Zeitung Heute : Stellung halten

Er träumte von Orden und Ruhm. Dann verlor der Soldat George Perez sein Bein – und meldete sich sofort zurück an die Front

Carsten Stormer[Camp Salerno]

Der Soldat George Perez war 19 Jahre alt und gerade fünf Tage im Irak, als sein linker Stiefel auf einer Doppelseite des Nachrichtenmagazins „Time“ landete und sein linkes Bein im Lazarett. Seine Einheit hatte eine Panzerkolonne aus der Stadt eskortiert, als die ferngezündete Bombe direkt neben der Ladefläche des Lastwagens explodierte, auf dem Perez saß. „Ich wurde in die Luft geschleudert. Es fühlte sich an, als würde ich schweben.“ Perez fühlte keinen Schmerz.

„Ich wusste aber, dass ich verletzt war, überall war Blut, mein Blut“, sagt er. Die Angreifer feuerten auf die US-Soldaten, die schossen zurück. Perez versuchte, dem Kreuzfeuer zu entkommen, doch er konnte sich nicht bewegen. Er sah sich um. Sein linker Fuß war um 90 Grad verdreht. Sein leerer Kampfstiefel stand einige Meter entfernt, in der Mitte einer staubigen Straße – die Schnürsenkel noch immer gebunden. Das Foto des einsamen Stiefels ging um die Welt.

Perez streckt sich auf dem Feldbett aus und verschränkt die Arme hinter dem Kopf. Er redet, als würde er die Handlung eines Films erzählen, in dem er die Hauptrolle spielt. Glaubt man Perez, beginnt der Film im irakischen Wüstensand, mit der Katastrophe seines Lebens. Hofft man mit ihm, endet der Film mit einem Happy End, mit dem erfolgreichen Kampfeinsatz eines Amputierten im Südosten Afghanistans.

Zwei Stunden nach dem Anschlag amputierten ihm Armeeärzte im Irak erst zwei Zehen. Später, auf seiner Armee-Basis in Deutschland, noch einen weiteren. Doch eine Wundinfektion fraß den Knochen an und der Arzt sagte ihm, dass er sein Bein, vielleicht auch sein Leben verlieren würde, wenn sie nicht unterhalb vom Knie amputierten. „Tun Sie, was Sie tun müssen. Aber sorgen Sie dafür, dass ich wieder kämpfen kann“, habe er geantwortet.

Sergeant George Perez, heute 22, ist Fallschirmjäger der 82. Infanterie Division aus Fort Bragg, North Carolina, und seit Mai vergangenen Jahres in Afghanistan stationiert. Hier regnet es seit Tagen Bindfäden. Der Boden im Camp Salerno, nahe der pakistanischen Grenze, hat sich in einen Morast aus zentimeterdickem Schlamm verwandelt. Die unbefestigte Landebahn ertrinkt im Wasser. Hubschrauber und Transportflugzeuge können weder starten noch landen, sie würden im weichen Boden versinken. Die Soldaten sind von der Außenwelt abgeschnitten.

Schwere Regentropfen prasseln gegen das Wellblechdach von Perez’ Unterkunft, einer Holzbaracke, die gleichzeitig Arbeitsplatz und Schlafzimmer ist. An den Regalen lehnen Sturmgewehre und Raketenwerfer, zwischen Kisten mit Munition und Granaten liegen zerknüllte Uniformjacken und T-Shirts. Dahinter, getrennt durch einen Vorhang, zwei Feldbetten, ein Fernseher und eine Spielekonsole. „Das ist mein Reich“, sagt Perez und fischt mit seinem M-16 Sturmgewehr nach seinem „Freizeitbein“, wie er es nennt: Ein Unterschenkel aus Fiberglas und mechanischen Gelenken samt Turnschuh.

Perez hat auch noch ein Schwimmbein mit einem Kunststofffuß ohne Schuh und – das ist ihm wichtiger – ein „Dienstbein“. Das heißt so, weil Perez es anzieht, wenn er seinen Dienst antritt, und weil an der Prothese statt des Turnschuhs ein Armeestiefel montiert ist. Als Waffenmeister repariert und wartet Perez das Kriegsgerät seiner Kameraden. Neidisch ist er, sagt Perez, wenn sie in voller Kampfmontur das Lager verlassen. Er wäre gerne dabei, wenn sie „Taliban in den Bergen jagen, oder so. Immerhin wurde ich dafür ausgebildet“, sagt er.

Als er in den Irak ging, träumte der Soldat Perez vom Helden Perez. Er wollte aus dem Krieg heimkehren, überhäuft mit Orden und dem Dank des Vaterlandes. Es waren die Träume eines Teenagers, der sich in marineblauer Paradeuniform im Spiegel bewunderte. Dass er als Krüppel und nicht als gefeierter Haudegen zurückkehren könnte, kam in seinen Träumen nicht vor. Und deswegen musste er zurück in den Krieg.

