. Die Wähler wenden sich ab, wie die Umfragen zeigen; die Grünen gehen auf Distanz; und auch in der eigenen Partei rumort es jetzt heftig: Warum macht der so viele Fehler? Hält der das durch? Hat Peer Steinbrück überhaupt eine Chance?

Unter der Prämisse, dass erfolgreiche Politik oft das Gegenteil von Offenheit und zuweilen auch von Wahrhaftigkeit ist, hat Steinbrück in der Tat einiges falsch gemacht, ja: sich selbst an die Wand gestellt.

Er musste nicht sagen, dass er Bundeskanzler für unterbezahlt hält im Vergleich zu Sparkassendirektoren, und er musste nicht sagen, dass er Angela Merkel sich gegenüber im Vorteil sieht, nicht weil sie Kanzlerin ist, sondern Frau. Und natürlich musste er damit rechnen, dass wegen seines Gehaltsvergleichs die alte Geschichte wieder hervorgeholt wird, als er selbst mal Sparkassenpräsident werden wollte, aber von seiner eigenen Partei ausgebremst wurde. Da geht nur Häme auf das Konto des Kandidaten: Nicht mal das hat er also geschafft!

Aber unter der Prämisse, dass gute Politik nicht allein abhängig ist von Fragen des Stils, hat Steinbrück, jedenfalls aus Sicht von Sozialdemokraten, eigentlich so viel nicht falsch gemacht. Die SPD wusste doch, wen sie da feiert beim Nominierungsparteitag: einen Typen, der gerne mal aneckt, aber der den Leuten immerhin auch was sagt. Und nicht nur aus Sicht von Gerhard Schröder ist er ein lupenreiner Sozialdemokrat. Steinbrücks Sachaussagen für die Zeit nach der Wahl sind jedenfalls mehr als nur die Sättigungsbeilage für den großen Veränderungshunger seiner Partei: Mindestlöhne, Reichensteuer, das ist doch alles ganz nach ihrem Geschmack.

Umso scheinheiliger klingt da das gespielte Entsetzen aus den Reihen der SPD, aber auch von so manchen Grünen. Es ist noch immer derselbe Steinbrück, mit dem sich Jürgen Trittin vor wenigen Wochen an den rot-grünen Lagerwahlkampftisch setzte. Doch vor lauter Kontaminierungsangst bei einer substanzlosen Erregungsdebatte mit minderer Halbwertzeit ziehen sich führende Grüne wie verschreckte Schnecken in ihr kleines Häuschen zurück. Und es ist auch noch immer derselbe Steinbrück, den sich die SPD, eine Partei mit großer demokratischer Tradition, im undemokratischsten aller Nominierungsverfahren, nämlich durch autokratischen Zufall mit anschließender Erpressungsakklamation, widerspruchslos vorsetzen ließ. Im Groll auf Steinbrück über dessen Verhaltensweisen wird auch das schlechte Gewissen über das eigene Verhalten erkennbar, bis in die Spitze der zweifelnden Partei.

Neun Monate sind es noch bis zur Wahl, eine lange Zeit, sogar Zeit genug für die SPD, es mit einem anderen auszuprobieren. Doch wer sollte das sein? Und wie sollte das gehen? Putschisten von oben sind nicht in Sicht, und die Putschisten von unten sind führungslos. Neun Monate sind aber auch eine zu lange Zeit, sich immer wieder über unwohlgefällige Halbsätze Steinbrücks zu echauffieren. Das nutzt sich ab und fügt dem Bild, das die Öffentlichkeit ohnehin von ihm hat, keine Nuance Neues hinzu. Dieser Teil des Wahlkampfs ist also schon weitgehend abgehakt. Das muss nicht nur ein Nachteil sein, der Typ ist jedenfalls deutlich erkennbar, ganz anders, als es Frank-Walter Steinmeier bei seiner Kandidatur vor vier Jahren war. Wer Steinbrück wählt, das ist jetzt klar, nimmt riskante und womöglich auch folgenreiche Worte eines Kanzlers in Kauf, vielleicht sogar gerne. Aber um Kanzler werden zu können, um überhaupt eine Chance zu haben bei dem riesigen Vorsprung von Angela Merkel, muss Steinbrück jetzt weg von der Wand.

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