Gab es keine anderen Möglichkeiten, zu Hause in New Jersey? Perez blickt verwundert auf, als würde er die Frage, die ihm schon oft gestellt wurde, zum ersten Mal hören. „Und dann hinter einem Schreibtisch versauern und mich von den Kollegen bemitleiden lassen?“, fragt er und imitiert ein Gähnen. „Ich bin Soldat. Dieser Kratzer hält mich nicht davon ab, das zu tun, was ich liebe. Andere hat es viel schlimmer erwischt als mich.“ Die anderen, das sind die, die beide Beine oder Arme, ihr Augenlicht, ihren Verstand oder ihr Leben verloren haben. Dem Unverständnis seiner Mitmenschen begegnet Perez mit Trotz. Dann sagt er Sätze wie: „Das Leben ist zu kurz, um traurig zu sein.“ Oder: „Die können mich für verrückt halten, ich werde nicht zulassen, das ich deprimiert aufgebe.“

Perez setzt sich auf die Kante des Bettes, reibt seinen Stumpf und sucht nach Worten, die beschreiben sollen, was „ganze“ Menschen kaum verstehen. „Die Armee ist mein Leben. Ich musste doch beweisen, dass ich noch etwas wert bin – mir selbst, den Vorgesetzten, meinen Kameraden, allen.“ Auf seinem Gesicht erscheinen rote Flecken. „Dafür tue ich alles“, sagt er mit gepresster Stimme. Auch wieder in den Irak gehen? – Stille. „Mein Körper ist bereit, meine Seele noch nicht“, sagt Perez.

George Perez wurde 1984 in Puerto Rico geboren. Die Mutter wanderte in die USA aus, nach New Jersey. Mehrere seiner Onkels waren schon in der Armee gewesen und hatten in Korea, Vietnam und im ersten Golfkrieg für die USA gekämpft. Doch nichts deutete darauf hin, dass der Einwanderersohn es ihnen gleichtun würde. Perez verbrachte seine Zeit mit Schuleschwänzen, Kiffen, illegalen Autorennen und Basketball. Er ändert sein Leben, wie so viele junge Amerikaner, als zwei Verkehrsflugzeuge ins World Trade Center rasten und sich in Feuerbälle verwandelten.

Am 11. September 2001 war George Perez auf dem Weg zur Highschool, in der Ferne glitzerte die Skyline von New York in der Herbstsonne „Ich hatte gerade einen Joint geraucht, und ich sah, wie diese beiden Türme brannten.“ Danach war Schluss mit Drogen. Ein Basketballstipendium für das Florida State College schlug er aus. „Studieren bedeutet doch nichts anderes als Partys, Drogen und Mädchen. So wäre ich nie aus dem Sumpf gekommen.“ Statt Spring Break und College Sex, wählte er militärischen Drill. Nach der Highschool bewarb sich Perez in einem Rekrutierungsbüro der US-Army als Freiwilliger. Am 9. September 2003 landete er in Bagdad. Fünf Tage später im Krankenhaus.

Seit der Explosion ist Perez auf dem linken Ohr taub, auch sein Gedächtnis ist nicht mehr so gut wie früher. Trotzdem meldete er sich nach einem halben Jahr Rehabilitation zurück an die Front. „Das wäre früher undenkbar gewesen“, sagt Chuck Scoville, Direktor des Amputationsprogramms im Walter Reed Army Medical Center, ein Veteranenkrankenhaus in Washington. Nicht nur die Waffentechnik, auch die Prothesenindustrie hat sich weiter entwickelt: „Kriegsverletzungen haben die Entwicklung von Prothesen vorangetrieben. Heute stellen wir Produkte her, die den Anforderungen von Soldaten gerecht werden“, sagt Scoville. Etwa 200 im Irakkrieg verwundeten US-Soldaten wurden bislang im Army Medical Center die Gliedmaße amputiert. Fast alle von ihnen wurden anschließend aus der Armee entlassen und erhalten nun eine lebenslange Versehrtenrente.

Doch einige forderten nach der Operation ihr Comeback als Krieger. Ein Phänomen, das die Generäle im Pentagon zunächst absurd fanden. Sie änderten ihre Einstellung, als der erste amputierte Marine nach sieben Monaten Dienst aus dem Irak heimkehrte. „Wir konnten uns davon überzeugen, dass eine starke geistige und emotionale Verfassung eines Soldaten einen körperlichen Defekt mehr als wettmachen kann“, sagt der stellvertretender Personalchef der US-Streitkräfte Franklin Hagenbeck. Als Anfang 2004 der Präsident und Oberbefehlshaber der Armee George W. Bush das Walter Reed Krankenhaus besuchte, sprach er das Thema „Rückkehr in die Armee“ offen an: „Wenn verwundete Soldaten ihrem Vaterland weiter dienen möchten und sie den Job erledigen können, wird die Armee helfen, dass sie dies auch tun können.“ Bislang wurde ein knappes Dutzend amputierte Veteranen für kriegstauglich befunden.

Schon im Krankenhaus löcherte Perez Generäle, die verwundete Soldaten besuchen, mit Fragen. Er wollte wissen, ob er wieder zurück in seine Einheit könne. „Ich gab ihnen keine Chance, nein zu sagen. Aufgeben? Dieses Wort existiert nicht in meinem Wortschatz“, sagt er. Ein Vier-Sterne-General versprach ihm, dass er es schaffen könne, wenn er wirklich wolle. Seitdem trainierte Perez täglich mehrere Stunden im Fitnesscenter, er begann zu joggen. Den Eignungstest für Rekruten bestand er mühelos: 42 Liegestützen, 53 Sit-Ups, und die zwei Meilen rannte er unter den geforderten 16 Minuten. So wurde George Perez der erste amputierte Soldat der 82. Infanterie Division, der mit einem Fallschirm gesprungen ist. „Ich hatte verdammte Höhenangst, Mann. Doch die Prothese hat gehalten. Danach wusste ich, dass alles möglich ist“, sagt er und starrt auf das große, farbige Tattoo an seinem Unterarm. „Airborne“, steht da, das Zeichen der Fallschirmspringer. Im Mai 2005 ist er in Kabul gelandet.

Perez sitzt auf dem Feldbett, massiert den vernarbten, rotgescheuerten Stumpf und schmiert ihn mit Salbe ein. „Als Einbeiniger braucht man etwas mehr Zeit“, sagt er. „Der Stummel stinkt wie faule Eier, wenn ich ihn nicht täglich pflege.“ Er muss jetzt jeden Morgen eine Stunde früher aufstehen, um Gymnastik zu machen. „Damit das Blut aus dem angeschwollenen Bein läuft und in die Prothese passt“, sagt er.

Der Regen hat aufgehört gegen das Dach zu trommeln. Perez erhebt sich langsam. „Zeit, ein bisschen zu joggen“, sagt er, zwinkert und legt das Freizeitbein an. Perez öffnet die Tür der Baracke, am Himmel hängen noch Gewitterwolken. Er springt über eine Pfütze und fällt in den Trab. „Hey Perez, führst du mal wieder dein Bein spazieren?“, ruft eine blonde Soldatin. Perez wirft ihr einen Kuss zu. Manchmal spüre er noch seine Zehen jucken, sagt er, ein dummer Phantomschmerz. Obwohl es Winter ist und kalt im Camp, joggt er in kurzen Hosen durch das Lager. Manche der Soldaten schauen ihm länger hinterher.

War es das wert? „Ja. Ich habe doch noch Glück gehabt. Mein bester Freund ist neben mir gestorben“, sagt er. Von der Versicherung erhielt Perez 100 000 Dollar und von der Armee drei Beine, jedes kostete 65 000 Dollar. Und die Beförderung zum Sergeanten. Von dem Geld kaufte er ein kleines Haus in New Jersey, in dem seine schwangere Frau Nancy im Moment alleine lebt.

Sein neuer Job als Waffenmeister langweilt ihn. Lieber würde er wieder kämpfen. Bei den „Special Forces“, einer Eliteeinheit der US-Armee. Dafür trainiert er jetzt. Es ist doch alles möglich. „Aber ich kenne mein Limit. Ich würde doch nur meine Kameraden gefährden“, sagt er und wird dann fast sentimental: „Das ist vielleicht mein letzter Auslandseinsatz.“ Eine Alternative zur Army sieht er nicht. „Ich habe keine Ahnung, was ich tun würde, wenn ich nicht beim Militär wäre. Was kann man mit einem Bein schon anstellen? Ich habe nichts gelernt und studieren liegt mir nicht.“

Es beginnt wieder zu regnen, Perez kehrt in seine Baracke zurück. Am Schreibtisch sitzt sein Vorgesetzter Colin Rich, 43, First Sergeant. Eine Gestalt wie aus einem amerikanischen Cowboyfilm; blond, wettergegerbtes Gesicht, die Füße auf einem Papierstapel, im Mundwinkel baumelt eine Zigarette. Nur der Hut fehlt. „Na, Stummelbein. Auslauf gehabt?“, fragt er. – „Yes, Sir.“

Rich ist eine Legende in der 82. Infanterie Division. Nach zwei Kopfschüssen, einen im Irak, den anderen in Afghanistan, ist er nahezu blind – was ihn nicht daran hindert, eine Einheit zu führen, mit seinem Sturmgewehr auf Zielscheiben zu schießen und manchmal zu treffen. Perez hat es Rich zu verdanken, dass er nach Afghanistan durfte. „Er hat sich für mich eingesetzt und mich hergeholt. Er ist mein Held und Vorbild. Er hat mir gezeigt, dass man alles schaffen kann, wenn man will“, sagt Perez. „Sentimentaler Scheißkerl“, antwortet der Blinde und boxt dem Einbeinigen in die Seite.

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